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Forstenried:Die Genies von der Radlwerkstatt

Mit viel Improvisationstalent bringen die Bewohner der Unterkunft Fahrräder für die ganze Familie in Schuss.

(Foto: Sebastian Gabriel)

In der Unterkunft an der Forstenrieder Allee haben Geflüchtete und ihre Helfer schon mal mit der Verkehrswende begonnen

Von Jürgen Wolfram, Forstenried

Nachhaltigkeit, Klimawandel, Verkehrswende. Solche Schlagworte können die meisten Bewohner der dezentralen Flüchtlingsunterkunft an der Forstenrieder Allee kaum aussprechen. Aber sie haben gemeinsam mit ihren freiwilligen Helfern schon mal angefangen, diese wichtigen Zukunftsprojekte umzusetzen. Im Mittelpunkt stehen dabei Komposter, Rosenkästen und drei Hochbeete, auf denen zurzeit unter anderem Minze gedeiht - sowie eine betriebsame Radlwerkstatt. Rosmarie Rampp hält das Engagement für so vorbildlich, dass sie es jetzt gemeinsam mit der Heimleitung und mehreren Akteuren öffentlich vorstellte. Rampp leitet und koordiniert den 22-köpfigen Helferkreis der Unterkunft im Süden von München. Betrieben wird diese in der Regie des Asylsozialdienstes der Caritas.

Über Hausaufgabenbetreuung und Deutsch-Nachhilfe hinaus fühlen sich viele der 170 Unterkunftsbewohner motiviert, einen aktiven Beitrag zu Integration und Umweltschutz zu leisten. Ob Einzelpersonen, ganze Familien oder Alleinerziehende; ob aus Afghanistan stammend, wie die meisten hier, oder aus Somalia und Eritrea - der Nutzgarten, um den sich feste Gruppen kümmern, sowie die Radlwerkstatt wirken auf sie wie Magneten. Bei den fahrrad-affinen Ehrenamtlichen Fedder Lund und Günter Fieger-von-Kritter herrscht stets ein Gewusel, als sei die Reparaturstation der zentrale Marktplatz eines afrikanischen Dorfes. Fieger-von-Kritter, der die Werkstatt im Mai 2019 eröffnete, zeigt sich angetan von den handwerklichen Fähigkeiten der Geflüchteten: "Da sind tolle Genies dabei."

Ein Angebot wie die Radlwerkstatt ist in Flüchtlingsunterkünften in München keine Selbstverständlichkeit. Aber an diesem Ort findet Hilfe zur Selbsthilfe alle zwei Wochen statt. Längst hat das Gros der Bewohner von der Forstenrieder Allee ein Fahrrad erworben und in Schuss gebracht. In der Regel haben sie fünf Euro für ihre Bikes bezahlt, die aus Versteigerungen und Spenden stammen. Mit Radl sind sie nicht mehr auf öffentliche Verkehrsmittel und deren kompliziertes Tarifgeflecht angewiesen. Radlausflüge in den weitläufigen Forstenrieder Park gehören für manchen Asylbewerber inzwischen zum Wochenprogramm.

Die Unterkunft an der Forstenrieder Allee existiert seit Mai 2017. Argwohn der Anwohner begleitete anfangs ihre Entstehung, doch die Bedenken haben sich rasch verflüchtigt. Das mag mit der überschaubaren Größe der Einrichtung zu tun haben, oder mit dem reibungslosen Zusammenspiel von Heimleitung und Helfern. "Jedenfalls ist das eine harmonische Unterkunft", ist sich Rosmarie Rampp sicher. Probleme, welcher Art auch immer, hielten sich in Grenzen. Selbst die Corona-Geschichte des Pavillon-Komplexes sei bisher glimpflich verlaufen.

© SZ vom 27.08.2020

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