Süddeutsche Zeitung

Flüchtlinge in München:"So behandelt man Gäste nicht"

  • Den Behörden gelingt es nicht, von der Bundesregierung eingeladene Flüchtlinge aus Syrien so zu behandeln, dass sie sich in München willkommen fühlen.
  • Elf syrische Familien leben in einem Hotel in Aubing und finden keine Bleibe in München - obwohl sie als Kontingentflüchtlinge sofort eine Wohnung beziehen dürften.
  • Nun werden die Bürgerkriegsflüchtlinge aufs Land geschickt. Dort freut man sich auf ihre Ankunft und will sie - ehrenamtlich - unterstützen.

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten in all dem Flüchtlingselend. Die eine ist, dass Deutschland 20 000 Syrer aufnimmt - ohne langwieriges Asylverfahren. Die andere, dass es im oberbayerischen Unterwössen Einheimische gar nicht erwarten können, bis sie einigen dieser Syrer helfen können. Dazwischen aber, zwischen dem großen Aufnahmeprogramm und dem kleinen Unterwössen, klafft eine gewaltige Lücke. Den Behörden gelingt es nicht, eine humanitäre Idee so umzusetzen, dass sich die Bürgerkriegsflüchtlinge willkommen fühlen.

München, Hotel Pollinger in Aubing. "Sie fühlen sich allein gelassen", übersetzt ein Dolmetscher einen Syrer. Ein anderer Flüchtling spricht schon gut Deutsch: "Wir sind sehr enttäuscht." Zwei Dutzend Männer sitzen um einen Tisch im Souterrain, sie warten darauf, dass ihnen irgendjemand verbindlich sagt, wo und wann sie endlich ankommen dürfen in Deutschland. Elf syrische Familien leben seit neun Monaten zwangsweise im Hotel, und nun werden sie aufs Land geschickt. Nach Unterwössen. Oder nach Bernau. Wohin bitte?, fragen sie. Und warum gerade jetzt? Ratlos und verärgert sitzen sie da.

Erfüllung der Quoten

Kontingentflüchtlinge dürfen sofort eine Wohnung beziehen, zumindest in der Theorie. 78 der 20 000 Syrer haben die Behörden im April und Mai vergangenen Jahres nach München geschickt. Ausgerechnet nach München, wo schon Einheimische große Probleme haben, eine Wohnung zu finden. Wie soll das dann einem Flüchtling, der kein oder kaum Deutsch spricht, in absehbarer Zeit gelingen?

Fragt man die Behörden, warum ausgerechnet München, lautet die Botschaft jeweils: Wir sind nicht schuld - die anderen waren's. "Die Flüchtlinge wurden nicht vom Sozialministerium nach München geschickt", betont das Sozialministerium, es sei der "Landesbeauftragte für die Aufnahme und Verteilung ausländischer Flüchtlinge" gewesen, er sitzt in Zirndorf. Dass der dem Ministerium unterstellt ist - egal. Der Landesbeauftragte beantwortet keine Fragen, das erledigt der Sprecher der Regierung von Mittelfranken. Warum also München? Wie die Syrer untergebracht werden, interessiere den Landesbeauftragten qua Amt nicht, er achte "auf die Erfüllung der Quoten".

Für alles weitere sei die jeweilige Bezirksregierung zuständig. Die Regierung von Oberbayern wiederum verweist auf die "Zuweisung durch den Landesbeauftragten". Tatsächlich waren die Oberbayern damals gar nicht begeistert, die Syrer aufnehmen zu müssen, das hört man unter der Hand. Man sah das Image-Desaster kommen.

Eine Lösung, die aus der Not geboren wurde

Denn mangels Alternativen quartierte die Regierung die Flüchtlinge in einem, wie es hieß, "neu geschaffenen Übergangswohnheim" ein. Neu aber war gar nichts: Berg am Laim, Containerbau, zweigeschossig, knapp 20 Jahre alt. Empfangen wurden die Flüchtlinge am Ankunftsabend vom Wachdienst, jede Hilfe wurde improvisiert, viel davon ehrenamtlich. Bis zu sieben Personen teilten sich ein Zimmer mit 15 Quadratmetern. "Erschüttert" und "entsetzt" zeigte sich Günther Bauer, Chef der Inneren Mission (IM), als er die Unterkunft sah. "Die Bundesrepublik hat sie eingeladen, damit sie hier in Sicherheit und Frieden leben. Es ist aber beschämend, wie wenig Bundes- und Landesregierung auf die Ankunft der Flüchtlinge vorbereitet sind."

Die Syrer berichten, dass sie im Libanon, ihrem letzten Zufluchtsland, in Wohnungen oder Häuser gelebt hätten. Und dass man ihnen Wohnungen in Deutschland versprochen habe. Was ihnen in den Vorbereitungs- und Auswahlkursen tatsächlich angekündigt wurde, ist kaum zu klären, womöglich gab es Missverständnisse. Sicher aber ist, dass sie große Hoffnung in Deutschland gesetzt haben. Und dann München.

Vier Wochen harrten sie in den Containern aus, ehe sie nach Aubing umzogen, die Lösung wurde geboren aus der Not des medialen Drucks auf die Behörden. Für die Sozialbetreuung ist seither die Innere Mission zuständig, ihrem Mitarbeiter werden aber bloß 20 Stunden finanziert. In dieser Zeit soll er sich nicht nur um das soziale Alltagsgeschäft kümmern, sondern vor allem Wohnungen aufreiben, und das in ganz Bayern. Angebote suchen und sortieren, Vermieter kontaktieren, Wohnungen besichtigen, Formalitäten regeln. Derweil haben sich die Familien über die Monate eingelebt in München, die Innere Mission hat ein dichtes Netz ehrenamtlicher Helfer geknüpft mit vielen Mentoren. Die Kinder gehen in Kindergärten und Schulen, haben Freunde gefunden, die Erwachsenen besuchen Intensiv-Sprachkurse, manche stehen kurz vor der Prüfung.

Neue Unterkünfte in Oberbayern

Doch dann, zu Jahresbeginn, kam die Nachricht, dass die Zeit im Pollinger abgelaufen sei. Der Grund dürfte das Geld sein, das Hotel ist vergleichsweise teuer. Zwar bestreitet das Sozialministerium finanzielle Gründe für den Auszug, doch andere werden auch nicht genannt. Und IM-Chef Bauer sagt: "Ich weiß, dass der Regierung der Rechnungshof im Nacken sitzt." Also werden erste, zarte Pflänzchen der Integration wieder herausgerissen. Die Nachricht vom Zwangsauszug überbringen nicht etwa Behörden-Mitarbeiter, die Betreuer der Inneren Mission werden vorgeschickt.

Noch suchen diese nach Wohnungen, appellieren an Vermieter großer Wohnungen, sich zu melden, um zumindest ein paar Familien das nächste Übergangsheim zu ersparen. Acht Leute kommen wohl in Räumen der Inneren Mission unter, die eigentlich für Mitarbeiter gedacht sind. Darüber hinaus aber ist ein schneller Erfolg fraglich. 60 Angebote aus ganz Bayern wurden geprüft, fast alle haben sich zerschlagen: zu teuer, zu abgelegen, in unzumutbarem Zustand. Und mitunter wollte der Eigentümer dann doch nichts mit den Ämtern zu tun haben, die die Miete übernehmen. In einem dreiviertel Jahr fanden nur drei Familien eine eigene Bleibe: eine in München, zwei in Schweinfurt.

Im Chiemgau werden die Flüchtlinge freudig erwartet

Nach den Container-Wochen hatte man die Syrer um Geduld gebeten: Es wird gut, Schritt für Schritt. Aber nun folgt nach den Notlösungen eins und zwei die Notlösung drei. Und wieder wissen die Syrer nicht, was sie erwartet. "Man kann die Leute nicht einladen und sie dann wie Stückgut durchs Land schicken", kommentiert einer, der die Asylszene gut kennt.

In Unterwössen, einem 2500-Einwohner-Ort im Chiemgau kurz vor der österreichischen Grenze, stehen drei Wohnungen zur Verfügung; in Bernau am Chiemsee ein ehemaliger Gasthof mit einzelnen Zimmern und Gemeinschaftsküche. Man habe bei der Auswahl der neuen Heime "selbstverständlich auch auf eine gute Infrastruktur geachtet", betont die Regierung von Oberbayern. "Es gibt bereits in beiden Orten Helferkreise, die sich auch um Deutschkurse für die Flüchtlinge bemühen." Wieder baut der Staat auf Freiwillige.

Und tatsächlich, die Helfer in Unterwössen erwarten die Flüchtlinge schon freudig. Regine Käuffer, Sprecherin der örtlichen Gruppe mit einem Kern von etwa sechs bis acht Ehrenamtlichen, kann es kaum erwarten: "Was brauchen sie denn?" fragt sie. Rundum-Betreuung? Soziale Kontakte? Sprachkurse? Und in Bernau gründet sich gerade ein Verein, 50 Bürger haben bisher ihre Hilfe angeboten. Der Bürgermeister ist ganz stolz, dass sich so viele der knapp 7000 Einwohner engagieren wollen.

Das große Problem: mangelnde Kommunikation

Wie aber sollen Ehrenamtliche die intensiven Deutschkurse, an denen die Zukunft der Flüchtlinge hängt, bewältigen? Wie sollen Freiwillige täglich vier, fünf Stunden Sprachschule anbieten, um zertifizierte Prüfungen zu ermöglichen? "Das können wir nicht leisten", sagt Johannes Feitl vom Bernauer Asylhelfer-Verein.

Wieder einmal scheint die Kommunikation zwischen den Akteuren mangelhaft. Von den Behörden, sagt Feitl, würde er kaum was erfahren, "wenn ich mich nicht selber kümmern würde". Und Bernaus Bürgermeister Philipp Bernhofer will Terminankündigungen aus München gar nicht mehr kommentieren, zu oft hätten sie sich in Luft aufgelöst: "Ich hoffe, dass ich rechtzeitig informiert werde." Auch die Innere Mission klagt seit langem über mangelnde Kommunikation. Wenige Tage vor dem geplanten Umzug ist der Informationsfluss zwischen München und dem Chiemgau rudimentär. Die Helfer in Unterwössen etwa erfahren erst durch einen SZ-Anruf, welch zertifizierten Deutschkurs die Syrer benötigen, weshalb die Gemeinde ihn jetzt über die Volkshochschule organisieren will. Und die Syrer ahnen nicht, wie sehr man sich auf sie freut; stattdessen haben sie Angst vor der Zukunft. Im Hotel Pollinger in Aubing erzählen sie, mit welchem Gefühl sie ankamen: als Gäste, eingeladen von der Bundesrepublik. Ein dreiviertel Jahr später übersetzt der Dolmetscher einen von ihnen mit diesem Satz: "So behandelt man Gäste nicht."

Spezieller Status

20 000 Syrer nimmt die Bundesrepublik als sogenannte Kontingentflüchtlinge auf. Gut 3000 von ihnen sollen nach Bayern kommen. Bayerns Integrationsbeauftragter Martin Neumeyer (CSU) hat gerade erst gefordert, noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen, Flüchtlingshilfsorganisationen mahnen ein eigenes bayerisches Hilfsprogramm an zusätzlich zu dem des Bundes. Unter den Geflohenen sind Kontingentflüchtlinge privilegiert. Sie müssen keine lebensgefährlichen Schiffe besteigen, ihnen wird der Flug nach Deutschland bezahlt. Sie haben, anders als Asylbewerber, vom ersten Tag an ein sicheres Aufenthaltsrecht und Anspruch auf Sozialleistungen. Zudem dürfen sie arbeiten und, nach den obligatorischen zwei Wochen im Durchgangslager Friedland, eine eigene Wohnung beziehen. In vielen Teilen Deutschlands klappt das gut. beka

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