Flüchtlinge in der Bayernkaserne:Wie lange bleiben sie? Können wir uns infizieren?

Direkte Informationen der Behörden? Fehlanzeige. Genau das dürften die entscheidenden Faktoren für die Aufregung in Freimann sein: Überbelegung und Mangelinformation. Viele im Viertel wollen mehr wissen darüber, was hinter der Mauer los ist. Wer lebt dort? Woher kommen sie? Wie lange bleiben sie? Können wir uns infizieren?

Viele Antworten der Bürger darauf, verbreitet im Netz und beim Gassigehen, speisen sich aus Halbwissen und Falschinformation. So gedeiht das Gegenteil von Verständnis für Menschen, die in großer Not nach München gekommen sind. Und wer fängt die Gerüchte ein? Welcher Offizielle erklärt, dass es keine staatlichen Handy-Geschenke gibt und kein Ebola in der Kaserne?

Christian Krems ist 42 Jahre alt, Initiator der großen Facebook-Gruppe und Türsteher im Nebenjob. Seine Oberarme künden von kräftigem Training und Liebe zur Tätowierung. Auf seiner persönlichen Facebookseite prangt eine Deutschlandflagge, darauf in Frakturschrift: "Deutsch und stolz darauf". Gerade verwendet er viel Zeit darauf, seine Kritiker davon zu überzeugen, dass er kein Nazi sei, als der er beschimpft wird.

Jetzt muss was passieren

Die Idee zur Facebook-Gruppe sei vor zwei Wochen beim Gassigehen entstanden, als er und seine Partnerin von anderen Hundebesitzern mal wieder eine dieser Geschichten über die Flüchtlinge hörten, die Anwohner belästigen. Angeblich. Jetzt muss was passieren, war ihr Reflex, und schon war die Gruppe online. "Gegen das Asylheim". Der Titel sei ein Fehler gewesen, sagt er, er habe doch nicht gedacht, dass sich Nazis dranhängen. Er habe dann einige ausgeschlossen, aber der Ruf, selbst ganz rechts zu stehen, klebt an ihm.

Nein, hingegangen ist er noch nie zu den Flüchtlingen, um mit ihnen zu reden. Er habe Angst, sagt der Türsteher. Schon auf der Straße habe er ein mulmiges Gefühl, und rein in die Kaserne - lieber nicht. TBC, Ebola, wer weiß, wie schnell man sich da anstecke. Manche Nachbarn, erzählt er, kauften schon kein Obst mehr beim Discounter, weil dort ja auch die Schwarzen seien und Äpfel und Birnen anfassten. In der Kaserne gibt es für jetzt 1800 Flüchtlinge gerade mal sechs Sozialbetreuer.

"Haben die das im Griff?", fragt Krems und meint die Behörden. Er wolle wissen, was in der Kaserne so los sei, aber "der Infofluss ist recht dürftig". Immerhin, inzwischen sei vieles besser geworden vor der Mauer. "Hätten wir nicht einen solchen Wirbel gemacht." Christian Krems strahlt. Endlich haben die Behörden reagiert, weshalb er nach gut einer Woche die Facebook-Gruppe wieder geschlossen hat. "Was wir erreichen wollten - wir haben es geschafft."

Als Hunderte Bürger sich virtuell verbünden, als Nazis mit dem Anzünden der Kaserne drohen, schickt die Polizei berittene Beamte ins Viertel, lässt die Stadt die Grünanlagen öfter von Müll reinigen, stockt die Regierung das Wachpersonal massiv auf, lässt nun auch auf der Wiese nach dem Rechten sehen. Jetzt fühlen sich viele Bürger ernst genommen. Erst jetzt.

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