Flüchtlinge im Hungerstreik:"Denen geht's um richtige Querelen"

Auf den Rindermarkt kommen andere. Marian Offman zum Beispiel, wie schon die Tage zuvor will er reden mit denen, die Schutz suchen in Bayern. Offman ist engagiert wie wenige andere Münchner Stadträte, er ist auch in der CSU, und auch er sagt: Klar, der Rechtsstaat dürfe sich nicht erpressen lassen. Aber der Protest lässt ihn eben nicht kalt. "Es ist eine humanitäre Aufgabe, den Menschen zu helfen". Und ja, den Ton der CSU-Ministerin, den halte er für "unangemessen".

Hungerstreik in München

Etwa 17 Flüchtlinge sind inzwischen zusammengebrochen

(Foto: dpa)

Die Flüchtlinge selbst haben sich zurückgezogen. Helfer halten Transparente hoch, "Flüchtlingslager abschaffen" steht auf einem, es ist Forderung und Sichtschutz zugleich. Dahinter sitzen sie auf Bänken oder liegen in den Zelten, seit zwei Tagen trinken sie nicht mal mehr. Einige kamen dehydriert ins Krankenhaus, um ein paar soll es nicht gut stehen. Eine Sprecherin aus dem Unterstützerkreis, betont, dass die drei Kinder im Camp gut versorgt seien und dass die hochschwangere Frau aus Nigeria, die Kleinigkeiten esse, ihr Baby am Rindermarkt auf die Welt bringen möchte. Zugleich gebe es andere, die bereit seien, diese Welt zu verlassen.

Der Mann auf der Trage ist noch nicht lange versorgt, da kommt Münchens Oberbürgermeister Christian Ude von der SPD die paar Meter vom Rathaus rüber, um sich zu informieren. Sofort ist er von Kameras und Mikrofonen umringt. Er erklärt, dass er die Verzweiflung erkenne, aber dann verwendet er ähnliche Worte wie die Minister der CSU. Den "Drohungen" könne der Staat nicht nachgeben.

Riskante Hoffnung

Christoph Hillenbrand wird noch deutlicher. Er war unter Beckstein Sprecher des Innenministeriums und ist inzwischen als Präsident der Regierung von Oberbayern für die Unterbringung der Flüchtlinge in diesem Landstrich zuständig. Ihn hat die Sozialministerin vorgeschickt, um mit den Flüchtlingen zu verhandeln, und nun ist er fassungslos über die Haltung der Flüchtlinge. "Denen geht's um richtige Querelen", sagt er und spricht von einem "Krieg der Worte".

Nein, er wolle die Situation keineswegs weiter eskalieren, sagt er. Die Aktion nennt er dennoch: "Staatserpressung". Als Strategen dahinter vermutet er den Verhandlungsführer, einen seit kurzem anerkannten Asylbewerber, der selbst an ähnlichen Protesten teilgenommen hat. Radikal und geschult wirke er mit seinem "geschniegelten Englisch".

Das Binnenverhältnis zwischen Hungerstreikenden und Unterstützern ist nicht so einfach zu durchschauen, und die Grenze zwischen beiden verschwimmt zusehends. Am Donnerstag kündigten mehrere Helfer an, nun auch in Hungerstreik zu treten. Aus Solidarität, und um den Druck auf die Politik und die Behörden zu erhöhen. Es sind diesmal anerkannte Flüchtlinge und deutsche Staatsbürger. Vielleicht, sagt eine junge Frau kurz vor ihrer vorerst letzten Mahlzeit, sei das Leben von Deutschen mehr wert. Es ist eine riskante Hoffnung.

Mitarbeit: Julia Pieper

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: