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Flüchtlinge:Die Frauen brauchen endlich keine Angst mehr zu haben

Samira lebt mit ihren Töchtern in dem Wohnprojekt Mirembe.

(Foto: Catherina Hess)

Im Monatsturnus werden Ämter vergeben, Präsidentin, Protokollführerin, Dolmetscherin, Spülmaschinendienst. Als "frei denkende und selbstständige Menschen" sollen die Frauen eines Tages die Unterkunft verlassen können, sagt Stephanie Knott. Auch Samira und ihre Töchter sollen irgendwann allein klarkommen in der neuen Heimat. Ein Ziel, von dem die Afghanin noch ein Stück entfernt ist. Bis dahin ist Mirembe das Beste, was ihr passieren konnte.

Auch Valin ist froh, dass sie einen Platz in der Unterkunft bekommen hat. Die 33-Jährige aus Uganda, ihr Name wurde für diese Geschichte ebenfalls geändert, liebt Frauen und musste deshalb ihre Heimat verlassen. Homosexuelle sind in Uganda Hass und Gewalt ausgesetzt, sie werden verfolgt und eingesperrt. Die Medien des Landes feuern den Hass mit einer Hetzkampagne an. Valins Stiefvater hatte ihr einen Mann geschickt, der sie vergewaltigte. Sie hatte ihren Job verloren und im Gefängnis gesessen. Ihren einzigen Ausweg sah sie in der Flucht nach Europa.

Über Stationen in den Niederlanden und in Schweden kam Valin 2015 nach Deutschland. Bei der Münchner Beratungsstelle für lesbische Frauen, Letra, fand sie Unterstützung, die Beraterinnen stellten auch den Kontakt zu Mirembe her. Zuvor hatte Valin bereits in vier verschiedenen Unterkünften gelebt; einfach sie selbst sein konnte sie nirgends.

Seit fünf Jahren unterstützt Letra geflüchtete Lesben, vor allem mit psychosozialer Beratung. "Oft gibt es einen verinnerlichten Selbsthass", sagt Sprecherin Rita Braaz. Die Frauen fragten sich: Bin ich vielleicht doch krank? Bin ich sicher hier? Kann ich mich outen? "Die Angst hört hier nicht auf." Die Beraterinnen versuchen, die Frauen in ihrer Identität zu bestärken, sie vermitteln Therapien und erleichtern den Zugang zur LGBT-Community, der Gemeinschaft von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender.

Die Flüchtlingswelle der vergangenen beiden Jahre hat auch Letra mehr Klientinnen gebracht. Die meisten stammen aus Uganda, ein paar aus dem Senegal, aus Mali und aus dem Kosovo. In Gemeinschaftsunterkünften haben Lesben ein doppeltes Problem. Erstens, weil sie Frauen sind. "Sie werden in den Unterkünften immer erst mal als potenzielle Sexualpartnerinnen gesehen", sagt Rita Braaz. Zweitens, weil sie lesbisch sind. "Viele Flüchtlinge stammen aus homophoben Kulturen." Immer wieder musste Valin bohrende Fragen von Mitbewohnern beantworten: "Woher kommst du? Uganda, da ist kein Krieg. Warum bist du hier? Warum bist du allein? Warum hast du keinen Mann?" Valin sagte nur: "Ich habe meine Gründe."

Mit dem Leben in München kommt die Freiheit

Mit der Wahrheit herauszurücken, mit jemandem über ihre Identität zu sprechen - unmöglich. Nur einmal war da dieser junge Mann, immer schweigsam, immer verschlossen. Eines Tages sah sie ihn im Schwulenzentrum Sub. Er erschrak. "Bitte sag es niemandem", bat er. Sie lächelte, sagte "ich auch", und seitdem teilten sie dieses Geheimnis. Als ein Attentäter im Juni bei einem Anschlag in einem Schwulenclub in Orlando 49 Menschen erschoss, saß Valin mit anderen Geflüchteten vor dem Fernseher. Sie fühlte eine unendliche Traurigkeit. Da legten die anderen los. "Sie sagten, die Opfer hätten es verdient, sie seien krank und unmenschlich." Valin schluckte, entgegnen konnte sie nichts.

Im vergangenen Sommer ist sie zum ersten Mal in der Parade beim Münchner Christopher Street Day mitgelaufen. Stephanie Knott von Mirembe hatte die Frauen im Haus damals gefragt, ob sie mitkommen wollen, einfach so. Auch Samira aus Afghanistan. "Gib mir zwei Jahre in Deutschland", hatte die geantwortet, "dann komme ich mit."

Mirembe ist übrigens Ugandisch. Das Wort hat verschiedene Bedeutungen: Unabhängigkeit, Freude, Frieden, Freiheit.

© SZ vom 21.11.2016/vewo
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