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Flüchtlingsbus:Helfer funken SOS

Der Flüchtlingsbus ist eine wichtig Anlaufstelle für Asylbewerber. Weil finanzielle Mittel fehlen, droht ihm das Aus. Die Helfer sind nun auf Spenden angewiesen.

Ulrike Jochum

Es ist Freitag, kurz vor der Mittagszeit. Markus Henn sitzt in dem kleinen Mercedes-Bus vor der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in der Baierbrunner Straße 14 und geht seine Unterlagen durch, als jemand an die Schiebetür klopft. Mit drei Schritten durchmisst er das altmodische Innere des Wagens und begrüßt einen Mann mittleren Alters, der ihm wortlos ein Schreiben in die Hand drückt. "Das ist nicht gut", sagt der Politologe daraufhin, "da müssen wir einen Brief schreiben." Dann fügt er noch etwas in einer anderen Sprache hinzu und schickt den Fremden wieder weg.

Markus Henn von Amnesty International bei einem Gespäch im Beratungsbus für Flüchtlinge vor dem Erstaufnahmelager in der Baierbrunner Straße in München.

(Foto: Foto: Robert Haas)

Danach ist es eine Weile still vor dem grauen Betonbau, in dem derzeit rund 270 Asylbeweber untergebracht sind. Der weiße Bus an der Straße fällt auf den ersten Blick kaum auf. Ein altes Modell, Baujahr 1981, liebevoll mit bunten Bildern besprüht. Dabei parkt er immer hier, an Werk- und Sonntagen, tags wie nachts. Ein Fels in der Brandung. Genau das ist er auch für viele Asylsuchende, die aus ihren Heimatländern oftmals fliehen mussten und sich hier noch nicht zurechtfinden. Dennoch ist nicht klar, wie lange es den Bus noch geben wird - es mangelt, wie immer, schlicht am Geld.

"Wir bekommen ein positives Feedback von den Menschen, die uns aufsuchen", berichtet Henn. Er ist der Projektleiter des Infobusses, einer Kooperation des Münchner Flüchtlingsrats mit Amnesty International, die es sich seit acht Jahren zur Aufgabe macht, eine erste Anlaufstelle für Flüchtlinge zu sein. Das rund 20-köpfige, zum Großteil ehrenamtliche Team um Henn und seine Assistentin Fatma Ali, eine Dolmetscherin für Arabisch und Somali, berät Neuankömmlinge zu ihrem Asylverfahren, hilft bei Behördenschreiben und Sprachproblemen, vermittelt den Kontakt zu Ärzten, Sozialdiensten oder Rechtsanwälten.

Auf diese Weise wolle man dazu beitragen, dass Asylbewerber ein faires Verfahren bekommen, erklärt der 28-Jährige, der schon seit fast zehn Jahren in der Flüchtlingsarbeit tätig ist. Wie gut das Angebot angenommen wird, zeigt die Statistik: Im letzten Jahr haben sich beinahe 500 Menschen an das Büromobil gewandt. In den Beratungszeiten, also an den Montag- und Samstagnachmittagen sowie mittwochabends, wurden rund 1400 Gespräche geführt. Dem erfolgreichen Projekt droht nun aber das Ende. In den vergangenen Jahren habe der Europäische Flüchtlingsfonds die Hälfte der finanziellen Mittel bereitgestellt.

Für 2010 konnte man diese Subventionen allerdings nicht mehr gewinnen, bedauert Henn. Der Infobus hat daher einen Spendenaufruf gestartet und so fast 17000 Euro eingenommen. Weitere Gelder kommen von der Uno-Flüchtlingshilfe und von Amnesty. Die gesamte Summe deckt bisher allerdings noch nicht einmal die Assistenzstelle ab, so Henn: "5000 Euro fehlen uns immer noch, um das Jahr gut zu überbrücken." Und was 2011 sein wird, ist noch völlig unklar. Die Konstanz gehe da verloren, klagt der Projektleiter. Sorgen bereitet ihm auch der Zustand des 30 Jahre alten Busses, der irgendwann durch einen neueren ersetzt werden müsste: "Wir fragen uns jedesmal, ob er noch durch den TÜV kommt."

Auch Elisabeth Ramzews vom Sozialdienst für Flüchtlinge und Asylsuchende der Inneren Mission München sorgt sich um den Fortbestand der Anlaufstelle auf Rädern, die sich bewusst in keinem "Behördenhaus" befindet, um Betroffene nicht abzuschrecken: "Wenn es den Flüchtlingsbus nicht gäbe, wären wir hier noch mehr überlastet, als wir es ohnehin schon sind." So beschreibt die für das Haus in der Baierbrunner Straße zuständige Sozialarbeiterin eine Situation, die immer schwieriger wird.

Die Komplexität der Asylgesuche nehme zu, viele Flüchtlinge seien krank, und der Arbeitsaufwand sei "heute sehr viel größer als noch vor 20 Jahren." Zugleich jedoch befürchtet man beim Sozialdienst weitere finanzielle Einschnitte, nachdem der Etat bereits in der Ära Stoiber um die Hälfte gekürzt wurde. Ohne den Bus sähe die Lage noch düsterer aus, meint Ramzews. Dessen Mitarbeiter haben mehr Zeit, sich den Einzelschicksalen zu widmen, als dies bei der Inneren Mission möglich ist. Und sie fangen die oft traumatisierten Menschen auf - auch außerhalb der Bürozeiten.

© SZ vom 12.01.2010/lim
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