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Flugreisen:München sucht die Super-Stewardess

Die Uniformen (v. li.) der Siebzigerjahre, von heute, der Achtziger-, Fünfziger und Sechzigerjahre präsentierten Flugbegleiterinnen zum Casting.

(Foto: Catherina Hess)
  • Die Lufthansa will auf einigen Strecken den Service ausweiten. Darum sucht der Konzern für die Standorte München und Frankfurt etwa 1500 Flugbegleiter.
  • Die zu finden ist schwierig. Bei der Lufthansa führt man das darauf zurück, dass es in München kaum freie Kräfte gebe.

Von Christina Hertel

Im deutschen Fernsehen wurde im Prinzip alles und jeder schon einmal gecastet. Vom klügsten Haustier bis zum gerissensten Geschäftsmann. Alles schon mal gesehen. Bei solchen Castingshows bewerben sich auf einen Schlag Tausende Menschen - Zahlen, von denen offenbar auch die Lufthansa träumt. Aber zum Glück lässt sich ja das Prinzip ohne Kamera relativ leicht nachstellen und so kam der Konzern auf eine Idee: ein Casting für Flugbegleiter. Das erspart auch das lästige Schreiben des Lebenslaufs, jeder kann einfach vorbeikommen und mitmachen.

Ist der Beruf nun so begehrt, dass sich Bewerber in einem Casting behaupten müssen? Oder ist es umgekehrt? Ist der Beruf so unpopulär geworden, dass der Konzern auf solche Maschen setzen muss, um überhaupt Bewerber anzulocken? Früher jedenfalls war Fliegen noch etwas Exklusives, Piloten waren Helden, Stewardessen die Königinnen der Lüfte. Sie servierten Kaviar, und zwar auf einem Tablett mit echten Gläsern. Und heute? Finden viele Jugendliche den Job offenbar nicht mehr ganz so glamourös.

So würde es die Lufthansa nicht ausdrücken. Die Bewerberzahlen für München seien zwar zurückgegangen, sagt Jost Lauter, der für die 5 500 Flugbegleiter in der Landeshauptstadt zuständig ist. Jedoch führt er das eher darauf zurück, dass in München quasi Vollbeschäftigung herrscht - da habe es kein Unternehmen leicht. Jedenfalls aber sucht Lufthansa ziemlich dringend Personal - etwa 1500 Flugbegleiter für die Standorte München und Frankfurt. Ungewöhnlich seien diese Zahlen nicht, einige würden in Rente gehen, außerdem soll der Service ausgeweitet werden - auf manchen Strecken soll es wieder einen Restaurantservice geben, also wie früher mit Tablett und Tischdecke.

So viel vorneweg: einen Personalleiter, der zu lange unter der Sonnenbank gelegen und locker unverschämte Sprüche à la Dieter Bohlen bringt, gibt es beim Casting nicht. Und auch keine Blondine mit zu hoher Stimme, die mit Fotos wedelt. Vor der Halle in Ismaning, wo das Casting stattfindet, steht eine lange Reihe aus Dutts und Pumps, Blazern, Anzügen und ein paar Rollkoffern. Alles ist sehr glattgebügelt, so auch die Gesichter mit einer entsprechenden Menge Make-up. Viele von denen, die hier stehen, gehen noch zur Schule, sehen aber aus, als wären sie gerade aus dem Flugzeug gestiegen.

Wie bei Heidi Klum gibt es auch beim Flugbegleitercasting mehrere Runden, die jetzt die Bewerber durchstehen müssen. Zwischendurch heißt es Warten auf weißen Ledercouches bei Müsliriegeln und Nüsschen. Da setzen sich immer mal wieder ein paar Stewardessen dazu und schwärmen von ihrem Job. Immer Vier- bis Fünf-Sterne-Hotel, immer zentral, in New York geht's abends zum Broadway. "Aber ich bin da auch ganz ehrlich, im Winter sitze ich auch gerne einfach im Hotel und ess 'ne Tüte Chips." "Wow, das muss unbedingt klappen", sagt eine Casting-Teilnehmerin dazu.

Aber ist es überhaupt noch so, dass man nach einem Flug ein paar Tage Urlaub an exotischen Orten machen kann? "Ach", meint eine junge Bewerberin, "das wäre gar nicht so schlimm, wenn ich nicht so viel sehen würde, weil ich ständig im Flugzeug bin". Sie ist Fremdsprachenkorrespondentin, will den Job aber für ein Leben in den Lüften aufgeben.

Dass so ein Casting mit großen Plakaten in der ganzen Stadt notwendig geworden ist, weil der Beruf nicht mehr so begehrt ist, glaubt Alexander Behrens, der Vorsitzende der Flugbegleitergewerkschaft Ufo, nicht. Aus seiner Sicht ist das Flugbegleiterdasein nach wie vor attraktiv, die Unternehmen müssten sich eben nur dem Zeitgeist anpassen und auf die Bewerber zugehen. Also Castingshow statt Assessment-Center.

© SZ vom 17.10.2016/bhi

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