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Flüchtlinge in München:"So behandelt man Gäste nicht"

Flüchtlinge aus Syrien

"So behandelt man Gäste nicht": Die syrischen Flüchtlinge, die im Hotel Pollinger untergebracht sind, sind frustriert.

(Foto: Lukas Barth)
  • Den Behörden gelingt es nicht, von der Bundesregierung eingeladene Flüchtlinge aus Syrien so zu behandeln, dass sie sich in München willkommen fühlen.
  • Elf syrische Familien leben in einem Hotel in Aubing und finden keine Bleibe in München - obwohl sie als Kontingentflüchtlinge sofort eine Wohnung beziehen dürften.
  • Nun werden die Bürgerkriegsflüchtlinge aufs Land geschickt. Dort freut man sich auf ihre Ankunft und will sie - ehrenamtlich - unterstützen.

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten in all dem Flüchtlingselend. Die eine ist, dass Deutschland 20 000 Syrer aufnimmt - ohne langwieriges Asylverfahren. Die andere, dass es im oberbayerischen Unterwössen Einheimische gar nicht erwarten können, bis sie einigen dieser Syrer helfen können. Dazwischen aber, zwischen dem großen Aufnahmeprogramm und dem kleinen Unterwössen, klafft eine gewaltige Lücke. Den Behörden gelingt es nicht, eine humanitäre Idee so umzusetzen, dass sich die Bürgerkriegsflüchtlinge willkommen fühlen.

München, Hotel Pollinger in Aubing. "Sie fühlen sich allein gelassen", übersetzt ein Dolmetscher einen Syrer. Ein anderer Flüchtling spricht schon gut Deutsch: "Wir sind sehr enttäuscht." Zwei Dutzend Männer sitzen um einen Tisch im Souterrain, sie warten darauf, dass ihnen irgendjemand verbindlich sagt, wo und wann sie endlich ankommen dürfen in Deutschland. Elf syrische Familien leben seit neun Monaten zwangsweise im Hotel, und nun werden sie aufs Land geschickt. Nach Unterwössen. Oder nach Bernau. Wohin bitte?, fragen sie. Und warum gerade jetzt? Ratlos und verärgert sitzen sie da.

Erfüllung der Quoten

Kontingentflüchtlinge dürfen sofort eine Wohnung beziehen, zumindest in der Theorie. 78 der 20 000 Syrer haben die Behörden im April und Mai vergangenen Jahres nach München geschickt. Ausgerechnet nach München, wo schon Einheimische große Probleme haben, eine Wohnung zu finden. Wie soll das dann einem Flüchtling, der kein oder kaum Deutsch spricht, in absehbarer Zeit gelingen?

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Fragt man die Behörden, warum ausgerechnet München, lautet die Botschaft jeweils: Wir sind nicht schuld - die anderen waren's. "Die Flüchtlinge wurden nicht vom Sozialministerium nach München geschickt", betont das Sozialministerium, es sei der "Landesbeauftragte für die Aufnahme und Verteilung ausländischer Flüchtlinge" gewesen, er sitzt in Zirndorf. Dass der dem Ministerium unterstellt ist - egal. Der Landesbeauftragte beantwortet keine Fragen, das erledigt der Sprecher der Regierung von Mittelfranken. Warum also München? Wie die Syrer untergebracht werden, interessiere den Landesbeauftragten qua Amt nicht, er achte "auf die Erfüllung der Quoten".

Für alles weitere sei die jeweilige Bezirksregierung zuständig. Die Regierung von Oberbayern wiederum verweist auf die "Zuweisung durch den Landesbeauftragten". Tatsächlich waren die Oberbayern damals gar nicht begeistert, die Syrer aufnehmen zu müssen, das hört man unter der Hand. Man sah das Image-Desaster kommen.

Eine Lösung, die aus der Not geboren wurde

Denn mangels Alternativen quartierte die Regierung die Flüchtlinge in einem, wie es hieß, "neu geschaffenen Übergangswohnheim" ein. Neu aber war gar nichts: Berg am Laim, Containerbau, zweigeschossig, knapp 20 Jahre alt. Empfangen wurden die Flüchtlinge am Ankunftsabend vom Wachdienst, jede Hilfe wurde improvisiert, viel davon ehrenamtlich. Bis zu sieben Personen teilten sich ein Zimmer mit 15 Quadratmetern. "Erschüttert" und "entsetzt" zeigte sich Günther Bauer, Chef der Inneren Mission (IM), als er die Unterkunft sah. "Die Bundesrepublik hat sie eingeladen, damit sie hier in Sicherheit und Frieden leben. Es ist aber beschämend, wie wenig Bundes- und Landesregierung auf die Ankunft der Flüchtlinge vorbereitet sind."

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Die Syrer berichten, dass sie im Libanon, ihrem letzten Zufluchtsland, in Wohnungen oder Häuser gelebt hätten. Und dass man ihnen Wohnungen in Deutschland versprochen habe. Was ihnen in den Vorbereitungs- und Auswahlkursen tatsächlich angekündigt wurde, ist kaum zu klären, womöglich gab es Missverständnisse. Sicher aber ist, dass sie große Hoffnung in Deutschland gesetzt haben. Und dann München.

Vier Wochen harrten sie in den Containern aus, ehe sie nach Aubing umzogen, die Lösung wurde geboren aus der Not des medialen Drucks auf die Behörden. Für die Sozialbetreuung ist seither die Innere Mission zuständig, ihrem Mitarbeiter werden aber bloß 20 Stunden finanziert. In dieser Zeit soll er sich nicht nur um das soziale Alltagsgeschäft kümmern, sondern vor allem Wohnungen aufreiben, und das in ganz Bayern. Angebote suchen und sortieren, Vermieter kontaktieren, Wohnungen besichtigen, Formalitäten regeln. Derweil haben sich die Familien über die Monate eingelebt in München, die Innere Mission hat ein dichtes Netz ehrenamtlicher Helfer geknüpft mit vielen Mentoren. Die Kinder gehen in Kindergärten und Schulen, haben Freunde gefunden, die Erwachsenen besuchen Intensiv-Sprachkurse, manche stehen kurz vor der Prüfung.