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Fotografie:Die Entdeckung Amerikas

Lila Hartig hat für ihre Bachelor-Arbeit in bayerischen Stützpunkten der US-Army fotografiert. Sie fand typisch amerikanische Lebensart mit Riesen-Supermärkten und Fastfood-Ketten - aber nicht nur

Die Häuser des Rocky-Mountain-Way säumen gleichmäßig die Straße: orange verputzte Doppelhaushälften mit gepflegten Vorgärten. Neben der Haustür hat jemand eine Fahne angebracht: Stars and Stripes. Auf dem Gehweg: ein Kürbis. Bald ist Halloween. Es ist die perfekte Idylle einer amerikanischen Kleinstadt. Nur liegt die nicht in Amerika, sondern in der Oberpfalz, in Grafenwöhr.

Der kleine Ort ist einer von vielen Standorten, an dem sich amerikanische Besatzer nach dem Zweiten Weltkrieg niedergelassen haben. Die Amerikaner sind bis heute geblieben, ebenso ihre Kultur. Fotografiestudentin Lila Hartig hat genau diese Kultur fotografiert. Für ihre Bachelor-Arbeit im Fach Design an der Hochschule München hat die 25-Jährige zwei US-Army-Stützpunkte in Bayern besucht und das Leben der Soldaten und ihrer Familien mit der Kamera dokumentiert. Es ist ein seltener Einblick, denn die Amerikaner leben dort abgeschirmt von der bayerischen Wirklichkeit.

Wer rein will in das militärische Gebiet, muss durch eine Passkontrolle. Fotografieren? Streng verboten. Dabei würde man manches kaum glauben, wenn man keine Fotos hätte; dass da Menschen mitten in Europa mit Dollar bezahlen. Dass der Strom aus 110-Volt-Steckdosen fließt und am Straßenrand in der bayerischen Einöde die Leuchtreklame des "Roadside Diner" zum Essen einlädt. "51st State" hat Lila ihre Arbeit genannt - 51. Staat. Passt zu dieser Parallelwelt.

Lila, die ursprünglich aus Landshut kommt, war nach dem Abitur selbst ein Jahr in den USA. Die Popkultur des Landes habe sie damals fasziniert. Das Inbild der Popkultur: Disneyland - Amerikaner bauen nach europäischen Märchenvorlagen eine Traumwelt mit Micky-Mäusen, Achterbahnen, Zuckerwatte. Genau dort arbeitet Lila ein Jahr lang: in Epcot, einem Themenpark, der zum Disney Resort gehört. Dort gibt es einen sogenannten World Show Case. "Da werden Länder ausgestellt", erklärt Lila das Prinzip des Freizeitparks. Auch Deutschland. Da stehen niedliche, mittelalterliche Häuser, wie man sie hierzulande aus Rothenburg ob der Tauber kennt. In kleinen Läden können die Besucher Weine und Weihnachten kaufen. Im deutschen Restaurant stehen Klassiker wie der "Black Forest Cake" auf der Karte. Lilas Job: Bier ausschenken, in Tracht. "Kulturrepräsentant" nennt sich das. Vorher hatte sie nicht mal ein Dirndl.

Mit ihren Kollegen wohnt Lila auf dem Gelände des Freizeitparks, unternimmt von dort aus Reisen, um das echte Amerika zu entdecken. Las Vegas zum Beispiel. Das Mekka amerikanischer Lebensart. Es ist eine Scheinwelt, in der Lila merkt, wie wichtig Heimat sein kann. "Wir sind auch in deutsche Restaurants gefahren, weil wir das Bier vermisst haben", erzählt sie. Die junge Fotografin hat selbst erfahren, wie das ist, fremd zu sein.

Nun also diese Abschlussarbeit: Heimat fotografieren, amerikanische Heimat im Miniformat. Die Bilder, die dabei entstehen, legen bewusst den Fokus auf das Privatleben der Soldaten. Ein Privatleben unter schwierigen Bedingungen: Die Soldaten müssen oft umziehen und sind selten länger als ein paar Jahre an einem Standort. "Heimat auf Zeit", nennt Lila das. "Es hat mich fasziniert, dass man sich so einen kleinen Staat aufbaut, der komplett amerikanisch ist und man dort autark von Bayern lebt", sagt Lila. Der 51. Staat eben: Die Kinder der Soldaten lernen nach amerikanischem Schulsystem, eingekauft wird in riesigen Supermärkten. Amerikanische Ignoranz? Nicht wirklich, das weiß Lila inzwischen. Wer dauernd umzieht, für den ist Heimat umso wichtiger. Manchmal ist Heimat eben das Fast-Food-Menü bei Taco Bell.

Was Lila Hartig durfte, gelingt nicht vielen Fotografen: Die Münchner Studentin konnte sich mit ihrer Kamera bei amerikanischen Soldaten umschauen.

(Foto: Franziska Schrödinger)

Für ihre Abschlussarbeit hat Lila sich mit vielen Soldaten unterhalten. Bei einer Familie konnte sie sogar an Thanksgiving sein - einem der wichtigsten Feiertage für die Amerikaner, den viele nur im engen Kreis ihrer Familie verbringen. Daraus entstanden ist ein freundschaftlicher Austausch zwischen den verschiedenen Lebenswelten. "Die Amerikaner, die ich getroffen habe, sind sehr interessiert an unserer Kultur", sagt Lila. "Die suchen ja auch ihre Wurzeln in Europa." Wurzeln suchen. Keine einfache Sache für jemanden, der dauernd umzieht. Die Soldatenfamilie, die Lila fotografisch begleitet hat, verreist viel, will Europa entdecken. Auf dem Reiseplan: unter anderem das Konzentrationslager Auschwitz. Es ist diese Ambivalenz zwischen eigener und fremder Kultur im Leben der Soldaten, der Lila mit ihren Bildern gerecht werden will.

Die politische Dimension der Stationierung spart die junge Fotografin in ihren Bildern bewusst aus. Dabei geraten gerade amerikanische Militärbasen in Deutschland immer wieder in die Kritik der Öffentlichkeit. So zum Beispiel der Air-Force-Stützpunkt in Ramstein, Rheinland-Pfalz: In Ramstein werden Daten amerikanischer Drohneneinsätze analysiert und in die USA weitergeleitet. Drohneneinsätze, die in Ländern wie dem Jemen oder Afghanistan Menschen töten. Verständlich, dass US-Soldaten in Deutschland kritisch gesehen werden. Der 51. Staat, den Lila mit der Kamera einfängt, ist mit seinen Zäunen und Passkontrollen also auch Schutzraum für die Soldaten. Denn die verschwinden in der Öffentlichkeit schnell hinter Klischees: Blinder Patriotismus, amerikanische Machtfantasien. Lila weiß, dass viel mehr dahinter steckt. Da gibt es zum Beispiel den jungen Soldaten ohne Highschool-Abschluss, den sie fotografiert hat. Seine Eltern haben in einer Wohnwagensiedlung gelebt, er selbst war in einer Drogengang. Die Army ist für ihn eine Möglichkeit des sozialen Aufstiegs.

Lila war übrigens - zu ihrer eigenen Sicherheit - nie allein unterwegs: Eine professionelle Kamera wirkt irgendwie verdächtig auf einem Militärgelände. Lila, eine Spionin? Ja, eine Kulturspionin.

© SZ vom 07.04.2015

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