Forstenried Domino im Grünen

Streitpunkt: Die Awo-Unterkunft soll erweitert werden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nachbarn der Unterkunft für junge Flüchtlinge in Forstenried fordern ebenfalls Baurecht

Von Jürgen Wolfram, Forstenried

Kritiker des Projektes haben es kommen sehen: Genehmigt die Stadt der Arbeiterwohlfahrt (Awo), ihre Unterkunft für junge, in Ausbildung befindliche Flüchtlinge an der Herterichstraße 158 bis in den regionalen Grünzug hinein zu erweitern, werden unweigerlich andere Grundeigentümer auf den Plan treten und gleiches Baurecht fordern. Dieser Präzedenzfall ist nun eingetreten; die unmittelbaren Nachbarn des Awo-Hauses - es steht auf städtischem Gelände - haben eine Bauvoranfrage eingereicht. Sie wollen an der Herterichstraße 160 mehrere, bis zu drei Stockwerke hohe Wohn- und Bürogebäude errichten, die sich gleichfalls über ein reines Wohngebiet hinaus in die einstige Tabuzone erstrecken würden.

Die CSU-Fraktion im Bezirksausschuss (BA) Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln hat den Antrag zum Anlass für die Forderung genommen, in beiden Fällen eine Ausdehnung der Bauvorhaben in die einst geschützte Grünfläche zu verhindern beziehungsweise die Genehmigung für die Arbeiterwohlfahrt rückgängig zu machen. Für den zweiten Wunsch der CSU fand sich keine Mehrheit. Einig war man sich aber, den Vorbescheidsantrag einer "großkopferten Familie", so der O-Ton von Alexander Aichwalder ( Grüne), abzuweisen.

Zur Begründung hieß es, die Gebäudehöhe würde diejenige der benachbarten Herberge für junge Migranten deutlich überragen, auch die Gebäudetiefe hätte "keine Entsprechung in der Umgebung". Überdies könnte ein geplanter "Querriegel" das Erscheinungsbild stören.

Unabhängig von der Ablehnung der aktuellen Voranfrage wegen der baulichen Dimensionen werde man noch erleben, dass Grundeigentümer in Forstenried auf den Grundsatz der Gleichbehandlung bestünden, prophezeite Karl Hans Pauli (CSU); aus gutem Grund habe seine Fraktion stets davor gewarnt, Bezugsfälle zu schaffen. "Wir sollten die Stadt jetzt auffordern, ihre Genehmigung für das Awo-Vorhaben, soweit es auf dem Flurstück im Grünzug liegt, zurückzuziehen", mahnte Pauli. Noch deutlicher wurde seine Fraktionskollegin Claudia Küng. Sie sprach von einem erwartbaren "Dominoeffekt", der am Ende ein liebens- und lebenswertes Umfeld in Forstenried zerstören würde. "Nur weil der Stadt das Grundstück gehört, kann nicht plötzlich Unrecht zu Recht werden", sagte Küng und betonte die Unantastbarkeit der regionalen Grünzüge.

Sozialreferat und Arbeiterwohlfahrt sehen das anders und treiben die Erweiterung der Flüchtlingsunterkunft zielstrebig voran - ungeachtet aller Proteste, die unter anderem in einer Unterschriftenaktion ihren Niederschlag gefunden haben. Die Schaffung von 47 Wohnplätzen für junge Leute mit Migrationshintergrund sind das Ziel. Bisher stehen an der Herterichstraße 158 zehn solcher Einzelquartiere zur Verfügung. Nach Ansicht der SPD und der Grünen wird das Vorhaben auf gesicherter rechtlicher Basis verwirklicht. "Die Lokalbaukommission hat entschieden, es geht um einen Innen-, nicht um einen Außenbereich", erläuterte dazu Michael Kollatz (SPD). Es bestehe also Baurecht, entsprechende Genehmigungen seien daher "zwingend". Das sah die Mehrheit im Bezirksausschuss dann schließlich genauso.

Vor allem weil die Awo-Pläne zuletzt noch überarbeitet und begrünungsfreundlich reduziert worden seien, nannte Alexander Aichwalder (Grüne) den neuerlichen Vorstoß der CSU-Fraktion gegen das Awo-Projekt "kontraproduktiv". Die Fraktionssprecherin der Grünen, Henriette Holtz, war der andauernden Diskussionen um die Herterichstraße 158 bereits überdrüssig. "Durch die hundertste Wiederholung wird die Debatte nicht spannender", sagte sie und forderte, einen Schlussstrich unter diese Angelegenheit zu ziehen.