Forstenried Durchwabert von Geschichten

Menschen, Tiere, Bäume: Martin Weinhart fängt den Kosmos des Forstenrieder Parks mit der Kamera ein

Von Jürgen Wolfram, Forstenried

Der Dichter Matthias Claudius bedarf einer Ergänzung: Im Süden von München erstreckt sich ein Wald, der steht keineswegs schwarz und schweiget. Mitnichten sagen sich im Forstenrieder Park Fuchs und Hase gute Nacht; vielmehr grüßen Jogger und Pilzsammler, Spaziergänger, Radler und Reiter. Bis zu 20 000 Menschen tummeln sich an sonnigen Wochenenden in dem schattigen Landschaftsschutzgebiet zwischen Würm und Isar. Nicht alle von ihnen begegnen den Waldarbeitern mit Freundlichkeit, diese gelten der Freizeitgesellschaft eher als Störenfriede. Anders Wildschweine und Rothirsche, die sich größter Zuneigung erfreuen. Der Filmemacher Martin Weinhart hat sich auf diese eigentümliche Gemengelage eingelassen und für die BR-Reihe "Unter unserem Himmel" eine zweiteilige Dokumentation gedreht. Sie lässt kaum einen Aspekt der Waldwirklichkeit aus. Nicht die Widersprüchlichkeit des Menschen, der einerseits Wildbret kulinarisch schätzt, sich andererseits über das Töten von Tieren empört. Und nicht die Geschichte und Geschichten, die den Forstenrieder Park durchwabern wie Morgennebel.

Im Forstenrieder Park trifft man auf Blechbläser.

(Foto: Pascal Hoffmann)

Einst Jagdgebiet der Wittelsbacher, erfüllt der Forstenrieder Park heute vor allem Funktionen als Wirtschaftswald und Erholungsgebiet. Der Adel ist Geschichte, die Gegenwart verkörpert Wilhelm Seerieder, Forstbetriebsleiter im Staatsdienst. Er spürt "die Historie im Nacken", den Auftrag, als "Treuhänder des Waldes" für ein paar Jahrzehnte sein Bestes zu geben. Dazu zählt, Konflikte mit Naturschützern auszuhalten. Oder das Überleben des extrem seltenen Juchtenkäfers zu sichern. Nützen und schützen, ein spannender Mix.

Rot- und Schwarzwild sind immer auf Futtersuche.

(Foto: Pascal Hoffmann)

Weinharts Waldwanderung mit der Kamera führt mitten hinein ins Leben unter Wipfeln. Putzig purzelnde Frischlinge, futterzahme Rehe, ein Schwarzspecht als wahrer Nisthöhlenbaumeister - der Regisseur nimmt die Zuschauer mit auf eine ökologische Entdeckungsreise. Was verbirgt sich hinterm allgegenwärtigen Rascheln, worin besteht das Geheimnis der alten Eichen, was richtet der Borkenkäfer an, der heutzutage mit Hilfe einer "Insekten-App" bekämpft wird? Der Film gibt Antworten, ohne Jägerlatein zu erzählen.

Jäger Alexander Mania mit Gebirgsschweißhund Nala.

(Foto: Pascal Hoffmann)

Berührender noch als das Auftauchen von Bambi erscheinen Szenen, in denen Menschen porträtiert werden, die für das Wohl des von Urbanität bedrängten Lebensraums verantwortlich sind. Der Betrachter fühlt sich ein in die Gemütslage des Berufsjägers Alexander Mania, der jedes Jahr ein paar hundert Tiere zur Strecke bringen muss, damit der Forst nicht an Verbiss verendet. Mania schießt "ohne lang zu zögern, damit keine Gefühle in den Vordergrund kommen, die nicht zielführend sind". Man macht Bekanntschaft mit Revierförster Andreas Wallner. Der Mann ist trotz aller Routine ein Naturfreak geblieben, fasziniert davon, wie sich aus Kaulquappen im Parkweiher Erdkröten und Springfrösche entwickeln. Dann kreuzt noch Jacques Volland auf, Vorsitzender des Vereins der Freunde des Forstenrieder Parks. Der Forstwissenschaftler und Historiker weiß eine Menge zu erzählen, etwa über die Diensthütte Gelbes Haus, an deren Wänden Bilder mit Tiermotiven hängen. Vom Künstler aus Dankbarkeit geschaffen, an Jagdgesellschaften teilnehmen zu dürfen. Die Story der Hexenhäusl-Rettung hat Volland überdies parat.

Ein Besuch bei Ernst Ziegler, dem Vorsitzenden des Historischen Vereins Forstenried, hat sich für das Filmteam ebenfalls gelohnt. Ziegler weiß die "staatstragende Bedeutung" der einstigen Hofjagden mit ihrem Ausgangspunkt Schloss Fürstenried aufzuzeigen. So soll der französische Kaiser Napoleon dem bayerischen Kurfürsten Max I. Joseph in einer Diensthütte die Königswürde angetragen haben. Wie die Forsthäuser, so atmen auch die Waldmessen im Park Tradition. Fahnenabordnungen flankieren den Geistlichen, auf einer Lichtung ertönt feierliche Blasmusik; eine pittoreske Szenerie. Martin Weinhart hat wenig ausgelassen in seinem Forst-Opus. Dass er die Reviere Unterdill und Maxhof im Filmuntertitel salopp zum "Großstadtrevier" zusammenfasst, dürfte der Begeisterung für sein Sujet geschuldet sein. Sie lässt sich nachvollziehen.

Unter unserem Himmel: Der Forstenrieder Park, Teil 1, BR, Sonntag, 13. Januar, 19.15 Uhr. Teil 2 folgt exakt eine Woche später.