Flugausfälle und Verspätungen:Der Flughafen steht nun enorm unter Druck

Eigene Aufpasser für Notausgänge? Borgschulze räumt das erst auf Nachfrage ein; wie viele im Einsatz sind und was das kostet, sagt er nicht. Überhaupt geben der Flughafen und die beteiligten Behörden nur sehr dosiert Informationen heraus, auch um möglichen Übeltätern nicht zu viel zu verraten. Sicherheitsfragen sind sensibel, und im Fall der Flughafen München Gesellschaft (FMG) auch heikel. Denn die steht inzwischen gewaltig unter Druck.

Der Flughafen bildet sich viel ein auf seine Passagierfreundlichkeit, erst im März wurde er wieder vom Institut Skytrax als Europas bester Airport ausgezeichnet. Die Passagierzahlen steigen, die Geschäfte laufen gut - da kratzen solche Vorfälle, deretwegen Hunderte Flüge ausfallen, gewaltig am Image. Und sie kosten Millionen, den Flughafen wie die Fluggesellschaften, vor allem die Lufthansa, die mit dem Flughafen zusammen das Terminal 2 betreibt.

Flugausfälle und Verspätungen: Flugausfälle kosten nicht nur die Passagiere Nerven, sondern auch die Airlines viel Geld - auch um die Gestrandeten zu versorgen.

Flugausfälle kosten nicht nur die Passagiere Nerven, sondern auch die Airlines viel Geld - auch um die Gestrandeten zu versorgen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Nach der stundenlangen Sperrung in diesem August twitterte der CSU-Landtagsabgeordnete Ernst Weidenbusch: "Früher konnte München Flughafen; inzwischen ist die #FMG nur noch peinlich!" Eine pikante Äußerung: Weidenbusch saß noch bis Januar im Aufsichtsrat der FMG, ihm wurde nachgesagt, er wäre selbst gerne Nachfolger des scheidenden Flughafen-Chefs Michael Kerkloh geworden. Nein, damit habe seine Kritik nichts zu tun, beteuert der Abgeordnete. Stoppschilder, mehrsprachige Beschriftungen der Türen, Aufpasser an neuralgischen Punkten, lückenlose Kameraüberwachung - schon nach den Vorfällen im vergangenen Jahr habe er im Aufsichtsrat "klipp und klar gesagt, was geschehen muss". Selbst eine Begehung habe es gegeben. "Die haben ein Jahr lang nichts gemacht", sagt Weidenbusch über die FMG-Chefetage.

Den Vorwurf der Untätigkeit weist Sicherheitschef Borgschulze zurück. Andere Mitglieder des Aufsichtsrats sind genervt von Weidenbuschs ruppiger Art, halten seine Kritik für völlig überzogen. Wiederum andere lassen erkennen, dass man durchaus von der Geschäftsführung verlangt habe, aktiv zu werden. Ein Eingeweihter berichtet, dass auch das Finanzministerium - dem Freistaat gehören 51 Prozent der FMG-Anteile - enormen Druck auf die Flughafen-Chefs aufgebaut habe: So etwas dürfe sich nicht mehr wiederholen.

Wer für die Zustände zuständig ist

Wie man eine solche Wiederholung verhindern kann, das bespricht alle drei Monate der Arbeitskreis Security. Mehr als ein Dutzend Behörden und Unternehmen wie die FMG, ihre Tochterfirmen oder die Fluggesellschaften gehören dieser Runde an. Sie alle sind mit Sicherheitsfragen befasst, das Zusammenspiel ist "komplex", wie es Thorsten Ledinsky ausdrückt, der stellvertretende Leiter der Bundespolizei am Flughafen.

Der Zaun rund ums Gelände, damit niemand auf die Startbahn oder das Vorfeld rennt? Ist Sache des Flughafens respektive seiner Tochterfirma CAP. Die Gepäck- und Passagierkontrolle? Ist Sache des Freistaats, der dafür ein eigenes Unternehmen betreibt, die Sicherheitsgesellschaft am Flughafen München (SGM). Die Kontrolle der Crews? Ist Sache der Fluggesellschaften, die damit wiederum die CAP betrauen. Und hinter allem steht die Bundespolizei, die für die Gefahrenabwehr zuständig ist. Sie übernimmt das Kommando, wenn etwas passiert.

So wie am 28. Juli 2018, beim ersten und folgenreichsten aller fünf Zwischenfälle: Eine 40-jährige Frau aus Deutschland geht frühmorgens durch die Fluggastkontrolle im Terminal 2, ohne kontrolliert zu werden. Offenkundig ein Fehler der SGM-Beschäftigten, die an der Kontrollstelle 11/12 gerade Dienst tun. Zwei reden miteinander und sind abgelenkt, so stellt es das zuständige Luftamt Südbayern dar. Als das einer weiteren SGM-Kraft auffällt, versucht man, die Frau zurückzuholen - erwischt dabei aber die falsche.

Chaos am Münchner Flughafen, 2018

Am ersten Sommerferienwochenende 2018 fielen ungefähr 330 Flüge am Münchner Flughafen aus. Circa 34 000 Passagiere waren betroffen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Mitarbeiter informieren ihren Vorgesetzten, der die Luftsicherheitsstelle des Luftamts am Flughafen anruft. Die wertet die Videoaufzeichnungen aus. Nach einer Viertelstunde informiert diese wiederum die Bundespolizei. Ein Beamter fährt hinüber in die Luftsicherheitsstelle und schaut sich ebenfalls die Aufzeichnungen an. Er alarmiert seinen Vorgesetzten, der ordnet schließlich die Sperrung des Terminals an - eine geschlagene Stunde ist da vergangen, seit die Frau die Kontrollstelle passiert hat. Sie wird später zwar identifiziert, aber nicht gefunden: Schon als die Bundespolizei den Alarmstern aktiviert, ist die Gesuchte über den Wolken, im Flieger gen Barcelona.

Anders als Zigtausende Menschen, die in der Folge im Erdinger Moos festhängen. Sie brüten in der Hitze, das Terminal ist völlig überfüllt, manche bekommen Kreislaufprobleme, schreien, streiten sich an den Schaltern um Sitzplätze. Noch tagelang sind Flughafen und Airlines damit beschäftigt, liegen gebliebene Koffer zuzustellen. Etwa 34 000 Passagiere sind von dem Chaos betroffen - es ist der erste Tag der Sommerferien in Bayern.

Bei den Fluggastkontrollen hat man auf den Vorfall reagiert: In jeden Körperscanner sei jetzt ein Alarmierungssystem eingebaut, erläutert Luftamtsleiter Ulrich Ehinger. Wenn ein Passagier durch den Scanner läuft, ohne dass ihn der SGM-Mitarbeiter dafür freigegeben hat, schlägt es Alarm. "Dieses System ist deutschlandweit einzigartig", sagt Ehinger, "luftsicherheitsmäßig nicht zwingend notwendig, aber für den Kontrollablauf besser." Glasscheiben vor den Scannern bilden einen Trichter und sollen verhindern, dass es davor zu unübersichtlich und eng wird. Auch werden regelmäßig Testpersonen durch die Kontrollen geschickt, um das korrekte Verhalten der Mitarbeiter zu überprüfen.

Flugausfälle und Verspätungen: Bei den Fluggastkontrollen hat der Freistaat technisch nachgerüstet.

Bei den Fluggastkontrollen hat der Freistaat technisch nachgerüstet.

(Foto: Marco Einfeldt)

Dass am Flughafen nicht die Bundespolizei die Hoheit über die Gepäck- und Passagierkontrollen hat, ist eine Besonderheit: Das gibt es nur in Bayern. Hier ist der Freistaat dafür zuständig, in Gestalt des Luftamts Südbayern, das bei der Regierung von Oberbayern angesiedelt ist und das damit eine staatseigene Firma betraut: die SGM. Sind das nicht ein bisschen viele Stellen? Dauerte es am 28. Juli 2018 deswegen eine ganze Stunde, bis der Alarm ausgelöst wurde? Dies zu vereinfachen, wäre eine Sache des Gesetzgebers, nicht der Behörden oder des Flughafens. Die aber versichern, ihre Lektion gelernt und die "interne Abstimmung optimiert" zu haben. Wie genau, verraten sie nicht.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB