bedeckt München

Flüchtlinge berichten:Warten, ohne zu wissen worauf

Sie sind vor Krieg und Hunger geflohen - und essen nun jeden Morgen eine Breze: Drei in München lebende Afrikaner und ein Afghane erzählen von ihren Erfahrungen und Träumen.

4 Bilder

-

Quelle: Robert Haas

1 / 4

Sie sind vor Krieg und Hunger geflohen - und essen nun jeden Morgen eine Breze: Drei in München lebende Afrikaner und ein Afghane erzählen von ihren Erfahrungen und Träumen.

Kaneshka Shahin aus Afghanistan, 19:

"Früher habe ich geglaubt, dass Deutschland ein sehr gutes Land ist. Als ich hierhergekommen bin, habe ich gesehen, dass das nicht so ist. Hier kann ich meine Probleme nicht lösen. In Afghanistan bin ich bis zur neunten Klasse in die Schule gegangen, dann wurde es dort zu gefährlich für mich, und ich musste fliehen. Bei der Regierung haben sie mein Alter geändert. Jetzt steht auf meinem Ausweis, dass ich 19 bin; dabei bin ich erst 17. Das Ganze hat nicht länger als zehn Minuten gedauert. Ich hatte eine Taskira (afghanischer Pass), aber die haben sie nicht akzeptiert. Sie haben sie mir weggenommen und gesagt, sie sei gefälscht. Ich habe um einen Dolmetscher gebeten, aber es kam keiner. Ich habe dann unterschrieben - was, weiß ich selbst nicht.

Seit drei Monaten wohne ich jetzt in der Unterkunft in der Baierbrunner Straße. Wir sind zu sechst in unserem Zimmer, die anderen sind alle älter als ich. Drei Monate sind vergangen, ohne dass etwas passiert ist. Bis jetzt ist niemand gekommen und hat gefragt, was ich hier mache. Da fühlt man sich alleingelassen, ich kenne mich ja nicht aus hier. Ich will hier studieren und eine gute Arbeit finden, vielleicht als Ingenieur. Die ganz normalen Dinge eben. Ich will so leben wie alle Leute. Dafür muss ich aber erst einmal Deutsch lernen. Es ist schlimm, nur zu warten, ohne zu wissen, worauf."

-

Quelle: Robert Haas

2 / 4

Babou Bojang aus Gambia, 21:

"Als ich mit 16 hier ankam, wusste ich überhaupt nichts. Europa ist ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich habe gedacht, dass man einfach hierherkommen kann und dass hier alles toll ist - einfach alles. Jetzt weiß ich, dass es nicht immer so einfach ist. Nur wenn du in guten Händen landest, ist es leicht, hier zu leben.

In München bin ich nachts angekommen, es war richtig kalt und ich hatte nur einen Pullover und einen Rucksack. Ein Afrikaner hat mich in die Baierbrunner Straße gebracht. Da musste ich meine Papiere zeigen und wurde eine Stunde lang durchsucht. Dann haben sie mich in einem Warteraum schlafen lassen. Ich war voller Panik und habe mir nur gewünscht, dass alles gut wird. Bei der Regierung haben sie am nächsten Tag mein Geburtsdatum geändert - jetzt habe ich an Neujahr Geburtstag, wie viele minderjährige Flüchtlinge. In der Baierbrunner Straße war ich immer der Jüngste. Die Zeit dort war richtig hart; ich hatte Angst vor jedem. Ich wollte unbedingt Deutsch lernen und in die Schule gehen. In der SchlaU-Schule habe ich nach einem Jahr meinen Quali gemacht und mit einer Ausbildung bei einem Architekturbüro angefangen. Demnächst bekomme ich eine Anstellung als Bauzeichner. Ich will aber weitermachen und Architekt werden: Das ist mein großer Traum. Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich schon als Kind ein Haus für sie bauen wollte."

-

Quelle: Robert Haas

3 / 4

Bile aus Somalia, 18:

"Ich war 17 Jahre alt, als ich alleine nach Deutschland gekommen bin. In Somalia herrscht Krieg, deshalb musste ich fliehen. Meine Geschwister sind noch dort, ich mache mir Sorgen um sie, weil es so viele Probleme gibt in meinem Land. Anfangs war es nicht leicht hier. Wenn du in ein anderes Land kommst, verstehst du nicht, wie die Dinge funktionieren. Ich wusste zum Beispiel nicht, was ich machen soll, wenn ich einen Brief von einer Behörde bekomme. Das Jugendamt hat mir aber geholfen. Einen Deutschkurs habe ich schon gemacht, jetzt kann ich es kaum erwarten, dass die Schule im September anfängt. Eigentlich will ich gern in eine eigene Wohnung ziehen. Wenn die Schule anfängt, will ich mehr Ruhe haben. Und ein normales Leben in einer Wohnung, das ist schon etwas anderes als in einer Jugendeinrichtung."

-

Quelle: Robert Haas

4 / 4

Doriane Pitoleta aus Kongo, 18:

"Meine Mutter ist acht Jahre vor mir nach Deutschland geflohen, wir sind bei ihren Freunden aufgewachsen. Als meine Schwester ihr Abitur bestanden hatte, wollten sie, dass meine Mutter uns nach München holt. Ich bin dann allein gekommen. Da war ich 16. Die ersten drei Monate musste ich in der Baierbrunner Straße bleiben, obwohl meine Mutter auch in München wohnt. Sie wollte nicht, dass ich dort schlafe, weil sie selbst zwei Jahre in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt hat und weiß, wie es dort ist.

Die Anfangszeit war für mich sehr schwierig. Meine Mutter und ich waren acht Jahre getrennt und kannten uns kaum noch. In München war alles neu für mich, dazu kam die sprachliche Barriere. Nicht Deutsch zu können, hat mich schüchtern gemacht. Besser wurde es, als ich in die Schule gekommen bin. Da habe ich gemerkt, dass das hier kein Spiel ist. Meine Lehrerin hat gesehen, dass ich schnell lerne, deshalb bin ich von der zweiten in die fünfte Klasse gestuft worden. Nach zwei Monaten, in denen ich mich durchgekämpft habe, war ich Klassenbeste. Jetzt habe ich einen Ausbildungsplatz als Hotelfachfrau. Inzwischen fühle ich mich hier zu Hause - ich esse sogar jeden Morgen eine Breze."

© SZ vom 3. August 2011/ Elisabeth Kimmerle/sonn
Zur SZ-Startseite