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Flüchtlinge in München:Alle Flüchtlinge müssen registriert werden

Registrierungsstelle für Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof, 2015

In der Registrierungsstelle im Starnberger Flügelbahnhof weist ein Schild in englischer Sprache auf Trinkwasser hin.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

"Es gibt Gesetze, und an die müssen wir uns halten, wir sind Polizisten", sagt Jürgen Vanselow, Chef der Bundespolizei am Hauptbahnhof. Das Gesetz definiert die unerlaubte Einreise als Straftat, "das heißt, wir müssen eingreifen und die Asylsuchenden vom Zug zum Bearbeitungsraum im Starnberger Flügelbahnhof bringen und Anzeige erstatten", sagt Vanselow. Allein dieses Bild, dass uniformierte Polizisten eine Gruppe von oft dunkelhäutigen Menschen durch den Bahnhof geleiten, ruft andere Reisende auf den Plan: "Aha, deportieren sie schon wieder Menschen", bekommen die Beamten zu hören. Zum Hauptkommissar Ralf Schiller sagte eine alte Dame: "Das ist ja hier wie vor 70 Jahren."

Polizeioberkommissarin Kerstin Schuster sagt: "Oft sind es Worte oder auch verächtliche Blicke, oder die Menschen zücken den Fotoapparat oder ihre Handys, um uns zu filmen." Psychodruck sei das, findet Schiller. Wenn der Verdacht auf Krankheiten wie Krätze bei der Asylsuchenden besteht, ziehen die Polizisten blaue Handschuhe an, um sich zu schützen. Auch das wird kommentiert. Ralf Schiller sagt, er gehe mittlerweile "nicht mehr gerne" an die Züge aus Italien und Österreich heran. Und wenn jemand auf ihn einschimpft, dann reagiert er mit der Antwort, er mache doch bloß seine Arbeit.

Die Beamten müssen sich wehren

Inspektionsleiter Vanselow kann derartiges schon nicht mehr hören. "Wenn die Worte Nazi, SS oder ähnliches fallen, werden wir uns rechtliche Schritte überlegen", sagt er. Was die Hautfarbe von Menschen anbelange, "da sind wir farbenblind". Fünf Prozent der Beamten bei der Bundespolizei haben selbst einen Migrationshintergrund. Jamie Richmond, eine 22-jährige Polizeimeisterin mit amerikanischem Vater, und Hüseyin Arin, 43, Hauptkommissar mit türkischen Wurzeln, wurden noch nie derart beleidigt. Hüseyin Arin kam mit acht Jahren in München an, er studierte Jura und ist seit zehn Jahren als Bundespolizist am Münchner Hauptbahnhof tätig. "So gesehen bin ich auch ein Flüchtling, ein Wirtschaftsflüchtling", sagt er. Seine Kollegen seien empathisch mit den Ankommenden "und die Schicksale, die wir hier sehen, die lassen keinen kalt".

Die Menschen kommen nicht nur mit Zügen, sondern auch mit Lkw oder Bussen an den Hauptbahnhof. Kürzlich klingelten 25 Nigerianer an der Wache und baten um Einlass. Ralf Schiller wurde am Gleis von einem Neunjährigen stumm am Ärmel gezupft. Der Junge kam alleine aus Eritrea, ohne Gepäck. Ein Afghane schwankte so sehr, dass die Beamten glaubten, er sei sturzbetrunken. Der Alkoholtest ergab null Promille. Der Mann hatte auf der Flucht seit drei Tagen nicht mehr geschlafen. Oder der zwölfjährige Bub, der vor der Wache stand. Sein Vater sei in Syrien erschossen worden, erzählte er. Sein Onkel habe ihn hier vor der Wache abgesetzt - und sei dann verschwunden.

Die Aufgaben der Bundespolizei, sagt Vanselow, haben sich verändert. Man gehe kaum noch Streife, um im Hauptbahnhof nach dem Rechten zu sehen, man reagiere nur noch auf die wachsende Zahl der Flüchtlinge. "Die meisten Asylsuchenden sind ja froh, hier angekommen zu sein", sagt Vanselow. Es gebe auch viel Sympathie und Dankbarkeit. Aber es gebe auch welche, die versuchen über den Bahnhof oder die Gleise abzuhauen. Hier hat der Inspektionsleiter einen "moderaten Umgang" angeordnet, es soll keine "hässlichen Szenen" im Hauptbahnhof geben. Es sei immer abzuwägen, ob es dafür stehe, einen Flüchtigen durch das Bahnhofsgebäude zu verfolgen.

© SZ vom 12.08.2015/vewo

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