Flüchtlinge im Hungerstreik Die Verzweifelten und die Wütenden

Andere sprechen die Sprache der Wütenden. Robert Seko zum Beispiel. Er ist vor dem Krieg aus seiner Heimat Kongo geflohen, wo er 1996 seine Familie bei einem Massaker verloren habe. Seit 2009 lebt er in Neuburg an der Donau, in einer Unterkunft mit Hunderten anderen. 33 Jahre alt ist er und darf nicht arbeiten. Er versteht das nicht: "Wir könnten der Gesellschaft doch was geben." Aber die deutsche Politik zwingt ihn und unzählige andere zum Nichtstun, bar jeder Perspektive und immer in der Angst vor einer möglichen Abschiebung. Seko erklärt, warum er in Hungerstreik getreten ist: weil ihm irgendwann der Tod lieber ist als dieses Leben. So spricht einer, der sich seiner Würde beraubt sieht.

Plötzlich steht Brigitte Meier auf dem Rindermarkt. Sie ist nicht wirklich Adressatin der politischen Forderungen, aber als Sozialreferentin der Stadt sorgt sie sich um die Menschen - und sucht den "Veranstalter". Die Suche muss erfolglos bleiben, denn einen "Veranstalter" gibt es nicht. Es gibt keine straffe Organisation hinter dem Protest, das haben die Flüchtlinge schon selbst gemacht. Sie sind aus ganz Bayern nach München gereist und haben sich nach dem Ende ihrer Demo am Samstag niedergelassen. "Non-Citizen" nennen sie sich, um zum Ausdruck zu bringen, dass man ihnen bestimmte Bürgerrechte vorenthält.

Die Flüchtlinge protestieren gegen die aus ihrer Sicht unwürdigen Bedingungen.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Ihre Forderungen sind berechtigt", erklärt Meier, "wir verstehen sie." Das sagt sie auch in Richtung Staatsregierung, die für die Unterbringung und Behandlung der Flüchtlinge zuständig ist. Meier hat unter den Planen eine hochschwangere Frau gesehen. Wenn diese Frau lieber im Regen auf dem Rindermarkt ausharre als in ihre Unterkunft zu gehen, sagt Meier, dann sollte die Staatsregierung doch mal in sich gehen. Je länger man mit der SPD-Politikerin spricht, desto mehr empört sie sich, weil es doch auch um Humanität gehe, nicht bloß um Politik.

Die Ministerien fühlen sich nicht zuständig

Auch die SPD-Fraktion im Landtag ruft der Hungerstreik auf den Plan. Per Pressemitteilung kündigen die Abgeordneten Isabell Zacharias und Hans-Ulrich Pfaffmann für Montagnachmittag ihren Besuch im Camp an, es ist ja auch Wahlkampf, und geißeln die "menschenunwürdigen Bedingungen", unter denen die Schutzsuchenden leben müssen, regulär, versteht sich, jenseits des Rindermarkts.

Es wäre interessant zu erfahren, was die Staatsregierung zur Kritik der Hungerstreikenden sagt. Im Sozialministerium aber heißt es, man sei dafür nicht zuständig, bitte das Innenministerium fragen. Nein, heißt es dort, zuständig sei schon das Sozialministerium, bitte dort anrufen. Nein, nein, heißt es dort erneut, dazu sollen die im Innenministerium was sagen. Am Ende sagt keiner was zum Protest der Verzweifelten. Nur Joachim Herrmanns Sprecher wiederholt, was der CSU-Innenminister immer sagt: dass man bei den Essenspaketen bleibe und bei den Gemeinschaftsunterkünften, weil man ja keine Zuwanderungsanreize schaffen wolle.

Doch sie kommen trotz Abschreckung und wollen so schnell auch nicht weichen. Am Montag haben die "Non-Citizen" den Vorschlag der Polizei abgelehnt, an einem anderen Ort echte Zelte aufzuschlagen. Sie wollen im Herzen der Stadt bleiben. Noch trinken sie Wasser und Tee, von Dienstag an, so war der Plan, wollen sie auch darauf verzichten. Gut, dass es im Hintergrund Ärzte gibt, die sich ehrenamtlich um die Flüchtlinge kümmern. Denn sie meinen es ernst. Sie kämpfen um ihre Würde.