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Fotoband:Eine Säule auf Reisen

Perspektivwechsel: Die Wandersäule schmückt hier ein Münchner Pissoir.

(Foto: Wolfram Kastner, Christian Lehsten)

Heiteres von Wolfram Kastner und Christian Lehsten.

Von Sabine Reithmaier

Für ein Schließfach am Münchner Hauptbahnhof ist die Wandersäule definitiv zu groß. Aber in einen prunkvoll geschnitzten Beichtstuhl passt sie in ihrer Schlichtheit hervorragend, während sie zwischen den gewaltigen Säulen vor dem Haus der Kunst oder dem Brandenburger Tor eher winzig wirkt. Was groß oder gar gigantisch ist, bestimmt allein die Perspektive. Freilich muss die kleine Säule, anders als ihre monumentalen Kollegen, weder Giebel noch Portale tragen, sie lässt sich vielmehr selbst tragen.

Der Münchner Künstler Wolfram Kastner, dessen oft provokante Aktionen meist zur kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit anregen, und der Rothener Fotograf Christian Lehsten reisen seit dem Jahr 2000 mit ihr quer durch Deutschland und haben sie an vielen verschiedenen Plätzen aufgestellt. Eine Auswahl der dabei entstandenen Fotos findet sich nun in einem Buch, das sich auf eine sehr heitere Weise mit Stadträumen beschäftigt und Perspektiven ins Wanken bringt. Denn die Säule verändert die Orte. Sie stört deren gewohntes Aussehen, sorgt dafür, dass der Betrachter die Umgebung anders wahrnimmt. In Berlin lehnt sie schräg auf roten Farbbeutelspritzern hinter dem Marx-Engels-Denkmal, vermittelt den Eindruck, dass die Zeiten, in denen den beiden Herren mit Ehrfurcht begegnet wurde, auch schon länger vorbei sind. Kühle Eleganz dagegen verleiht sie einem Pissoir in einer Münchner Gaststätte, und das zu Blöcken verpresste Altpapier in einem Lager wirkt, geadelt durch die Säule, sogar richtig ästhetisch. Manchmal macht sie allerdings auch nur die banale Hässlichkeit und Leere einer Stadtlandschaft so richtig bewusst.

Die klassische Säule sei Inbegriff der abendländischen Kultur, architektonisches Symbol des "Erhabenen" und des "Göttlichen", Sinnbild standhafter Schönheit und hoher Tragfähigkeit, philosophieren die beiden Herausgeber in ihrem einführenden Text im Buch. Jedenfalls sieht man ihr nicht an, ob sie in einer Demokratie oder einer Diktatur steht. Und Nobel-Preisträgerin Elfriede Jelinek ergänzt in ihrem Beitrag: "Sie enthüllt sich selbst, nein, sie ist ihre eigene Enthüllung, die aber nichts preisgibt von sich. Sie ist einfach: da."

Das gilt auch für die mickrige Wandersäule. Sie stammt aus einem Deko-Laden, ist aus Kunststoff und mit 1,67 Meter nicht besonders groß. Die nackte Afra, die sich aphroditengleich vor der nach ihr und dem Heiligen Ulrich benannten Augsburger Basilika an die Säule schmiegt, überragt sie locker. Wenn es sein muss, lässt Kastner seine Säule auch von Schweinen überrennen oder der Länge nach hinstürzen - wie es vor ihr schon den Säulen vieler berühmter Bauwerke erging. Nichts bleibt eben, wie es ist, auch jeder Ruhm ist vergänglich. Kastner würde freilich noch gern mit der Säule nach Athen fahren, um sie auf der Akropolis aufzustellen. Wäre doch nicht schlecht, statt Eulen mal Säulen nach Athen zu tragen. Wer die Fotos im Original sehen möchte, hat dazu übrigens noch bis zum 30. September in der "Säulenwanderung"-Ausstellung im Tempelmuseum Etsdorf (Gemeinde Freudenberg) die Gelegenheit.

Wolfram Kastner, Christian Lehsten: Säulenwanderung. Fotografien. Büro Wilhelm Verlag, Amberg, 116 Seiten, Preis 24 Euro

© SZ vom 26.08.2020

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