Süddeutsche Zeitung

Flüchtlinge am Arbeitsmarkt:Studenten bauen Netzwerke für Asylbewerber

Lesezeit: 4 min

Von Inga Rahmsdorf

Draußen regnet es. Drinnen sitzen junge Männer gelangweilt herum. Zwischen zwei Topfpflanzen steht ein Sicherheitsbeamter und beobachtet die Menschen beim Nichtstun. Es ist laut von dem Stimmengewirr, die Luft ist warm und stickig. Etwa 200 Flüchtlinge wohnen in der Traglufthalle in Unterhaching, in der sie essen, schlafen und darauf warten, ihr neues Leben in Deutschland beginnen zu können. Robert Barr und Christian Klugow nicken grüßend nach rechts und links, schieben Stühle um einen kleinen Tisch und klappen ihre Laptops auf. Die Jobvermittlung ist eröffnet.

Sofort kommt ein junger Mann. Chikezie A. hat gute Nachrichten, er hat es geschafft, der Arbeitgeber will ihn einstellen, die Ausländerbehörde hat eingewilligt, der 32-jährige Nigerianer zeigt glücklich den Stempel in seinem Pass, er darf bei einem Hersteller für Fahrradteile arbeiten. Chikezie A. war schon zwei Tage dort zum Probearbeiten und schwärmt von dem Chef, den Kollegen und dass er so dankbar sei.

Nicht jeder darf arbeiten

Kaum ist er aufgestanden, setzt sich ein großer, schlanker Mann und zieht seinen Pass aus der Tasche. "Erwerbstätigkeit nicht gestattet", steht dort. Daneben legt er einen Antrag, den eine Gartenbaufirma ausgefüllt hat. Sie will den Mann einstellen. "Sie haben sich bei der Ausländerbehörde noch nicht einmal den Brief angesehen", sagt er verzweifelt. "Sorry", sagt Barr, und dass er es weiter versuchen soll beim Amt. Mehr kann Barr nicht tun. Der Mann kommt aus Albanien und das gilt als sicheres Herkunftsland. Keine Arbeitserlaubnis.

Robert Barr, 27 Jahre, und Christian Klugow, 29, vermitteln zwischen Asylbewerbern, Unternehmen und Behörden. Sie machen das, was derzeit überall in Deutschland gefordert wird: Flüchtlingen dabei helfen, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Die Bilder, die zu dem Thema von Politikern, Wissenschaftlern und Medien gezeichnet werden, reichen von düsteren Szenarien, in denen die meisten Asylbewerber keine ausreichenden Qualifikationen haben und viele Analphabeten seien, bis hin zu dem Versprechen, dass die Flüchtlinge den Fachkräftemangel lösen könnten.

Jobcenter, Sozialreferat und Arbeitsagentur München hatten vergangene Woche gemeinsam verkündet, Flüchtlinge in München besser und schneller in den Arbeitsmarkt einbinden zu wollen. Aber wie kann diese Integration konkret ablaufen? Einen Eindruck davon vermitteln Barr und Klugow bei ihrer Arbeit.

Eine Datenbank mit vielen Qualifizierten

Sie tippen Namen von Nigerianern, Afghanen und Pakistanern in ihre Computer. In die Datentabelle tragen sie auch ein, welche Qualifikationen die Männer haben und in welchen Bereichen sie sich vorstellen könnten, zu arbeiten. Hinter Barr und Klugow steht keine Institution und keine Arbeitsagentur. Barr hat gerade sein Studium abgeschlossen, Klugow schreibt noch seine Magisterarbeit. Vor knapp zwei Monaten haben sie sich auf einen ungewöhnlichen Studentenjob beworben: vier Wochen lang Flüchtlinge in einer Unterkunft bei der Arbeitssuche zu unterstützen.

Die Idee mit dem Projekt hatte Daniel Schober. Bei einem Fest in Planegg lernte der 31-jährige Münchner einige Flüchtlinge kennen, die dort in einer Turnhalle untergebracht waren. Sie kamen ins Gespräch, freundeten sich an, fuhren im Sommer gemeinsam an die Isar und grillten im Garten. Schober arbeitet in München bei der IT-Unternehmensberatung Netlight, gemeinsam mit Arbeitskollegen und Freunden baute er ein Mentoren-Netzwerk auf.

Irgendwann fragte sein Chef ihn, ob er eine Idee hätte, wo man am besten für Flüchtlinge spenden könnte. Schober schlug vor, ein Projekt zur Jobvermittlung ins Leben zu rufen. "Alle, die ich getroffen habe, wollten unbedingt arbeiten. Doch die Jobsuche ist eine riesige Hürde, wenn man keine Netzwerke hat und das System nicht kennt."

Sein Chef war einverstanden, seine Firma stellte das Budget zur Verfügung und schrieb die zwei Stellen für Studenten aus. Zunächst war das Projekt für einen Monat angesetzt. "Wir sind total naiv und pragmatisch an die Sache herangegangen, wollten einfach schauen, ob es funktioniert", sagt Schober.

Barr und Klugow bekamen den Job, sie hatten sich schon zuvor in der Flüchtlingshilfe engagiert. Aber die Aufgabe war neu für sie. "Wir hatte keine Ahnung, was uns erwartet", sagt Klugow. Sie fuhren in die Unterkunft, stellten ein Schild auf und setzten sich daneben. In sechs Sprachen hatten sie darauf geschrieben, dass sie bei der Arbeitssuche helfen.

Und es dauerte nicht lang, bis sie umringt waren. Barr und Klugow legten eine Datenbank an, lasen sich in das Asylrecht ein, registrierten mehr als 120 Flüchtlinge, riefen Firmen an und fragten, ob sie Flüchtlinge einstellen wollen. Bei Reinigungsfirmen, in Restaurants und Pflegeeinrichtungen. Manchmal hatten sie Kontakte, manchmal suchten sie einfach im Internet nach Firmen.

Viele Arbeitgeber haben positiv reagiert

"Wir waren total erstaunt, so viele Arbeitnehmer haben positiv reagiert und Interesse gezeigt", sagt Klugow. Dabei spricht kaum einer der Flüchtlinge schon Deutsch, die meisten sind erst seit wenigen Monaten hier, etwa die Hälfte von ihnen spreche Englisch, sagt Barr. Innerhalb von fünf Wochen haben sie 75 Flüchtlinge mit Betrieben in Kontakt gebracht, 60 Arbeitgeber haben schon einen Antrag unterschrieben, dass sie den Flüchtling einstellen wollen. Und als die 180 Flüchtlinge von der Turnhalle in Planegg in die Traglufthalle in Unterhaching umzogen, sind die beiden Jobvermittler mitgekommen. Die Firma Netlight finanziert das Projekt nun bis Ende Dezember. Mit Aussicht auf weitere Verlängerung, sagt Schober.

Ahmed M. setzt sich an den Tisch. Beim ihm braucht Robert Barr gar nicht in die Datenbank schauen. "Es sieht gut aus. Die Reinigungsfirma sagt uns am Montag Bescheid, ob es klappt", sagt er. "Wenn nicht, dann kann ich etwas anderes arbeiten, egal was", sagt Ahmed M. Dann kommt Thomas B. aus Nigeria. Er hat angegeben, dass er als Maler, Kellner, Gärtner oder Putzkraft arbeiten würde. Wenn die Genehmigung vom Landratsamt kommt, kann er am Montag in einer Gaststätte anfangen. "Gestern standen hier acht Pakistani", sagt Barr. "Die Reinigungsfirma, mit der wir gerade im Kontakt stehen, hat sofort gesagt, dass sie die acht einstellt."

Hauptsache Arbeit

Aber ist das überhaupt eine sinnvolle Integration, den Flüchtlingen unqualifizierte Helfertätigkeiten zu vermitteln? Ja, sagt Mürvet Kasap, Sprecherin der Arbeitsagentur München, die auch für den Landkreis zuständig ist. Solche Helferjobs können immerhin ein erster Einstieg sein, so wie ein Praktikum. Wichtig sei aber, dass die Flüchtlinge dann beraten werden, damit sie weiterkommen, Ausbildungen machen und sich weiter qualifizieren können, so Kasap.

Die Arbeitsagentur hat vor knapp zwei Monaten das Team "Zentrum Flüchtlinge" (zu erreichen unter dieser Mail-Adresse) gegründet, um Asylbewerber von Anfang an einzubinden. Die acht Mitarbeiter des Teams gehen auch in Unterkünfte, vernetzen sich mit Helfern, informieren und beraten die Flüchtlinge. Ziel sei es dabei auch, mit solchen Initiativen wie der Jobvermittlung von Barr und Klugow eng zu kooperieren, sagt Kasap. "Denn das müssen wir gemeinsam angehen."

Die Initiative in Unterhaching ist per Mail zu erreichen.

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Quelle:
SZ vom 22.10.2015
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