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Arbeitsmarkt:Start-up vermittelt Flüchtlinge an Restaurants

Turning Tables Start-up Flüchtlinge Gastronomie

Mojtaba Habibi hat mit Hilfe von Amy Philippen (li.) und Elisabeth Eichinger einen Ausbildungsplatz gefunden.

(Foto: Robert Haas)

Die Gastronomie braucht dringend Auszubildende, und viele Asylbewerber suchen einen Job - das passt gut zusammen. Doch das Projekt droht nun zu scheitern.

In einem anderen Leben, 6400 Kilometer östlich von München, in Kabul, Afghanistan, verkaufte Mojtaba Habibi Anzüge, Handys und Brot. Seit er zehn war, so erzählt er es, arbeitete er als Verkäufer. Vormittags saß er hinter der Schulbank, nachmittags stand er hinter der Kasse, manchmal bis spät in die Nacht. Vier Jahre sind inzwischen vergangenen, Habibi wanderte durch die Wüste, stieg in ein Boot, das ihn über das Mittelmeer brachte, und heute, an einem Mittwochabend, sitzt er in einem Konferenzraum im Münchner Osten.

Habibi ist inzwischen 18 Jahre alt, er hat gegeltes Haar, trägt einen dunklen Anzug und eine rote Krawatte. Nicht weil er muss, sondern weil er es so mag. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Periodensystem wie im Chemieunterricht. Habibi lernt, wie viele Nährstoffe der Mensch braucht, warum er Hunger hat und Durst. Denn er macht gerade eine Ausbildung zum Hotelfachmann im Hotel Hilton am Münchner Flughafen, und in der Berufsschule steht auch Ernährungslehre auf dem Stundenplan. Ihm und 16 anderen Flüchtlingen vermittelte das Start-up Turning Tables den Ausbildungsplatz. Jeden Mittwochabend gibt ihnen Sandra Michaela Herman, eine gelernte Hotelmanagerin, Nachhilfe.

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Turning Tables begann diesen Sommer, Flüchtlinge speziell für die Gastronomie zu schulen, brachte ihnen Hygienevorschriften bei, wie man Gemüse richtig schneidet und welche Vokabeln sie in der Küche oder im Restaurant brauchen. Gleichzeitig vermittelte das Start-up die Flüchtlinge an Unternehmen.

Das Konzept hatte Erfolg: Von 25 Kursteilnehmern haben 17 einen Ausbildungsplatz in der Gastronomie und alle anderen einen festen Job gefunden. Trotzdem ist unklar, ob die Initiative 2019 weitermachen kann, denn es fehlt das nötige Geld. Förderungen, die sie dieses Jahr bekamen, seien nicht weiter bewilligt worden, sagt Amy Philippen, die Turning Tables gegründet hat. Sie vermutet, dass es daran liegt, dass sie vergleichsweise wenig Flüchtlinge betreut. Doch mehr sei gar nicht möglich. Während der Ausbildung kümmert sich das Start-up, das neben Philippen aus zwei Teilzeitkräften und zwei Praktikanten besteht, um jeden einzelnen persönlich. Sie geben Nachhilfe, stehen mit den Unternehmen in Kontakt, helfen Anträge auszufüllen, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, eine Wohnung zu finden und finanzielle Unterstützung zu bekommen - denn von einem Ausbildungsgehalt allein lässt es sich in München nur schwer leben.

Früher habe er nicht einmal gewusst, dass es den Beruf Hotelfachmann gibt, sagt Habibi. Dass es tatsächlich mit einer Ausbildung klappen würde, daran habe er zunächst nicht geglaubt. "Mein Deutsch ist nicht perfekt, aber es ist viel besser geworden", sagt er. "Mathe ist für die meisten schwierig", erzählt Philippen, "und natürlich Deutsch. Aber jetzt in der Berufsschule haben sie alles zumindest schon einmal gehört."

Philippen stammt aus England, hat internationale Entwicklungshilfe studiert und zog 2015 der Liebe wegen nach Deutschland. Auf ihr Konzept sei sie gekommen, weil sie daran glaube, dass zwei Dinge die Menschen verbinden: Essen und Arbeit. Zudem fehlten in kaum einer Branche so viele Auszubildende wie in der Gastronomie. "Viele Flüchtlinge konnten sich aussuchen, wo sie ihre Ausbildung machen wollten", berichtet Philippen. Als schon längst alle vermittelt waren, hätten die Unternehmen immer noch nach neuen Azubis gefragt.

Mit sechs Unternehmen arbeitet die Initiative Turning Tables derzeit zusammen, neben dem Hilton Hotel unter anderem auch mit Käfer und Mercure. Sie spenden dem Start-up zwar Geld, doch das reicht nicht, um alle Kosten zu tragen. Deshalb schreibt Philippen gerade an alle möglichen Einrichtungen Förderanträge. Probleme machen dem Start-up neben der Frage der Finanzierung auch die Behörden, sagt sie. Drei ihrer Flüchtlinge hätten zwar einen Arbeitsvertrag, aber keine Arbeitserlaubnis. Woran das liegt, kann Philippen nicht sagen. Sie beobachte aber, dass die Behörden in München eher Erlaubnisse erteilen als beispielsweise die Ämter in Freising oder Starnberg. Die Willkür sei frustrierend, sagt sie. Und auch, dass es trotz des Erfolgs dieses Jahr möglicherweise nicht weitergeht.

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