bedeckt München 27°

Flüchtlinge in München:Zu wenig - von allem

Einer, der weiß, wie es läuft in den Behörden, erzählt, was er für das Problem hält: Man weise jedem ein Bett zu, und sei es eines im Zelt im Kapuzinerhölzl. Aber die Verständigung klappe oft nicht. Die Behörden schaffen es nicht, den Flüchtlingen zu erklären, was sie tun müssen, um Bett und Decken zu bekommen, in welche Warteschlange sie sich einreihen müssen. Es gibt zu wenig Betreuer, von Dolmetschern ganz zu schweigen. Diese Sprachlosigkeit lässt die Hilfe suchenden Menschen frieren.

Später, da ist es längst finster, vertreibt die Security eine Gruppe von Syrern, die sich aufs Gras gelegt haben. Sie sollen sich gefälligst vor Haus 39 anstellen und sich registrieren lassen. Aber warum haben sie keine Decken bekommen? Der Sicherheitsmann ist grantig. Er versichert, dass genügend Decken vorrätig seien, jeder, der wolle, bekomme eine. "Wenn wir ihnen Decken geben, verpissen sie sich." Wie bitte? "Die nehmen die Decken und verpissen sich." Soll heißen, sie suchen sich einen Schlafplatz, irgendwo. Ein anderer von der Security redet davon, dass die Flüchtlinge "rumstreunen", anstatt sich ordentlich in die Schlange zu stellen. Wieder ist es gut, dass die meisten Menschen hier kein Deutsch verstehen.

Umringt von Dutzenden Menschen

Es ist Freitagabend, kurz nach 21 Uhr, Benjamin Idriz hat seinen Plan verwirklicht. Über das Münchner Forum für Islam, jenen Verein, den man kennt, weil er eine repräsentative Moschee bauen will, hat er binnen drei Stunden Decken und Kissen gesammelt, jetzt fährt er in einer kleinen Autokolonne in die Bayernkaserne.

Die Security am Eingang Heidemannstraße 50 lässt ihn passieren, Hilfe sei willkommen, heißt es dort. Idriz aber muss weiter in den Bereich von Nummer 60. Dort werden die Flüchtlinge registriert, dort lagern sie im Freien, und dort hat eine andere Security das Sagen. Die ist überrascht von der unangemeldeten Spendenaktion, wird nervös. Idriz ist sofort von Dutzenden Menschen umringt. Jeder will eine Decke, es wird kalt.

Diskussionen zwischen Security und Idriz: Er dürfe nicht hier sein, bitte wegfahren. Wieder weg? Nein, Idriz lässt sich nicht vertreiben, er und sein Team verteilen die Decken. Als sie fertig sind, es ist 22 Uhr, klopft es an Idriz' Autotür: "Grüß Gott. Die Polizei." Die Security hat die Polizei gerufen. Idriz steigt aus, der Polizist belehrt ihn: "Sehr löblich" sei die Aktion, aber er hätte die Decken an der Pforte abgeben müssen. Vorschrift. Idriz versucht zu erklären: "Das war eine spontane Idee. Es hat mir so leid getan, was ich gesehen habe. Diese Bürokratie erschwert das Leben von so vielen Menschen." Der Beamte, immer korrekt im Ton, scheint das zu verstehen, sagt, er sei ja auch quasi nur der verlängerte Arm der Regierung, des Hausherrn.

Menschen liegen auf dem Boden. Schlafen.

Und dass Idriz bitte den Security-Chef verstehen möge: "Er kann die Sicherheit nicht mehr aufrecht erhalten." Was für eine Szene. Ein Imam, der bis vor ein paar Jahren vom bayerischen Innenminister als angeblicher Extremist und Verfassungsfeind gebrandmarkt wurde (was längst korrigiert ist), dieser Imam will frierenden Flüchtlingen in der Obhut des Freistaats helfen. Und warum entsteht ein Menschenauflauf, der die Sicherheit in der Bayernkaserne gefährdet? Wohl kaum, weil schon alle mit einer behördlichen Decke versorgt sind und sie nicht genug kriegen können.

22 Uhr ist durch. Ein Kind kurvt mit einem Fahrrad herum. Ein anderes schaukelt auf einem kleinen Spielplatz. Einige der alten Garagen dienen Hunderten als Schlafplatz, die Luft drinnen ist zum Schneiden. In einer der anderen Garagen ist die Kleiderkammer untergebracht. Sie ist voll, die Münchner Bevölkerung spendet viel und gerne, aber die Türen zu den Kleidern und Decken sind verschlossen.

Draußen, im diffusen Licht der Laternen, erkennt man jetzt nur noch Schemen. Man muss nahe herankommen, dann werden daraus Menschen. Sie liegen auf dem Boden. Sie schlafen.

Zahlreiche Organisationen in und um München helfen Flüchtlingen, sie bitten um Geld- und Sachspenden und suchen Ehrenamtliche. Eine Liste von Vereinen und Gruppen hat die SZ im Internet zusammengestellt: www.sz.de/asylhelfer

© SZ vom 13.10.2014/bica

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite