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Flüchtlinge:Anwerben statt ausweisen

Junge Flüchtlinge

Bewerber auf der Bierbank: Umair Farooq floh 2013 aus Pakistan. Er ist derzeit auf der Suche nach einer Ausbildung und würde gerne Pädagoge werden.

(Foto: Sonja Marzoner)
  • Handwerksbetriebe suchen dringend Nachwuchs und Fachkräfte. In Bayern konnten insgesamt etwa 10 000 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden.
  • Die Handwerkskammer hat daher eine neue Zielgruppe entdeckt: Sie will Flüchtlinge anwerben.
  • Arbeitgeber haben jedoch immer noch Ängste und Vorbehalte. Auch die hohe Bürokratie macht es ihnen schwer, Flüchtlinge einzustellen.

Peter Rossmanith hat eine Stelle für einen Lehrling ausgeschrieben, wie jedes Jahr. Doch dieses Mal hat der Elektroinstallateur keinen Auszubildenden gefunden. Er hat noch nicht einmal eine Bewerbung erhalten. Rossmanith hat einen Familienbetrieb in München mit zwölf Mitarbeitern. Der Fachkräftemangel könnte für seine Firma zu einer existenziellen Bedrohung werden, sagt er.

Die Handwerkskammer (HWK) für München und Oberbayern sucht dringend Nachwuchs und Fachkräfte. Im laufenden Ausbildungsjahr konnten 1700 Lehrstellen im Handwerk in Oberbayern nicht besetzt werden. Hinzu kommen Schätzungen der HWK zufolge mindestens 6000 offene Stellen. Ein Drittel der Handwerksbetriebe würde gerne mehr Mitarbeiter einstellen. In anderen Branchen sieht es ähnlich aus. Bayernweit kommen auf 100 freie Lehrstellen durchschnittlich nur 84 Bewerber, insgesamt 10 100 Ausbildungsplätze konnten nicht besetzt werden. Und es ist wahrscheinlich, dass sich die Situation künftig nicht verbessern wird. Das Interesse an einer dualen Ausbildung sinkt, hinzu kommt der demografische Wandel, und die boomende Wirtschaft im Großraum München.

Das Potenzial der Flüchtlinge ist bisher ungenutzt

Die HWK hat daher eine neue Zielgruppe entdeckt. Sie will Flüchtlinge anwerben. Deren Potenzial ist bisher oft ungenutzt. Aus mehreren Gründen: weil es Vorbehalte gibt; weil es aufenthaltsrechtliche Hindernisse gibt; und weil Zuwanderung in Deutschland immer noch häufig als ein Problem gesehen wird, das es zu kontrollieren oder zu lösen gilt - und nicht als eine Chance, die es zu nutzen gilt.

Das wird auch deutlich auf einer Konferenz, zu der die Handwerkskammer gemeinsam mit dem Verein Europäische Metropolregion München geladen hatte. Es geht um die Frage, wie man mehr Flüchtlinge für eine Berufsausbildung gewinnen kann. Das Interesse ist offenbar groß, mehr als 250 Zuhörer sind gekommen. Und schon die Begriffe, die hier fallen, zeigen, dass in der Wirtschaft längst eine ganz andere Debatte geführt wird als vielerorts sonst in Deutschland.

Wirtschaft ist auf Zuwanderer angewiesen

Georg Schlagbauer, Präsident der HWK und CSU-Stadtrat, spricht davon, dass die Integration junger Flüchtlinge ein Gewinn sei: "Flüchtlinge erhalten eine Heimat. Wir erhalten eine kulturelle Bereicherung und unsere Wirtschaft die Chance, dem drohenden Fachkräftemangel entgegen zu wirken." Das klingt anders als lange Debatten über die Integrationspflichten. Erst diese Woche wetterte CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer noch gegen "Wirtschaftsflüchtlinge". In der Konferenz ist dagegen die Rede von "Schätzen" und "Schatzhebern".

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Die Wirtschaft steht unter Druck, sie ist auf Zuwanderer angewiesen, der Großraum München besonders, die wirtschaftliche Situation ist stark, die Arbeitslosigkeit niedrig. Die Konferenz will den Betrieben vermitteln, dass es hoch motivierte und engagierte Flüchtlinge gibt, die die Firmen für eine Ausbildung gewinnen können. Dass die jungen Menschen überhaupt so angepriesen werden müssen, zeigt auch, dass es immer noch nicht selbstverständlich ist, Flüchtlinge einzustellen.