bedeckt München 26°

Forschung:Der Täter, das Opfer und wir

Seit fünf Jahren arbeiten Gerhard Hackenschmied und seine Kollegen Missbrauchsfälle wie die im Klosterinternat Ettal auf. Sie führen lange und belastende Gespräche, ihr Institut IPP ist mittlerweile eine feste Größe. Dabei begann alles mit einer ganz anderen Aktion für den Verein SOS Kinderdorf

Es gibt angenehmere Aufgaben als die von Gerhard Hackenschmied. In den vergangenen fünf Jahren hat der Psychologe mit seinen Kollegen Dutzende Opfer von sexuellem Missbrauch danach befragt, was ihnen in ihrer Kindheit widerfahren ist, im Klosterinternat Ettal, an der hessischen Odenwaldschule oder am oberösterreichischen Stift Kremsmünster. Er hat ihre Schilderungen gesammelt und ausgewertet, Berichte von Schlägen, von Erniedrigungen und von sexuellen Übergriffen, immer wieder. Und er hat sich mit den Tätern an einen Tisch gesetzt, mit Männern die Jugendliche misshandelt haben und nicht immer eingesehen haben, wie falsch das war.

Gerhard Hackenschmied ist einer von derzeit neun festen Mitarbeitern im Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), dazu kommen bis zu acht Freiberufler. Ihr Institut an der Ringseisstraße in der Münchner Isarvorstadt ist zu einer überregional gefragten Adresse geworden, wenn es um die sozialpsychologische Aufarbeitung von Missbrauchsfällen geht. Der jüngste Auftrag kam aus Hildesheim: Das IPP soll für das dortige Bistum Vorwürfe prüfen und dessen Präventionskonzept begutachten.

Dabei ist den Münchnern dieses Tätigkeitsfeld eher zufällig zugefallen. Begonnen habe die Arbeit mit einem Projekt für den Verein SOS Kinderdorf, erzählt Heiner Keupp. Der emeritierte Professor für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität sitzt im Konferenzraum des IPP an einem Tisch zwischen Regalen voller Ordner und Bücher. Ende der Siebzigerjahre habe der Verein eine Beratungsstelle in Neuperlach eröffnet, um Familien in prekären Verhältnissen zu unterstützen, sagt er. Vier junge Wissenschaftler sollten prüfen, wie gut das gelang; er selbst sei als Professor unterstützend dabei gewesen.

Das Kloster Ettal - auch von hier wurden Missbrauchsfälle gemeldet.

(Foto: Imago)

Die Forscher nahmen sowohl die sozialen Strukturen in den Blick als auch die psychologische Perspektive der Familien. Ihre Antwort war kritisch: Gerade die ärmsten Familien hatten Hemmungen, Hilfe zu akzeptieren. "Familien aus der Mittelschicht tun sich da viel leichter", sagt Keupp. Doch dem Verein SOS Kinderdorf nutzte auch dieses Ergebnis: Er entwickelte Angebote, die man ohne viel Aufwand in Anspruch nehmen kann, lud etwa zu Flohmärkten oder offenen Treffen, um mit ärmeren Familien in Kontakt zu kommen. Und die vier Wissenschaftler hatten an ihrer Arbeit so viel Spaß gefunden, dass sie dabei blieben. Sie gründeten das IPP.

In den folgenden Jahren suchten sie immer wieder neue Themen und Auftraggeber; denn getragen wird das IPP zwar vom gemeinnützigen Verein für psychosoziale Initiativen, finanzieren aber müsse sich das Institut über Drittmittel, sagt Keupp. Unter Geschäftsführer Florian Straus arbeiteten die Wissenschaftler nun für Ministerien und Universitäten, für Kommunen, Vereine und Stiftungen. Es gab Studien zur hohen Burn-out-Quote von Selbständigen oder auch zur Gesundheit von Jugendlichen aus benachteiligten sozialen Schichten. Es gab Präventionsprojekte, um Lehrer für rechtsextreme und salafistische Netzwerke zu sensibilisieren. Die Forscher entwickelten ein Qualitätssiegel für die berufsbezogene Jugendhilfe, es gab Studien zur Pflege alter Menschen, zur Identität von Jugendlichen oder auch zu derjenigen von größeren Gruppen, etwa bei der Fußball-WM 2006.

Künftig wolle man sich unter anderem damit beschäftigen, woran es liege, dass manche Jugendliche aus prekären Verhältnissen Widerstandsfähigkeit entwickeln, während andere scheitern, sagt Keupp. Und das IPP betrieb auch Grundlagenforschung: Mit dem Ansatz einer "Patchwork-Identität", wonach die Menschen, vereinfacht gesagt, alltäglich an ihrer grundsätzlich flexiblen Identität arbeiten, hätten sie dabei am meisten Aufsehen erregt.

Zwei Themen zogen sich dabei durch viele Projekte: die Jugendhilfe und die Forschung über Benachteiligte, und dabei beziehe man die Betroffenen grundsätzlich eng ein, sagt Keupp. Wohl auch deswegen sei 2011 der Verein der Ettaler Missbrauchsopfer auf sie aufmerksam geworden: Der Opfer-Verein suchte bewusst ein kirchenfernes Institut. Für das IPP ging es zum ersten Mal um Missbrauch.

Psychologe Gerhard Hackenschmied (links) und Heiner Keupp, emeritierter Professor für Sozialpsychologie an der LMU.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Dessen Aufarbeitung sei eine belastende Arbeit, sagt Gerhard Hackenschmied. Generell arbeiten die Forscher mit einer Mischung aus verschiedenen Methoden: Sie werten Statistiken aus, sie analysieren Netzwerke, und sie führen Interviews, um Zusammenhänge zu erkennen. Für die Aufarbeitung der Fälle zum Beispiel in Ettal bedeutete das lange Gespräche mit Opfern und Tätern sowie mit Tätern, die zugleich Opfer waren: die als Jugendliche selbst misshandelt worden waren und sich als Erwachsene dann genauso verhielten.

Natürlich gehe ihm das Erzählte oft nahe, sagt Hackenschmied. Aber es helfe, zusammen mit anderen Wissenschaftlern im Team zu arbeiten. In Pausen oder während der langen Zugfahrten zu den Gesprächspartnern und zurück könne man sich zumindest etwas Luft machen. "Und Interviews mit den Tätern führen wir auch gerne einmal zu zweit."

In Ettal machten die Forscher am Ende eine "Kultur der Ermöglichung" von Missbrauch aus, mit überfordertem Personal, einer überkommenen Prügelpädagogik, von den Eltern isolierten Kindern und einer tabuisierten Sexualität. Um diese Kultur zu überwinden, müsse man die Strukturen anpacken, Leitbilder formulieren, gegenseitige Achtsamkeit und Gespräche miteinander fördern, sagen sie. Und wesentlich sei nicht zuletzt die Aufarbeitung selbst: Missbrauchsopfern helfe es bereits, wahrgenommen zu werden und endlich über das Erlebte sprechen zu können.