SZ-Serie "Scharf gestellt": "Alle sind auf ihre Weise schön"

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SZ-Serie "Scharf gestellt": "Babys fotografiere ich besonders gerne", sagt Tina Rieger-Gudehus. Hier bereitet sie gerade ihr Studio für ein Shooting vor.

"Babys fotografiere ich besonders gerne", sagt Tina Rieger-Gudehus. Hier bereitet sie gerade ihr Studio für ein Shooting vor.

(Foto: Florian Peljak)

Fotos für Pass, Bewerbung und vom Baby: Tina Rieger-Gudehus bietet Bilder für "alle privaten und geschäftlichen Anlässe" an. Sie sieht sich als Handwerkerin.

Von Sabine Buchwald, München

Wie bringt man ein Baby zum Einschlafen? Diese Frage stellen sich Abend für Abend unendlich viele Eltern. Tina Rieger-Gudehus hat Erfahrungen mit diesem Thema. Sie ist Mutter von zwei Töchtern, inzwischen fünf und acht Jahre alt, und Fotografin. In ihren Fotostudios "Photogenika" bietet sie Bilder für "alle privaten und geschäftlichen Anlässe". So steht es auf ihrer Webseite. Im Gespräch aber sagt sie: "Babys fotografiere ich besonders gerne."

Sie nimmt sich dafür mindestens zwei Stunden pro Sitzung. Dann könnten sich das Kind und die Mutter entspannen. Es bleibe Zeit, in Ruhe zu stillen oder zu füttern, in der Regel schliefen die Kinder dann ein. So bekommen die Eltern dann diese putzigen Fotos von ihren Babys mit Schleifchen im Haar oder nackig auf Lammfell.

Eines von Tina Rieger-Gudehus' Studios ist am Ostbahnhof in unmittelbarer Nähe des dortigen Bürgeramtes mit Meldestelle und Bürgerbüro. Hier sind professionelle, biometrische Pass- und Bewerbungsfotos das große Thema. "Die Leute müssen frontal, ohne zu lachen in die Kamera schauen", sagt Rieger-Gudehus. Na ja, ein Lächeln sei schon erlaubt, schiebt sie nach. Das mache Frau Mustermann bei der amtlichen Fotovorlage schließlich auch - und die Menschen sympathischer. Rieger-Gudehus, im vergangenen Jahr 40 geworden, offenes Gesicht, schulterlange Haare, leger in Jeans, ist eine Frau vom Typ: lieber fröhlich als ernst. Sie überträgt ihr Naturell wohl gerne auf andere.

In ihr Studio im Westend kommen mehr Kunden mit privaten Wünschen, obwohl auch hier Pass- oder Bewerbungsfotos gemacht werden. Die Schaufenster sind unprätentiös dekoriert. Ein paar Porträtbeispiele hängen zwischen der Scheibe und den Vorhängen, keine spektakulären Bilder im Stil von Hochglanz-Magazinen.

Das Studio liegt in einem Altbau in einem Wohnviertel gegenüber einer Grundschule, da würden Dessous-Bilder eher nicht so gut passen. Aber auch das bieten Rieger-Gudehus und ihr Team an. Sie hat derzeit fünf Fotografinnen angestellt und drei Auszubildende. Insgesamt arbeiten bei Photogenika nur Frauen, die auffallend freundlich miteinander umgehen. Die Atmosphäre ist locker, vielleicht durch die Frauengemeinschaft geprägt: helle Möbel, eine Küche mit dominantem Esstisch, Kisten voller Accessoires und Spielzeug für die Kinderfotos. Kleine Hocker, ein paar Kleider und Schminktische wie beim Film mit Glühbirnen an den Seiten. Vor dem Blick in die Kamera darf hier jeder erst einmal ausgiebig in den Spiegel schauen. Wir können zur Fotosession auch eine Visagistin vermitteln, sagt Rieger-Gudehus. Schminke mache etwas mit dem Selbstbewusstsein. Es gefalle ihr zu erleben, wenn sich Frauen plötzlich selbstsicherer ansehen. "Alle sind auf ihre Weise schön." Prinzipiell gehe der Trend zur Natürlichkeit, auch beim Schminken. Kleine Makel, wie ein Pickel, könne man später leicht mit Photoshop eliminieren. "Der wäre ja sonst auch nicht da." Retuschieren ist für private Zwecke ohnehin erlaubt.

Durch den Hintereingang lässt sich in das größte Atelier im Studio ein Motorrad schieben. Eine Kollegin hat darauf Dessous-Fotos gemacht. Solche Aufnahmen sind eher ungewöhnlich hier und Rieger-Gudehus war zuerst auch skeptisch. Dann aber vom Ergebnis begeistert, weil sie nicht aufreizend, sondern ästhetisch stimmig waren. Die meisten, die sich hier nur leicht bekleidet ablichten lassen, wollen das zwar, aber müssten sich erst einmal überwinden. Für eine Wohlfühl-Stimmung wird die Heizung etwas höher gedreht und Lieblingsmusik gespielt. "Ich rede während des Fotografierens viel mit den Frauen und mache ihnen Komplimente", sagt Rieger-Gudehus. Zwischendurch zeige sie die Fotos, damit ein gutes Gefühl für das Ergebnis entsteht.

"Der Babybauch ist in der Gesellschaft angekommen."

Viele Kollegen spezialisierten sich auf bestimmte Genres, das aber sei nicht ihr Ding. "Viel zu langweilig", sagt sie. "Wir sind breit aufgestellt, das macht mir Spaß." Das Team von Photogenika arbeitet für Firmen, fotografiert auch Immobilien. Der Fokus liege aber klar auf Menschen. Die Hausfotografen der gegenüberliegenden Schule aber seien sie nicht, sagt Rieger-Gudehus und lacht, als man sie darauf anspricht. Dazu ist es bislang nicht gekommen, obwohl es das Studio schon seit 2005 gibt. Aber von den Kitas im Viertel werden sie häufig gebucht. Für kleinere Kinder also und für Babys. Rieger-Gudehus findet es schön, manche Menschen über Jahre hinweg zu begleiten. Verlobung, Hochzeit, Schwangerschaft, Kinder, Familienfotos. "Der Babybauch ist in der Gesellschaft angekommen", sagt sie. Und dass sie in den Corona-Monaten vermehrt Familienbilder mit Großeltern gemacht habe.

Die Kunden legten trotz ständig präsenten Handy-Kameras Wert auf professionelle Bilder. Wohl weil es etwas Besonderes ist, ein gemeinsames Erlebnis, zum Fotografen zu gehen. Und das Resultat dann halt doch besser aussieht? Rieger-Gudehus lacht. "Man sollte ein paar Dinge beachten." Diese Tipps gibt sie in der Regel auch bei der Terminanmeldung in ihrem Studio: dezente Kleidung tragen, bei Gruppenfotos farblich aufeinander abgestimmt, das Gesicht nicht vorher eincremen und Kinder vorher satt und glücklich machen. Und dann verrät sie noch den Trick mit den Augen. Alle schließen lassen, einen Countdown verabreden und gemeinsam wieder aufmachen.

Den Wunsch, als Künstlerin zu arbeiten, hatte Tina Rieger-Gudehus nie

Respekt aber hat Rieger-Gudehus dennoch vor der Qualität der Smartphones, die stetig besser wird. Als sie 2007 zu Photogenika in der Guldeinstraße stieß, war sie deshalb anfangs etwas verunsichert. Sie fragte sich, ob ihr Beruf noch eine Zukunft habe. Zwei Jahre später übernahm sie den Laden und schon bald häuften sich die Aufträge. Ein wichtiger Marketingfaktor sei die Webseite, erklärt sie. 2013 eröffnete sie dann die Filiale am Ostbahnhof. "Wir haben unsere Nischen gefunden", sagt Rieger-Gudehus. Der Markt mit den Passbildern allerdings könnte irgendwann wegbrechen. Wenn die Behörden womöglich selbst fotografieren, damit die Bilder fälschungssicherer werden.

Rieger-Gudehus hat die Fotografie nach dem Abitur in München als Lehrberuf gelernt. Den Wunsch, als Künstlerin zu arbeiten, hatte sie nie. Sie sieht sich mehr als Handwerkerin und findet es nicht verkehrt, "schon in der Ausbildung zu sehen, wie Arbeit funktioniert". Ohne ständiges Lernen aber gehe es nicht, schon allein, weil sich die Technik der Kameras ändere. Mit Film fotografieren gehört zum vergangenen Jahrhundert. Sie arbeitet nur noch digital. "Wir machen regelmäßig Workshops und holen uns Anregungen, wo es nur geht", sagt Rieger-Gudehus. Anfangs fand sie neue Ideen überwiegend in Zeitschriften, heute sei sie viel auf Instagram und Facebook unterwegs, um die Veränderungen in der Bildsprache mitzubekommen. Auch hier überwiege immer mehr das Natürliche. Das dürfe sich mittlerweile ruhig auch in Bewerbungsfotos abbilden.

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