Flüchtlinge und Bürokratie:Kunstprojekt: "Fühlen Sie sich unerwünscht!"

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Scharf geführte Gespräche sollen beim Kunstprojekt Beklemmung erzeugen. (Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Bei "Bellevue di Monaco" in der Müllerstraße gibt es ein Mitmach-Kunstprojekt mit dem Titel "Das System ist kriminell, der Staat zum Feind des Menschen geworden".
  • Wer sich in das geisterbahnhafte Labyrinth begibt, soll erleben, wie es Flüchtlingen ergeht, die ins Räderwerk der deutschen Bürokratie geraten.
  • 30 000 Euro stellte die Stadt zur Verfügung. Derartige Projekte könnten Vorurteile und Missverständnisse erfahrbar machen, heißt es aus dem Kulturreferat.

Von Stefan Mühleisen, München

An der dritten Station haben sie die Frau so weit: Die 46-Jährige hält sich die Hände vors Gesicht. Das gleißende Scheinwerferlicht, die zwei vermummten Gestalten, die drängenden Fragen, all das sei sehr beklemmend gewesen. "Ich habe es nicht ausgehalten", berichtet die Künstlerin.

Sie blickt etwas irritiert auf schwarz-rot-goldenen Stacheldraht an der Wand, auf blinkende Überwachungskameras, auf einem Zettel an der Türe steht: "Sie betreten die Bürokratische Republik Deutschland. Fühlen Sie sich unerwünscht!" Die Frau schaut auch in die zufriedenen Gesichter von Paul Huf und Lars Mentrup. Denn genau das wollen die beiden erreichen: Die Leute sollen sich hier unerwünscht fühlen.

Gut ein Dutzend geladene Gäste sind zur Generalprobe ins "Bellevue di Monaco" an der Müllerstraße 6 gekommen. Sie nehmen an einem Mitmach-Kunstprojekt teil, an dem die Münchner an diesem Freitag, 9. Dezember, von 16 bis 21 Uhr kostenlos mitwirken können. "Das System ist kriminell, der Staat zum Feind des Menschen geworden", lautet der Titel.

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Die Besucher erwartet ein Parcours mit Schauspielern. Das mal schummrige, mal gleißend helle Labyrinth ist eine Art Geisterbahn mit lebendigen Akteuren, wobei Besucher und Mitwirkende ein gesellschaftskritisches Stück aufführen: Wer sich hinein begibt, soll erleben, wie es Flüchtlingen ergeht, die ins Räderwerk der deutschen Bürokratie geraten. "Man ist einem System ausgeliefert, das einen willkürlich behandelt", beschreibt Mentrup den Ansatz.

Für ihn und seinen Künstler-Kollegen Huf ist es der dritte und letzte Teil der Reihe "Infra-Beuys" - eine Neuauflage der Beuys'schen Arbeit vor 40 Jahren, die Schwachstellen in der Gesellschaft aufzeigen soll. Das Duo will dabei sozial Ausgeschlossene in den Fokus rücken - und zwar mit Aktionen, die die Öffentlichkeit nicht einfach nur registrieren soll, die Menschen sollen aktiv daran teilhaben.

Die Reihe startete im Herbst mit einem Selbstversuch, bei dem Huf, Mentrup und der Comic-Künstler Uli Oesterle drei Tage als Obdachlose unterwegs waren; Teil zwei war eine Performance mit Laufbändern, womit auf das Stigma hingewiesen wurde, dem an Depression Erkrankte ausgesetzt sind. Die dritte Gruppe der sozial Isolierten sind in der Aktion nun Flüchtlinge, die sich in einer fremden Kultur, ohne die Sprache zu sprechen, zurechtfinden müssen.

30 000 Euro stellte die Stadt für die Reihe zur Verfügung - gut angelegtes Geld, wie die zuständige Behördenmitarbeiterin im Kulturreferat, Diana Ebster, findet: "Wir sind sehr zufrieden." Derartige Projekte könnten Vorurteile und Missverständnisse erfahrbar machen. Auch und gerade weil die Teilnehmer dabei mit Betroffenen sprechen könnten.

So sind beim Schluss-Akt der Reihe zehn der 14 Mitwirkenden jugendliche Asylbewerber. "Es ist sehr unangenehm, wie in den Behörden mit ihnen umgesprungen wird", sagt Paul Huf. Der 49-jährige Sozialpädagoge hat in den vergangenen acht Jahren einige Projekte mit Flüchtlingen durchgezogen. Er kennt viele frustrierende Erfahrungsberichte, die er mit dem Team für die Besucher zu einem kafkaesken Asylbewerber-Erfahrungstrip verdichtet hat.

Schon am Empfang fängt die Verwirrung an, denn der barsche Herr am Computer spricht Arabisch, hinter der Wand sind griechische, usbekische, russische, paschtunische Sprachfetzen zu hören. Der barsche Herr geleitet den Flüchtlingssimulanten zu einem groben Leibes-Visitator, der die Teilnehmer wiederum zu schroffen Bürokraten bugsiert, die seltsame Fragen stellen. "Trinken Sie lieber Tee oder Kaffee?", wollen etwa zwei Vermummte im "Terroruntersuchungsraum" wissen.

Quälend lange Sekunden starren sie den Probanden in die Augen, was für manche, etwa die 46-jährige Frau, kaum erträglich ist. "Viele sind unangenehm berührt", beschreibt der Verhör-Mime Leonhard Dick die Reaktionen. Doch bei der letzten Station gibt's was zu Lachen, je nach Gemütslage aus Erleichterung oder Amusement: Zwei stille, freundliche Herren gratulieren zur Aufnahme in die BRD. Und dann darf man andächtig der Nationalhymne lauschen - mit der Hand auf dem Herzen.

© SZ vom 09.12.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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