Flugausfälle und Verspätungen:Nur eine Tür vom Chaos entfernt

Sperrung des Terminals 2 am Flughafen München, Tausende Passagiere warten

Am 28. Juli 2018 wurde das Terminal 2 über Stunden gesperrt und geräumt. An diesem Tag strandeten Zigtausende Fluggäste im Erdinger Moos.

(Foto: Marco Einfeldt)
  • Fünfmal sind in diesem und im vergangenen Jahr große Teile des Münchner Flughafens nach einem Sicherheitsvorfall gesperrt worden.
  • Manchmal hatte das kaum Folgen, manchmal aber waren Zigtausende Reisende betroffen.
  • Die Gründe dafür sind vielfältig - ein großes Problem sind die Notausgänge und auch die Architektur des Terminals 2.
  • Der Flughafen und die beteiligten Behörden haben reagiert: So gibt es jetzt zum Beispiel deutlichere Warnungen und Aufpasser an den Notausgängen, Glaswände werden verklebt, die Personenkontrollen technisch nachgerüstet.

Von Kassian Stroh

Bei der Bundespolizei geht der Alarm um kurz nach halb acht Uhr ein. Jemand hat an jenem Dienstagmorgen einen Notausgang geöffnet. Der Grund: unklar. Der Ort: heikel. Die Tür führt in den Sicherheitsbereich des Münchner Flughafens. Die diensthabenden Beamten in der Einsatzzentrale lassen sich, so schildert das später die Bundespolizei, vom Sicherheitszentrum des Flughafens die Bilder der Videokameras an jener Tür auf den Computer schicken. Die Lage ist eindeutig: Ein Mann ist hindurchgegangen, in den Sicherheitsbereich hinein, und im Gewühl des Terminals 2 verschwunden. Den Polizisten bleibt keine Wahl: Nach wenigen Minuten, um genau 7.40 Uhr, lösen sie selbst Alarm aus, "Alarmstern" nennen sie das intern.

Das sei einfach eine Taste am Telefon, die drücke man und alle seien im Nu informiert, heißt es bei der Bundespolizei. Kein Boarding mehr, keine Passkontrollen, kein Koffer wird mehr verladen, keine Passagiere dürfen mehr durch die Sicherheitskontrollen, der U-Bahn-Shuttle zwischen dem Terminal und seinem Satellitenbau wird gestoppt. Am Flughafen ruht die Abfertigung, wie eingefroren. Nur für die Polizei, die das Terminal schließlich sogar räumt, fängt die Arbeit jetzt erst richtig an - und für die Passagiere der Ärger.

Am Ende jenes Dienstags, am Abend des 27. August 2019, stehen in der Bilanz: Dutzende verspätete und an die 200 komplett gestrichene Flüge, mehr als 25 000 betroffene Passagiere, Millionenkosten für den Flughafen und die Airlines. Allein die Lufthansa akquiriert binnen Stunden etwa tausend Hotelbetten im Umland, um Gestrandete unterzubringen. Am Ende stehen auch viele Fragen: Musste das alles sein? Lässt sich das nicht verhindern, dass ein Mann einfach so durch eine Tür geht, durch die er nicht gehen dürfte? Und wenn er es doch tut, muss man gleich große Teile von Deutschlands zweitgrößtem Flughafen lahmlegen?

Und dies war ja nicht der einzige Vorfall: Fünfmal ist in diesem und im vergangenen Jahr wegen eines Sicherheitsalarms im Erdinger Moos die Abfertigung gestoppt worden - und das sind nur die Vorfälle, die öffentlich bekannt wurden. Was ist da los? Und tut der Flughafen etwas dagegen? Eine Spurensuche.

Die Not mit den Notausgängen

An der Glastür, durch die der Mann gegangen ist, hängt jetzt wie an allen Notausgängen ein rotes Schild, fast einen Meter hoch, darauf eine abweisende Hand, "STOP" und "ALARM" in Großbuchstaben und dazu in mehreren Sprachen der Hinweis, dass dies ein Notausgang ist, der nur im Notfall zu nutzen sei. Wer ihn öffnen will, muss erst an einem grünen Kasten eine Plastikkappe abreißen und den grellroten Knopf darunter drücken. Dann blinkt eine weiße Lampe, es fiept laut - und erst dann lässt sich die Klinke und damit die Tür öffnen. Doch Missbrauch ist auch dadurch nicht sicher zu verhindern.

Flugausfälle und Verspätungen: Der Flughafen hat nach den Zwischenfällen reagiert: An den Notausgängen hängen nun größere und mehrsprachige Warnschilder.

Der Flughafen hat nach den Zwischenfällen reagiert: An den Notausgängen hängen nun größere und mehrsprachige Warnschilder.

(Foto: Marco Einfeldt)

Alexander Borgschulze bittet in ein Besprechungszimmer am Munich Airport Center, ein Ausweichraum des Flughafen-Krisenstabs. Borgschulze leitet die Konzernsicherheit. Nun lässt er auf dem Bildschirm an der Wand ein paar Videos von Überwachungskameras ablaufen. Sie zeigen: Einen jüngeren Mann mit Handy am Ohr, einen älteren Mann, ein Paar mit Gepäckwagen. Einer nach dem anderen steuert auf eine Notausgangstür zu, betätigt den Knopf, löst Alarm aus.

Wie oft das passiert, will Borgschulze nicht sagen. "Aber das kommt häufig vor." Wenn wie in diesen Fällen die Passagiere dann doch nicht durch die Tür gehen, sind die Folgen harmlos. Dann kommen sogenannte Alarmverfolger des Flughafens, kontrollieren die Tür, verriegeln sie und machen sie wieder alarmbereit.

Am 13. September 2019 aber öffnet ein Mann im Ankunftsbereich des Terminals 1 einen solchen Notausgang, der in den öffentlichen Bereich führt - dorthin, wo Familien und Freunde auf die Reisenden warten. Er geht hinaus. Direkt hinter ihm folgt ein zweiter Mann, wie die Bundespolizei berichtet. Einer der beiden bleibt draußen im öffentlichen Bereich, ihn findet die Polizei später: ein gut 50-jähriger Türke, der eine Anzeige bekommt, weil er die Grenzkontrolle umgangen hat. Der andere Mann hingegen geht nach wenigen Minuten durch denselben Notausgang zurück in den Sicherheitsbereich. Wieder Alarmstern, wieder stoppt die Polizei die Abfertigung. Denn sie kann auf den Videoaufnahmen nicht lückenlos nachvollziehen, was der Mann in der Zwischenzeit draußen gemacht hat, er hätte ja eine Waffe an sich nehmen können. Anderthalb Stunden dauert die Sperrung, die Polizei durchsucht den betroffenen Bereich und findet nichts, auch den Mann nicht. Man habe auf Videos nachvollziehen können, dass er normal durch die Passkontrolle gegangen sei, berichtet Bundespolizei-Sprecher Christian Köglmeier. Dann sei er verschwunden.

Die Notausgänge sind ein großes Problem, drei der fünf Sicherheitsvorfälle in den vergangenen 17 Monaten gehen auf sie zurück. "Die Tür muss ihren Zweck erfüllen, sich im Notfall so schnell wie möglich öffnen zu lassen", sagt Borgschulze. Etwa wenn es brennt oder eine Panik ausbricht. Lässt sie sich aber zu leicht öffnen, entsteht das Problem, dass Menschen oder Gegenstände unkontrolliert in den Sicherheitsbereich gelangen können.

Seit dem vergangenen Jahr wurde nachgerüstet: Die großen roten Schilder mit der aufgedruckten Hand sind neu, "wir haben versucht, die Wahrnehmbarkeit zu erhöhen", erklärt Borgschulze. Vorher waren die Türen nur mit "Notausgang" beschriftet, die Warnung nur auf Deutsch und Englisch zu lesen. Seit einigen Wochen kommen überall Aufkleber dazu in Arabisch, Russisch und Chinesisch. Und man merke schon, dass die Zahl der Vorfälle, in denen Menschen Notausgänge irrtümlich für normale Türen halten, zurückgehe, sagt Borgschulze, wenn auch "nicht auf null".

Manche Türen haben neuerdings sogar eigene Bewacher: Bei jener, durch die am 27. August 2019 der Mann ging, steht nun ein Drehstuhl; darauf nimmt immer dann ein Mitarbeiter Platz, wenn hier Betrieb ist. Auch bei anderen neuralgischen Notausgängen hat das der Flughafen eingeführt. Bei allen werde man das aber nicht schaffen, sagt Borgschulze.

Der Flughafen steht nun enorm unter Druck

Eigene Aufpasser für Notausgänge? Borgschulze räumt das erst auf Nachfrage ein; wie viele im Einsatz sind und was das kostet, sagt er nicht. Überhaupt geben der Flughafen und die beteiligten Behörden nur sehr dosiert Informationen heraus, auch um möglichen Übeltätern nicht zu viel zu verraten. Sicherheitsfragen sind sensibel, und im Fall der Flughafen München Gesellschaft (FMG) auch heikel. Denn die steht inzwischen gewaltig unter Druck.

Der Flughafen bildet sich viel ein auf seine Passagierfreundlichkeit, erst im März wurde er wieder vom Institut Skytrax als Europas bester Airport ausgezeichnet. Die Passagierzahlen steigen, die Geschäfte laufen gut - da kratzen solche Vorfälle, deretwegen Hunderte Flüge ausfallen, gewaltig am Image. Und sie kosten Millionen, den Flughafen wie die Fluggesellschaften, vor allem die Lufthansa, die mit dem Flughafen zusammen das Terminal 2 betreibt.

Flugausfälle und Verspätungen: Flugausfälle kosten nicht nur die Passagiere Nerven, sondern auch die Airlines viel Geld - auch um die Gestrandeten zu versorgen.

Flugausfälle kosten nicht nur die Passagiere Nerven, sondern auch die Airlines viel Geld - auch um die Gestrandeten zu versorgen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Nach der stundenlangen Sperrung in diesem August twitterte der CSU-Landtagsabgeordnete Ernst Weidenbusch: "Früher konnte München Flughafen; inzwischen ist die #FMG nur noch peinlich!" Eine pikante Äußerung: Weidenbusch saß noch bis Januar im Aufsichtsrat der FMG, ihm wurde nachgesagt, er wäre selbst gerne Nachfolger des scheidenden Flughafen-Chefs Michael Kerkloh geworden. Nein, damit habe seine Kritik nichts zu tun, beteuert der Abgeordnete. Stoppschilder, mehrsprachige Beschriftungen der Türen, Aufpasser an neuralgischen Punkten, lückenlose Kameraüberwachung - schon nach den Vorfällen im vergangenen Jahr habe er im Aufsichtsrat "klipp und klar gesagt, was geschehen muss". Selbst eine Begehung habe es gegeben. "Die haben ein Jahr lang nichts gemacht", sagt Weidenbusch über die FMG-Chefetage.

Den Vorwurf der Untätigkeit weist Sicherheitschef Borgschulze zurück. Andere Mitglieder des Aufsichtsrats sind genervt von Weidenbuschs ruppiger Art, halten seine Kritik für völlig überzogen. Wiederum andere lassen erkennen, dass man durchaus von der Geschäftsführung verlangt habe, aktiv zu werden. Ein Eingeweihter berichtet, dass auch das Finanzministerium - dem Freistaat gehören 51 Prozent der FMG-Anteile - enormen Druck auf die Flughafen-Chefs aufgebaut habe: So etwas dürfe sich nicht mehr wiederholen.

Wer für die Zustände zuständig ist

Wie man eine solche Wiederholung verhindern kann, das bespricht alle drei Monate der Arbeitskreis Security. Mehr als ein Dutzend Behörden und Unternehmen wie die FMG, ihre Tochterfirmen oder die Fluggesellschaften gehören dieser Runde an. Sie alle sind mit Sicherheitsfragen befasst, das Zusammenspiel ist "komplex", wie es Thorsten Ledinsky ausdrückt, der stellvertretende Leiter der Bundespolizei am Flughafen.

Der Zaun rund ums Gelände, damit niemand auf die Startbahn oder das Vorfeld rennt? Ist Sache des Flughafens respektive seiner Tochterfirma CAP. Die Gepäck- und Passagierkontrolle? Ist Sache des Freistaats, der dafür ein eigenes Unternehmen betreibt, die Sicherheitsgesellschaft am Flughafen München (SGM). Die Kontrolle der Crews? Ist Sache der Fluggesellschaften, die damit wiederum die CAP betrauen. Und hinter allem steht die Bundespolizei, die für die Gefahrenabwehr zuständig ist. Sie übernimmt das Kommando, wenn etwas passiert.

So wie am 28. Juli 2018, beim ersten und folgenreichsten aller fünf Zwischenfälle: Eine 40-jährige Frau aus Deutschland geht frühmorgens durch die Fluggastkontrolle im Terminal 2, ohne kontrolliert zu werden. Offenkundig ein Fehler der SGM-Beschäftigten, die an der Kontrollstelle 11/12 gerade Dienst tun. Zwei reden miteinander und sind abgelenkt, so stellt es das zuständige Luftamt Südbayern dar. Als das einer weiteren SGM-Kraft auffällt, versucht man, die Frau zurückzuholen - erwischt dabei aber die falsche.

Chaos am Münchner Flughafen, 2018

Am ersten Sommerferienwochenende 2018 fielen ungefähr 330 Flüge am Münchner Flughafen aus. Circa 34 000 Passagiere waren betroffen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Mitarbeiter informieren ihren Vorgesetzten, der die Luftsicherheitsstelle des Luftamts am Flughafen anruft. Die wertet die Videoaufzeichnungen aus. Nach einer Viertelstunde informiert diese wiederum die Bundespolizei. Ein Beamter fährt hinüber in die Luftsicherheitsstelle und schaut sich ebenfalls die Aufzeichnungen an. Er alarmiert seinen Vorgesetzten, der ordnet schließlich die Sperrung des Terminals an - eine geschlagene Stunde ist da vergangen, seit die Frau die Kontrollstelle passiert hat. Sie wird später zwar identifiziert, aber nicht gefunden: Schon als die Bundespolizei den Alarmstern aktiviert, ist die Gesuchte über den Wolken, im Flieger gen Barcelona.

Anders als Zigtausende Menschen, die in der Folge im Erdinger Moos festhängen. Sie brüten in der Hitze, das Terminal ist völlig überfüllt, manche bekommen Kreislaufprobleme, schreien, streiten sich an den Schaltern um Sitzplätze. Noch tagelang sind Flughafen und Airlines damit beschäftigt, liegen gebliebene Koffer zuzustellen. Etwa 34 000 Passagiere sind von dem Chaos betroffen - es ist der erste Tag der Sommerferien in Bayern.

Bei den Fluggastkontrollen hat man auf den Vorfall reagiert: In jeden Körperscanner sei jetzt ein Alarmierungssystem eingebaut, erläutert Luftamtsleiter Ulrich Ehinger. Wenn ein Passagier durch den Scanner läuft, ohne dass ihn der SGM-Mitarbeiter dafür freigegeben hat, schlägt es Alarm. "Dieses System ist deutschlandweit einzigartig", sagt Ehinger, "luftsicherheitsmäßig nicht zwingend notwendig, aber für den Kontrollablauf besser." Glasscheiben vor den Scannern bilden einen Trichter und sollen verhindern, dass es davor zu unübersichtlich und eng wird. Auch werden regelmäßig Testpersonen durch die Kontrollen geschickt, um das korrekte Verhalten der Mitarbeiter zu überprüfen.

Flugausfälle und Verspätungen: Bei den Fluggastkontrollen hat der Freistaat technisch nachgerüstet.

Bei den Fluggastkontrollen hat der Freistaat technisch nachgerüstet.

(Foto: Marco Einfeldt)

Dass am Flughafen nicht die Bundespolizei die Hoheit über die Gepäck- und Passagierkontrollen hat, ist eine Besonderheit: Das gibt es nur in Bayern. Hier ist der Freistaat dafür zuständig, in Gestalt des Luftamts Südbayern, das bei der Regierung von Oberbayern angesiedelt ist und das damit eine staatseigene Firma betraut: die SGM. Sind das nicht ein bisschen viele Stellen? Dauerte es am 28. Juli 2018 deswegen eine ganze Stunde, bis der Alarm ausgelöst wurde? Dies zu vereinfachen, wäre eine Sache des Gesetzgebers, nicht der Behörden oder des Flughafens. Die aber versichern, ihre Lektion gelernt und die "interne Abstimmung optimiert" zu haben. Wie genau, verraten sie nicht.

Es gibt saubere und unsaubere Passagiere

Noch komplizierter wird das alles dadurch, dass sich der Flughafen nicht nur in die öffentlichen Bereiche und den Sicherheitsbereich unterteilt. Letzterer teilt sich auch noch in diverse Unterbereiche: Auf dem Vorfeld etwa gelten strengere Regeln als im Wartebereich am Gate. Und selbst innerhalb des Terminals ist der Sicherheitsbereich zweigeteilt, in einen "clean"- und einen "unclean"-Bereich, wie sie am Flughafen sagen, sauber und schmutzig. Und wehe, ein Passagier aus dem einen kommt mit einem aus dem anderen in Kontakt - dann wird es ernst.

Bundespolizei am Münchner Flughafen

Ein Flughafen ist in mehrere Sicherheitszonen unterteilt. Mit die strengsten Vorgaben gelten für das Vorfeld.

(Foto: dpa)

Denn die EU macht bestimmte Vorgaben für die Kontrollen von Passagieren, von Gepäck oder beispielsweise auch der Cateringfirmen, die die Flieger mit Essen bestücken. Diese Vorgaben erfüllen, vereinfacht gesprochen, die Flughäfen in Europa und in Nordamerika. Passagiere, die von dort ins Erdinger Moos fliegen, gelten als "clean", sie können sich, wenn sie umsteigen wollen, im Terminal frei bewegen. Alle anderen müssen zuvor kontrolliert werden, auch wenn sie vor dem Abflug ja schon einmal durchleuchtet wurden - aber halt nicht gemäß der EU-Vorgaben.

So erging es auch jenem spanischen Studenten, der am 27. August 2019 morgens aus Bangkok einflog und weiter nach Madrid wollte. Nach dem Aussteigen lief er durch den speziellen Gang für die "unclean"-Ankommer, am Ende ging er eine Treppe hinunter in einen größeren Raum, wo er zwei Wege nehmen konnte: nach links durch die Passkontrolle, um einzureisen, oder geradeaus durch die Sicherheitskontrolle, um im Terminal 2 bleiben zu können. Der Student nahm den dritten Weg: direkt hinein, nach rechts durch den Notausgang. Er führte nichts Böses im Schilde, wie sich laut Bundespolizist Köglmeier im Nachhinein herausstellte: "Der wollte einfach nur schnell zu seinem Anschlussflug."

Ein "unclean"-Passagier unter lauter EU-konform kontrollierten Menschen ist sicherheitsrechtlich gesehen aber genauso schlimm wie einer, der - rein hypothetisch gesprochen - direkt vom Taxistand durch eine offene Notausgangstür in den Sicherheitsbereich läuft. Deshalb: Großalarm.

Der wird mitunter auch nötig, wenn sich Menschen ganz einfach nur verlaufen. So wie am frühen Nachmittag des 26. September 2018 jenes Ehepaar, das aus Hannover kommend in München gelandet war und nun am Terminal 2 in einen anderen Flieger umsteigen wollte. Statt zum richtigen Gate gingen die beiden in Richtung Gepäckbänder - und weil dort auch "unclean"-Passagiere ihre Koffer holen, gilt dieser Bereich nicht mehr als "clean". Das Paar bemerkte seinen Fehler, drehte um, ging zurück in den "clean"-Bereich und schlängelte sich durch die sogenannte Rücklauferkennungsanlage. Das sind Falttüren, die eigentlich nur Passagiere zu den Gepäckbändern durchlassen sollen, die aber nicht ganz geschlossen werden dürfen, um Fluchtwege offenzuhalten.

Dass das Paar in falscher Richtung unterwegs war, erkannte das System automatisch und schlug Alarm. Auch hier ließ die Bundespolizei daraufhin das Terminal sperren, die Auswirkungen waren aber gering: Überwachungskameras hatten den Weg des 60-Jährigen und seiner 52-jährigen Frau komplett dokumentiert, es war schnell zu sehen, dass sie nichts Verbotenes angenommen oder übergeben hatten. Polizisten fanden die beiden rasch und vernahmen sie, eine Terminal-Räumung war nicht nötig - nach etwa 40 Minuten konnte der Betrieb weiterlaufen.

Auch hier hat der Flughafen "personell nachgesteuert", wie Borgschulze sagt. Das heißt offenkundig: Auch hier wacht inzwischen ein CAP-Mitarbeiter darüber, dass nicht wieder jemand in der falschen Richtung läuft. Seit dem Ehepaar aus Hannover habe das auch keiner mehr getan.

Warum ähnliche Vorfälle ganz unterschiedliche Folgen haben

"Der Flughafen ist passagierfreundlich", sagt Bundespolizist Köglmeier. Dass er polizeifreundlich sei, sagt er nicht. Vor allem das Terminal 2. Denn das wurde so konzipiert, dass sich die Passagiere weiträumig bewegen können, ankommende und abfliegende gleichermaßen, dass sie dort viel Zeit verbringen und dass sie auch Geld ausgeben in den Shops und Restaurants - mit diesen macht der Airport inzwischen mehr Geschäft als mit dem eigentlichen Flugbetrieb. Das bedeutet aber auch: Passiert etwas im Terminal 2, ist gleich ein viel größerer Bereich betroffen als im Terminal 1, wo Ankunft und Abflug getrennt sind und auch die einzelnen, mit A bis E bezeichneten Gebäudeteile.

Als im September dieses Jahres etwa der Mann den Notausgang im Terminal 1 öffnete, reichte dies der Bundespolizei, die Module B und C zu durchsuchen. Das ging verhältnismäßig rasch, zumal der Polizei noch ein Zufall zu Hilfe kam: Sie konnte den Bereich eng eingrenzen, wegen einer Baustellen-Absperrung hätte der Mann nicht weit kommen können. Im Fall des Studenten aus Spanien hingegen räumte die Polizei nicht nur das ganze Terminal 2, sondern sogar jene Teile des Terminals 1, die mit einem direkten Shuttle-Bus mit dem anderen verbunden sind - und wo sie den Studenten am Ende auch aufgriff. Solch eine Aktion dauert Stunden und betrifft Tausende Reisende.

Sperrung am Münchner Flughafen, 2019

Nachdem ein Student durch eine Notausgang in den Sicherheitsbereich gegangen war, ließ die Bundespolizei am 27. August 2018 das Terminal 2 räumen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Denn wenn geräumt wird, ist der Aufwand immens. Alle Passagiere müssen den Sicherheitsbereich verlassen, alle Räume werden abgesucht, "nach Gegenständen, die da nicht hingehören", wie Köglmeier sagt, auch mit Hunden, auch die Geschäfte und Restaurants. So lange, bis man garantieren könne, dass alles sauber sei; erst dann dürften die Passagiere wieder durch die Sicherheitskontrolle zurück. Im Ernstfall sind dann manchmal bis zu Hunderte Polizisten im Einsatz, hinzugezogen auch von anderen Dienststellen - "wenn wir das anlaufen lassen müssen, kann sich das schon mal mehrere Stunden hinziehen".

"Wir haben Verständnis für jeden, der davon betroffen ist", sagt Köglmeier. Das alles sei aber gesetzlich vorgeschrieben und unerlässlich. "Es gibt kein Übervorsichtig." In solchen Fällen könne man nicht ausschließen, dass es letztlich um Menschenleben gehe. "Und das rechtfertigt für uns den ganzen Einsatz." Auch wenn das Millionenverluste nach sich zieht, Tausenden den Urlaubsstart vermiest, wüste Drohungen gegen Polizisten auslöst.

Am Flughafen ist hässlicher manchmal besser

Ist der Flughafen, zumindest das Terminal 2, einfach zu schön? So sagt das natürlich niemand, aber selbst Sicherheitschef Borgschulze räumt ein, dass es ein Spannungsfeld gebe zwischen Komfort und Sicherheit. "Die Leute sollen auch ein Wohlfühlgefühl haben", sagt er. Im Zweifel habe die Sicherheit aber Vorrang.

Flugausfälle und Verspätungen: Mit Shops und Restaurants macht der Münchner Flughafen mittlerweile mehr Geschäft als mit dem eigentlichen Flugbetrieb.

Mit Shops und Restaurants macht der Münchner Flughafen mittlerweile mehr Geschäft als mit dem eigentlichen Flugbetrieb.

(Foto: Marco Einfeldt)

Deshalb machen sie den Flughafen inzwischen sogar, salopp gesprochen, hässlicher: Waren die Architekten seinerzeit noch angehalten, ein transparentes, übersichtliches Terminal zu errichten, weshalb sie viel Glas verbauten, so wird jetzt immer mehr davon, wie Borgschulze schildert, mit Milchglasfolie überklebt. Der Student aus Spanien etwa sah im August noch all die Geschäfte und vorbeilaufenden Passagiere direkt hinter dem gläsernen Notausgang. Das wurde vom Flughafen und den Behörden inzwischen als eine Art Sicherheitsrisiko ausgemacht, weil es den Anreiz erhöht, den verbotenen Weg zu wählen. Auch an dieser Stelle des "unclean"-Bereichs sind die Scheiben jetzt matt und nicht mehr durchsichtig. Auch wenn das der hochgelobten Architektur widerspricht.

Risikofaktor Mensch

Als der Flughafen im Erdinger Moos 1992 eröffnet wurde, nutzten ihn etwa zwölf Millionen Passagiere im Jahr, heute sind es viermal so viele. Entsprechend erhöht sich das Risiko, dass einer eine falsche Tür öffnet. Zumal es sich um Menschen handelt, die oft in Eile sind, unter Stress stehen und sich an diesem Ort nur selten gut auskennen.

Sicherheitsvorfälle gibt es auch an anderen Flughäfen - aber ob seltener oder häufiger als in München, das sagt die Bundespolizei nicht und erklärt diese Zahlen zur "Verschlusssache". In Bremen zum Beispiel wurde der Flughafen nur zehn Tage nach dem bislang letzten Münchner Vorfall geräumt. Das dauerte mehr als eineinhalb Stunden. Die überschaubare Folge: Ein Flug gestrichen, sechs verspätet. Am Münchner Airport hingegen sind wegen der eng getakteten Flugpläne von einer Sperrung gleich Dutzende, wenn nicht Hunderte Verbindungen betroffen.

Chaos am Münchner Flughafen, 2018

Am 28. Juli 2018 schlüpfte eine Frau frühmorgens unkontrolliert durch die Sicherheitskontrolle - die wurde daraufhin über Stunden gesperrt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Am Münchner Flughafen wurden über die Jahre immer mehr Überwachungskameras installiert, die Rede ist von einer vierstelligen Zahl. Ob es noch mehr werden sollen - auch das ist ein Thema im Arbeitskreis Security.

Videoaufnahmen können bei einem Vorfall sehr helfen: Lässt sich auf den Bildern rasch nachvollziehen, wohin ein unkontrollierter Passagier gelaufen ist, kann die Polizei den zu durchsuchenden Bereich stark eingrenzen. Oder wie Bundespolizist Ledinsky sagt: "Es muss nicht immer das große Besteck ausgepackt werden." Lückenlos aber sei die Überwachung nicht, sagt Sicherheitschef Borgschulze, und das gehe wegen des Datenschutzes auch gar nicht. Auf Toiletten etwa sind Kameras aus guten Gründen tabu. "Insofern haben wir blinde Flecken." Und im Zweifel dann einen Großalarm mehr.

"Das Rechtsgut Luftsicherheit hat einen äußerst hohen Stellenwert", sagt Borgschulze. Er klagt darüber nicht, er stellt es einfach nur fest. Auch wenn das viel mehr Aufwand nach sich zieht als etwa in einem Bahnhof oder Fußballstadion.

Ex-Aufsichtsrat Weidenbusch erinnert sich noch an seine Erstkommunion, die hätten sie damals auf der Terrasse eines Restaurants am Flughafen in Riem gefeiert, erzählt er. Vom Vorfeld nur durch ein paar Blumenkübel getrennt. Ist aber auch fast 50 Jahre her.

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