bedeckt München 19°

Streit um Forst Kasten:Ein Wald zum Verzweifeln

Baumbesetzung im Forst Kasten

Wipfelstürmer: Ein Klimaaktivist hat sich im Forst Kasten in die Bäume gehängt.

(Foto: Florian Peljak)

Knapp zehn Hektar Wald sollen für den Kiesabbau gerodet werden. Während die Aktivisten den Wald besetzen, wehren sich Stadträte gegen Vorschriften von Rathaus und Regierung, wie sie über den Fall abstimmen sollen.

Von Thomas Anlauf

Sie schreiten in Formation durch den Forst. Zwei Polizisten vorne, zwei in der Mitte, zwei hinten. Die Beamtin hinten rechts tänzelt manchmal und weicht den braunen Pfützen aus. Hier links geblickt, parken zwei große Tiertransporter der Polizei auf der kleinen Lichtung des Wald-Kreativ-Kindergartens. Die riesigen Rösser dazu sind hundert Meter weiter am Wegesrand zu sehen. Der große Braune kaut entspannt auf etwas herum, der Schwarze scharrt mal kurz mit dem Huf - und der berittene Polizist obendrauf drückt unvermittelt dem Kollegen nebenan das Funkgerät an der Brusttasche aus, es könnte ja jemand mithören. Es ist ein seltsamer Tross, der da am Mittwoch durch den regenfeuchten Forst Kasten stapft. Eine Handvoll Journalisten, Dutzende Polizisten, sie alle haben ein Ziel: die Waldbesetzung im Buchenhain.

Seit Dienstagnachmittag haben junge Menschen mitten im Forst Kasten zwischen Neuried und Planegg ein kleines Camp aufgeschlagen. Die Klimaaktivistinnen und Naturschützer wollten in einer zunächst streng geheimen Aktion mehrere Bäume besetzen, um gegen die Rodung von knapp zehn Hektar Wald zu protestieren. Daraus wurde nichts, weil die Polizei ziemlich schnell von der Aktion erfahren hatte und mit Dutzenden Beamten in den Forst gerast war.

Die Personalien wurden kontrolliert und eine Warnung ausgesprochen: Baumklettern verboten. Die Demonstranten fügten sich der Anweisung, sie blieben in der Nacht am Waldboden und schliefen notdürftig unter Planen und in Schlafsäcken. Mittlerweile ist die Versammlung zunächst bis Donnerstag genehmigt. An einigen großen Transparenten, die am Mittwoch in luftiger Höhe hängen, ist zu erkennen, dass die Waldbesetzer eigentlich hoch hinaus wollten. Und an einem Vogelhäuschen, das an einer Buche hängt, steht jetzt geschrieben: "besetzt".

Es ist eine bunte Gruppe, die am Mittwoch mitten im Buchenwald von ihrer Aktion berichtet. Da ist zum Beispiel Gwendolyn Rautenberg. "Am Donnerstag soll bereits über das Schicksal des Forst Kasten entschieden werden. Der Stadtrat kann nun aufgrund unserer Ankündigung der Waldbesetzung gegen die Rodung entscheiden oder bei einer Entscheidung für die Rodung mit weitaus größeren Kosten als Schadensersatzansprüchen rechnen", sagt die 19-jährige Klimaaktivistin.

Baumbesetzung im Forst Kasten

Am Protest dürfen sogar Phantasietiere teilnehmen.

(Foto: Florian Peljak)

Rautenberg spielt nicht nur darauf an, dass eine dauerhafte Waldbesetzung den geplanten Kiesabbau deutlich verzögern könnte. Sondern auch darauf, dass bei einer Ablehnung des Sozialausschusses an diesem Donnerstag möglicherweise Schadensersatzansprüche in Millionenhöhe entstehen könnten, für die eventuell die abstimmenden Stadträte persönlich haftbar gemacht werden könnten. So lautet zumindest die einhellige Meinung des Sozialreferats und der Regierung von Oberbayern, die die Aufsicht über die Heiliggeistspital-Stiftung haben. Der Münchner Stiftung gehört seit Jahrhunderten der Forst Kasten, mit dem Erlös aus der Waldnutzung soll vor allem das eigene Altenheim finanziert werden.

Einen Tag vor der Abstimmung haben deshalb die Fraktionsvorsitzenden der Grünen und der SPD einen eindringlichen Appell an Regierungspräsidentin Maria Els geschickt. Damit wollen "wir unseren Protest ausdrücken, dass wir im Vorfeld der Abstimmung zur Auskiesung des Forst Kasten im Sozialausschuss (...) durch Schreiben Ihrer Behörde an der freien Ausübung unseres Amtes gehindert werden". Die bei einem Nein zur Auskiesung drohenden Konsequenzen würden "vom Straftatbestand der Untreue bis hin zu hohen individuellen Schadensersatzforderungen an die 21 Mitglieder des Sozialausschusses" reichen, heißt es in dem Papier, das die Fraktionsvorsitzenden Anna Hanusch und Florian Roth (Grüne) sowie Anne Hübner und Christian Müller (SPD) am Mittwochnachmittag unterzeichnet haben. "Die Abholzung und Auskiesung des Forstes widerspricht allen politischen Erwartungen der Bevölkerung in München, aber auch im Landkreis", heißt es in dem Schreiben weiter. Die "jetzt erzwungene Entscheidung" für eine Vergabe der Auskiesung an ein Neurieder Unternehmen, das bei einer Ausschreibung das beste Angebot abgegeben hatte, "entspricht nicht unserer Überzeugung und ist politisch nicht vermittelbar". Die Fraktionsvorsitzenden der Stadtratskoalition fordern Regierungspräsidentin Els auf, "dass wir frei abstimmen können, ohne zivil- oder gar strafrechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen".

Aktivisten besetzen Forst Kasten Aktivisten besetzen Forst Kasten. Sie protestieren damit gegen den geplanten Kahlschlag

Die Polizei hat etwas gegen Baumkletterer, auch wenn der Protest bislang friedlich ist.

(Foto: Thomas Vonier/imago)

Nicht nur die grün-rote Stadtratsmehrheit versucht nun noch, in letzter Minute eine Rodung im Stiftungswald zu verhindern. Am Dienstag verlangte die grüne Landtagsfraktion von Ministerpräsident Markus Söder in einer großen Anfrage Aufklärung über den möglichen Kiesabbau im Bannwald am südwestlichen Rand von München. Zudem versuchten die Stadtratsgrünen mit mehreren juristischen Untersuchungen Wege aus dem Dilemma zu finden, damit sie ohne persönliche strafrechtliche Konsequenzen ihrer Überzeugung nach abstimmen können und nicht als Stiftungsräte, wie es bislang vorgesehen ist.

Thomas Lechner ist einer der Ausschussmitglieder, die abstimmen müssen. Er steht an diesem Mittwoch im Buchenhain im Forst Kasten und sagt: "Ich werde für Nein stimmen" und empfiehlt seinen Kolleginnen und Kollegen für die Sitzung: "Geht doch bei der Abstimmung zum Bieseln."

© SZ vom 20.05.2021/baso
Zur SZ-Startseite
windrad

SZ PlusErneuerbare Energien
:Wie steht es um die Windkraft?

Wo sie entstehen, gibt es Protest, mitunter Morddrohungen: Im Ebersberger Forst sollen fünf Windräder gebaut werden. Es sind nicht die ersten im Großraum München und dürften nicht die letzten sein.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB