Zuflucht in München "Wir haben gelebt wie Tiere"

Meron Mebrahtom, Filmon Tesfamichael, Simret Kifle und Biniam Abraha (v.l.n.r.) leben nun seit einem Monat in München.

(Foto: Robert Haas)

Im Oktober wurden 13 eritreische Flüchtlinge von Libyen nach München gebracht. Vier von ihnen erzählen von den Zuständen in den Lagern, der Flucht und ihren Wünschen für die Zukunft.

Von Anna Hoben

Als das Gespräch auf die Zustände in den Internierungslagern in Libyen kommt, wird es gefühlt auf einen Schlag fünf Grad kälter im Raum. "Wir haben gelebt wie Tiere", sagt Filmon Tesfamichael, auf seinem Kopf sitzt eine Kappe mit dem Schirm nach hinten. 40 Leute hätten dort auf engstem Raum schlafen müssen, Essen habe es nur einmal am Tag gegeben, Demütigungen und Gewalt seien an der Tagesordnung gewesen, "alles, was schlimm ist, haben wir gesehen". Dann schweigt er, die anderen drei schauen auf den Boden. "Wir haben keine Worte, das zu erklären", sagt Filmon Tesfamichael.

Eine Dolmetscherin übersetzt aus dem Tigrinischen, der Muttersprache der vier jungen Eritreer, zwei Männer und zwei Frauen, die in dem kleinen Büroraum von "Save me" sitzen, einem Projekt des Münchner Flüchtlingsrats. Über der Tür hängt ein Rettungsring, an einer Wand ein Zettel, auf den jemand geschrieben hat: "Make Resettlement Great Again". Resettlement heißt Umsiedlung, es geht bei dem Programm der Vereinten Nationen darum, sichere und legale Fluchtwege für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge zu schaffen. Menschen wie Filmon Tesfamichael, 25, Biniam Abraha, 26, Meron Mebrahtom, 20, und Simret Kifle, 21. Zum Teil waren sie zwei Jahre in den Lagern in Libyen.

Nina Klofac leitet das Projekt „Save me“. Die Hilfe für Resettlement-Flüchtlinge ende oft mit der Ankunft, klagt sie.

(Foto: Robert Haas)

Es wird zurzeit immer wieder über die entsetzlichen Zustände gesprochen, die dort herrschen. Zehntausende Menschen werden teilweise seit Jahren festgehalten, sie werden misshandelt, gefoltert, vergewaltigt, manche sogar als Sklaven verkauft. "Schieres Grauen und Willkür" konstatierten die Vereinten Nationen in ihrem jüngsten Bericht über die Lager.

Im Juli ordnete das Bundesinnenministerium die Aufnahme von bis zu 300 Personen an, die zunächst von Libyen in den Niger gebracht wurden. Am 15. Oktober reisten 247 Flüchtlinge nach Deutschland ein. Von einer Sammelunterkunft in Niedersachsen wurden sie auf die Kommunen verteilt, 13 landeten in München, darunter die vier, die nun bei "Save me" sitzen, zusammen mit der Projektleiterin Nina Klofac. Seit ihrer Ankunft vor einem Monat ist Klofac die wichtigste Person für sie. Immer wieder betonen sie, wie dankbar sie ihr und ihren Kolleginnen sind. An diesem Tag sind sie zur Einstufung für den Sprachkurs gekommen.

"Hinterbärenbadstraße" können sie alle schon aussprechen, dort, in Sendling, befindet sich das Wohnheim der Regierung von Oberbayern, in dem sie untergebracht sind. Alle vier haben in Eritrea bis zur elften Klasse die Schule besucht. Filmon Tesfamichael hat schon drei Jahre Maschinenbau studiert. 2017 hat er Eritrea verlassen, über den Sudan kam er nach Libyen. "Wir wussten, wie die Zustände dort sind", sagt er, "aber wir hatten keine andere Wahl." In Eritrea gebe es keine Freiheit, keine Zukunft. Sein Landsmann Biniam Abraha hat das Land schon 2011 verlassen, von Libyen aus startete er Jahre später einen Fluchtversuch in einem Boot. Vier Stunden waren sie unterwegs, bevor die Küstenwache sie stoppte.

"Aber jetzt will ich natürlich erst einmal die Sprache lernen"

Und dann sind da noch die beiden jungen Frauen, die locker noch als Teenagerinnen durchgehen würden. Tatsächlich war Meron Mebrahtom noch nicht einmal volljährig, Simret Kifle gerade so, als sie im Jahr 2015 ihr Elternhaus und ihr Land verließen. In Eritrea habe sie schon angefangen, den Beruf der Friseurin zu erlernen, sagt Meron Mebrahtom, das könnte sie sich in Deutschland auch vorstellen. "Aber jetzt will ich natürlich erst einmal die Sprache lernen." Sie können es alle kaum erwarten, dass ihr Kurs endlich startet, wahrscheinlich aber wird es nicht vor Januar so weit sein. Simret Kifle möchte Apothekerin werden, das hat sie immer interessiert. Und sie freut sich, dass ihr Verlobter Ende Dezember mit dem Resettlement-Programm nach München kommt.

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Immerhin kennen Nina Klofac und ihre Kolleginnen schon den Termin. Oft würde ihnen erst kurz vorher mitgeteilt, wann die Flüchtlinge ankommen, sagt sie. So wie voriges Jahr, als drei Tage vor Weihnachten 36 Menschen ankamen. 2008 hatte die Kampagne "Save me", die für ihre Arbeit auf Spenden angewiesen ist, von München aus den Startschuss dafür gegeben, dass Deutschland sich am Resettlement-Programm der Vereinten Nationen beteiligt. Im Jahr 2018 und 2019 mit der Aufnahme von 10 200 Menschen, die meisten davon Syrer, die im Zuge des EU-Türkei-Deals kommen. 24 Flüchtlinge aus diesem Kontingent kamen bisher nach München. Nina Klofac beklagt, dass die Hilfe in vielen Orten häufig mit der Ankunft ende und die Menschen dann sich selbst beziehungsweise der Hilfe von Ehrenamtlichen überlassen seien - vor allem in kleineren Kommunen. Dort gibt es keine Projekte wie "Save me", deren Mitarbeiter die Flüchtlinge begleiten, ihnen Paten zur Seite stellen, mit ihnen Anträge ausfüllen, Fahrkarten besorgen und Sprachkurse organisieren.

Die Voraussetzungen zur Integration bei den Resettlement-Flüchtlingen seien eigentlich bestens, sagt Nina Klofac. Sie müssen kein Asylverfahren durchlaufen, haben einen sicheren Aufenthaltstitel für drei Jahre und dürfen theoretisch sofort arbeiten. Auch der Familiennachzug ist erleichtert, Filmon Tesfamichael und Biniam Abraha etwa wollen so jeweils ihre Frau nachholen. Allerdings seien diese besondere Form der Migration und die Rechte dieser Flüchtlinge bei Ämtern und Behörden in Bayern oft kaum bekannt, so Klofac. "Da müsste von staatlicher Seite aus viel mehr passieren, es müsste etwa eine klar definierte Anlaufstelle geschaffen werden", fordert sie. Migrationsberatungsstellen müssten entsprechend geschult werden. Sie wünscht sich, dass die Stadt München dabei das ausbaut, was sie auch dank "Save me" schon hat: eine Vorbildfunktion.

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