Porträt:Begegnung mit sich selbst

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Porträt: "Moi" Selbstporträt des uruguayischen Künstlers Mario Steigerwald. Aktuell arbeitet er in München an einer Polit-Performance zur Flucht von Kindern.

"Moi" Selbstporträt des uruguayischen Künstlers Mario Steigerwald. Aktuell arbeitet er in München an einer Polit-Performance zur Flucht von Kindern.

(Foto: Mario Steigerwald)

Der Fotograf Mario Steigerwald war ein Meister darin, schreckliche Erinnerungen zu verdrängen. 50 Jahre lang führte er ein ganz normales Leben. Dann erwachte sein Trauma. In seiner Jugend war er gefoltert worden.

Von Fiona Rachel Fischer, München

"Wie drückt sich jemand aus, der nicht reden kann? Mit den Augen." Sprache hält der uruguayische Künstler Mario Steigerwald für "armselig" und nicht geeignet, um Gefühle auszudrücken. Doch als nach beinahe 50 Jahren ein Trauma aus seiner Jugend erwacht, wird Schreiben für ihn zum Weg, es zu bewältigen.

München ist sein Zuhause, das Rationaltheater in der Hesseloherstraße 18 seine Bühne. Zwischen Ledersesseln, einem Klavier und einer Bar streicht leise Musik von Enya durch die Dunkelheit des Theaterraums. Auf einem Tisch steht ein großer Karton mit Schwarzweißfotos von Geflüchteten, die Streetphotographer Steigerwald 2015 am Hauptbahnhof gemacht hat. Aktuell arbeitet er mit dem Besitzer des Theaters an einer Polit-Performance zur Flucht von Kindern - "Lost Children". Die Flüchtlingsfotografien sind Steigerwalds Beitrag. Kinder, die vor Gewalt und Unterdrückung fliehen müssen - das sei ein schreckliches, in der Geschichte immer wiederkehrendes Unrecht, sagt er.

Mario Steigerwald war auch eins dieser Kinder. Vor einigen Monaten räumte er mit dem Theaterbesitzer die Bühne auf. Sie unterhielten sich über Steigerwalds Motivation, sich an "Lost Children" zu beteiligen. Während sie sprachen, fiel Steigerwalds Blick auf seine eigene rechte Hand und blieb dort hängen. Auf einmal nahm er die zwei verkrümmten Finger überdeutlich wahr.

Als Schüler schloss er sich den Tupamaros an

"Und da kam es mir", er seufzt tief, "kam es mir hoch. Ich konnte mit niemandem reden." Auch jetzt ringt er angesichts der Erinnerungen um Worte. "Ich habe meine Haut angeschaut und das Gefühl, das ich gespürt habe. Wie kann man es erklären?" Seine gebrochene Hand, die Schmerzen, die Angst, das Verhör. Mario Steigerwald fasste den Mut, dem Erlebnis und seiner Erinnerung daran einen Namen zu geben: Folter. "Du bist gefoltert worden. Es war kein Unfall." Fast 50 Jahre nachdem ihm dieses Leid widerfuhr, gelingt es ihm, das zuzugeben. Vor sich und vor seinen Freunden. Verdrängen, das ist eine Überlebensstrategie der Psyche. Aber was, wenn man sich an das absichtlich Vergessene aus Versehen doch erinnert?

Als Schüler hatte sich Steigerwald in seiner Heimat in Uruguay der kommunistischen Bewegung der Tupamaros angeschlossen. Er protestierte damit gegen die militärische Unterdrückung nach dem Staatsstreich im Juni 1973. "Ich hatte zwei Leben", erinnert er sich. Ein normales, in der Schule, bei seinen Eltern, und ein "namenloses" Leben, wie er es nennt, mit Barrikaden, Protestaktionen und Pamphleten. Doch seine Eltern kamen ihm auf die Schliche. Sie wollten ihren Sohn fortschicken, zu einer Tante in der Schweiz.

Zuerst weigerte sich Steigerwald - bis er bei einer Barrikade schließlich festgenommen und verhört worden ist. Danach gab er dem Drängen seiner Eltern nach. Er flog mit 17 Jahren nach Genf, in ein anderes Leben. "Irgendwann, irgendwo, irgendwie geboren", philosophiert er heute. "Am 7.2.1974 in Genf gelandet. Da habe ich angefangen, wieder zu leben. Da bin ich geboren worden."

Erst arbeitete er in Genf, später in München im Krankenhaus; in den Achtzigern studierte er Kunst, Graphik und Fotografie an der Ècole Supérieure Artistique "Le 75" in Brüssel. Die Arbeit in seiner Werbeagentur Contraste, die er nach dem Studium gründete, habe ihn schließlich zur Kunstfotografie gebracht. Schwarzweiß als Gegengewicht zum schrillen Werbestil, den die Kunden gerne sahen. "Ich bin halt Künstler geworden", sagt er heute. Ein verbales Schulterzucken. "Du hast etwas in dir, das muss raus."

Die Kunst - und gerade das Schreiben - ist und war schon immer seine Art und Weise, schmerzhafte Erfahrungen zu verarbeiten. Tief vergraben in seiner Atelierwohnung findet er, nach jener plötzlichen Erkenntnis im Theater, eine Sammlung von Geschichten und Gedichten aus seiner Jugend in Uruguay. "Ich habe immer gesagt, ich kann nicht schreiben." Er vertraue der Ausdruckskraft seiner Worte nicht. Oft, wenn er versucht, seine Gefühle zu benennen, gibt er auf. Und doch bezeugen die Texte aus seiner Jugend, dass er sich schon früh schreibend und dichtend ausgedrückt hat. Nur wusste er das bis vor kurzem nicht mehr. Verdrängt. Genauso wie die Gefühle und Erinnerungen, die in den Texten seiner Jugend stecken.

"Ich möchte nicht schreiben...", geht ein Text von damals, "nicht denken, aber ... es würde meinen Tod bedeuten, nein..." Steigerwald erinnert sich wieder daran, was die Suche nach Worten für ihn bedeutet hatte: "Damals hat es mir geholfen weiterzumachen." Die Erinnerungen sind in den Texten konserviert, das Trauma ist heute beinahe so frisch wie damals. Mario Steigerwald hat Angst. Angst davor, was ihm seine Erinnerungen noch offenbaren. Angst vor den Schmerzen, die in dem Verdrängten lauern. Darüber zu sprechen, kostet Steigerwald viel Kraft. Seufzen, Gesten, in der Luft hängende Sätze versuchen das zu sagen, was er nicht aussprechen kann.

Rechtschreibfehler gibt es nicht, Wortneuschöpfungen sind willkommen

"hay segundos que te acompañan toda la vida" - "es gibt sekunden die dich ein ganzes leben lang begleiten." Solche Sekunden drängen Steigerwald dazu, sich mit ihnen zu beschäftigen. Das jedoch kann er nur, wenn er sie in Worten fixiert. So hat er das Schreiben wiederentdeckt, auf Spanisch, klein und ohne die ach so wichtigen Akzente. Durch diese Regelbrüche baut er sich einen Raum der Freiheit, glaubt er. Rechtschreibfehler gibt es nicht, Wortneuschöpfungen sind willkommen. Denn das Schreiben darf Steigerwald nicht erzwingen. "Ich kann nicht sagen 'ich setze mich hin und schreibe'. Das funktioniert nicht, das Schreiben kommt zu mir."

Nicht immer gelingt es ihm, auszudrücken, was er fühlt - oder zu fühlen, was er gerne ausdrücken möchte: "Wenn ich daran denke, gewollt oder ungewollt, schließe ich Türen wieder", erklärt Steigerwald bedauernd. Er beschreibt den Weg, den seine Gedanken von seinem Kopf durch seinen Arm in den Stift und auf das Papier nehmen. Doch das Handgelenk, das sei ein Filter, wie ein Zensor. Steigerwald schreibt mit seiner rechten, verkrümmten Hand. Wie aber kann er diesen Kampf ausdrücken? "schreibend / habe ich heute nichts weiter geschrieben / von zeit zu zeit dringt eine gewisse zerbrechlichkeit / in meine hände, wenn ich aus notwendigkeit (mir) / ausdrücken will was ich fühle."

So stellt er sich Schritt für Schritt seinen Erinnerungen. "Ich lasse diese Schmerzen raus, auf Papier", sagt Steigerwald. Poesietherapien, das sind Methoden zur Traumabewältigung, die sich des Auf-Schreibens und Dichtens bedienen. Der halbfiktive Raum, der sich dabei öffnet, hilft, sich den schmerzhaften Gefühlen zu stellen, die man in Worte zu fassen versucht - wie beim Tagebuchschreiben. Der Effekt, den Steigerwald bei seinem kreativen Schreiben spürt, dürfte ähnlich sein.

In der Kunst findet er am ehesten den Mut, sich seinem verdrängten Trauma zu stellen

Er habe daran gedacht, sich professionelle Hilfe zu holen, um sein Trauma zu verarbeiten. "Aber ich habe gemerkt, dass ich diese Hilfe in meinem Atelier hatte." Er zweifle daran, dass ein Therapeut ihm helfen könne. Es sei unmöglich für ihn, seine Gefühle und seine Situation einfach so im Gespräch zu vermitteln. "Ich habe einen Therapeuten, und das ist die Kunst." In der Kunst findet er am ehesten den Mut, sich seinem verdrängten Trauma zu stellen. Die Farben, die Fotographie und kinetische Mobile-Kunst, die er zudem herstellt, das alles, sagt Steigerwald, habe ihn gerettet. Das kreative Schreiben sei jedoch am wichtigsten. Papier und Stift hat er jetzt immer dabei. Denn wenn es ihn überkomme, ein Satz, ein paar Verse, dann müssen sie raus. Die Worte und die Gefühle. Hat Steigerwald sein Vertrauen zur Sprache nun tatsächlich wiedergefunden? Und ist das überhaupt entscheidend? Nun, es sind immerhin die Worte seiner Texte und Gedichte, denen er sich anvertraut.

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