Flüchtlinge in München So kommen Flüchtlingskinder besser in der neuen Heimat an

Karin Aßhoff leitete das Sonderpädagogische Förderzentrum München-West. Heute arbeitet sie an zwei Vormittagen an der Weilerschule.

(Foto: Florian Peljak)

Integrationspaten des Vereins Brotzeit e. V. helfen jungen Flüchtlingen und Zuwanderern dabei, Deutsch zu lernen, das Land zu verstehen - und sie fit zu machen für die Schule.

Von Melanie Staudinger

"O sole mio", singt Karin Aßhoff und macht eine ausladende Bewegung mit der Hand. Die vier Kinder vor ihr lachen. Bakir, elf Jahre alt und in Bosnien geboren, hält stolz seine Karte in der Hand. "Singen" steht darauf geschrieben. Er hat das Wort richtig gelesen, doch was es bedeutet, da rätselten die Schüler zuerst. Bis ihre Lehrerin Aßhoff mit dem Pavarotti-Lied anfängt. "Singen", nicken die vier einverstanden.

Bakir, Sebastijan, Zheer und Ionela besuchen die fünfte Klasse der Weilerschule in der Au, sie gehen in die Übergangsklasse. Dort werden alle Kinder unterrichtet, die noch nicht ausreichend Deutsch sprechen, um an den Stunden der regulären Klassen teilzunehmen. Zwei Mal pro Woche kommen Bakir, Sebastija, Zheer und Ionela aber während des Unterrichts zu Karin Aßhoff. Die Sonderpädagogin im Ruhestand hilft ihnen beim Deutschlernen.

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Offiziell ist Aßhoff eine Integrationspatin, sie ist ehrenamtliche Helferin im Verein Brotzeit e.V., den die Schauspielerin Uschi Glas 2009 gründete. Der Verein organisiert in mittlerweile mehr als 180 Schulen, darunter 31 in München, ein Frühstück für die Kinder, die sonst hungrig zur Schule kommen würden. 2016 erweiterte der Verein sein Angebot um die Integrationspaten. Die sollen die Schulen dabei unterstützen, all den Kindern mit keinen oder nur geringen Sprachkenntnissen Deutsch beizubringen. Dahinter steht die Philosophie, dass ohne Sprache Integration, schulischer und später auch beruflicher Erfolg nicht gelingen können.

Gerade in München wächst die Zahl der nicht-deutschen Kinder stetig. Alleine in diesem Schuljahr gibt es mehr als 100 Übergangsklassen an den Grund- und Mittelschulen. Der Lehrermangel erschwert den Unterricht zusätzlich. Hier sollen die Integrationspaten helfen. Im Gegensatz zu Lesepaten sind sie zumeist ausgebildete Lehrer oder Pädagogen im Ruhestand. "Wir arbeiten eigenverantwortlich und selbständig mit den Kindern", sagt Aßhoff. 95 Integrationspaten hat Brotzeit bisher deutschlandweit ausbilden lassen, 29 davon sind in München tätig. Sie kümmern sich um 74 Kinder in der Landeshauptstadt, um Flüchtlinge ebenso wie Zuwanderer.

Die Paten unterstützen die Lehrer im Unterricht, helfen bei den Hausaufgaben und sie erklären, wie das Leben in Deutschland so funktioniert. Die Senioren werden nicht einfach an die Schule geschickt, sie erhalten vorher einen dreitägigen Kompaktkurs an der "Akademie für Innovative Bildung und Management" in Heilbronn.

Pädagogen sind gesucht

Aßhoff kannte Brotzeit aus ihrer Zeit als Leiterin des Sonderpädagogischen Förderzentrums München-West am Pasinger Schererplatz. Dort waren Arbeitswochen mit 60 Stunden und mehr keine Seltenheit. Aus gesundheitlichen Gründen ließ sich die 62-Jährige im vergangenen Sommer in den Ruhestand versetzen - ein Abschied mit schwerem Herzen, da sie ihren Job immer geliebt und als Berufung gesehen hat, wie sie sagt. Ganz wollte sie den Schulbetrieb nicht aufgeben. Im Patenprojekt habe sie das ideale Betätigungsfeld gefunden.

Die Sonderpädagogin arbeitet nun an zwei Vormittagen für je sechs Stunden in der Schule. Manchmal macht sie Ausflüge mit den Kindern, ins Deutsche Museum, den Tierpark, zum Schlittenfahren oder in die Bücherei. Anders als früher hat sie mehr Freiheiten: Wenn sie mal außerhalb der Ferien für eine Woche verreisen will, ist das möglich. Konferenzen sind ebenso passé wie Arbeitsgruppen zum neuen Lehrplan oder Zeugnisschreiben. Und am Nachmittag hat sie jetzt auch frei.

Eine Sprache lernt man mit Spaß, nicht mit Büchern

Um 8.15 Uhr kommen Aßhoffs vier Schützlinge in den Raum, den von halb zwölf an die Mittagsbetreuung belegen wird. Auch die Klasslehrerin schaut kurz vorbei. Sebastijan, zehn Jahre alt und aus Kroatien, habe seine Hausaufgaben nicht erledigt, darauf müsse man künftig achten. Und vielleicht wäre es möglich, ein wenig die Pronomen zu üben? Die Tür fällt ins Schloss, sie ist wieder verschwunden.

Aßhoff begrüßt jeden Schüler einzeln und fragt nach dem Befinden. "Sehr gut geht es mir", sagt Zheer, ein Zehnjähriger aus dem Irak. Die Rumänin Ionela, 13 Jahre alt, muss noch schnell den Kaugummi ausspucken, dann kann es schon losgehen. Die Kinder bekommen Karten und müssen die Verben vorlesen und verstehen. Später konjugieren sie mithilfe eines Würfels. Die Schulbücher bleiben an diesem Vormittag geschlossen - eine Sprache lernt man am besten immer noch mit Spaß.

Brotzeit e.V. sucht nach weiteren Integrationspaten: Engagierte Senioren, wenn möglich mit beruflicher Erfahrung als Pädagoge oder Erzieher, können sich bei Projektkoordinatorin Christine Eidenschink unter Telefon 089/205 07 46 60 melden.

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