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Verfolgung Homosexueller:"Sie haben die Tür eingetreten, haben uns geschlagen"

Dieses Bild würde ich nehmen von: Schwule Flüchtlingeim Zentrum Sub, Müllerstraße 14.

Thomas Michel (links) und Stephan Pflaum (blaues Shirt) kümmern sich in der Gruppe Refugees@Sub um schwule Flüchtlinge wie Moses M. (Zweiter von links) und David S. (rechts).

(Foto: Florian Peljak)

Moses M. floh von Uganda nach München. Erst hier hat er erfahren, dass er offen über seine Homosexualität sprechen kann - ohne dafür verprügelt zu werden.

Moses M. hat sich sein Leben lang versteckt. Bis vor drei Jahren. Als er nach Deutschland kam, hat er zum ersten Mal erlebt, wie es ist, einfach er selbst sein zu können. Ohne Angst zu haben, dafür eingesperrt zu werden. Er hat erfahren, wie es ist, offen darüber zu sprechen, dass er schwul ist. Ohne dafür diskriminiert und verprügelt zu werden.

In seinem Heimatland Uganda gilt Homosexualität als Straftat. Schwule und lesbische Menschen werden dort verfolgt, verprügelt und inhaftiert. Moses M. machte sich strafbar, nur weil er liebte, wen er liebte. Seine Familie, Freunde und Nachbarn machten sich strafbar, wenn sie wussten, dass er schwul ist, ihn aber nicht anzeigten. Als er einmal mit seinem Freund zusammen war, kam ein Mob, es waren Nachbarn und Bekannte. "Sie haben die Tür eingetreten, haben uns geschlagen. Mein Freund konnte fliehen, aber mir haben sie das rechte Bein gebrochen. Ich konnte nicht wegrennen." Dann schweigt er.

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Wenn Moses M. von seinem Leben in Uganda erzählt, spricht er leise. Als taste er sich vorsichtig Wort für Wort durch seine Erinnerungen. Und als hätte er die Angst immer noch nicht ganz hinter sich lassen können. Auch wenn er nun in Sicherheit ist. Er sitzt im Café des Sub, dem schwulen Kulturzentrum in München in der Müllerstraße. Hier hat Moses M. Unterstützung gefunden, hier hat er zum ersten Mal erlebt, dass er so angenommen wurde, wie er ist, und dass ihm geholfen wird.

Neben ihm sitzt sein Mentor Stephan Pflaum. Er arbeitet ehrenamtlich in einer Gruppe, die sich Refugees@Sub nennt. Pflaum und weitere 30 Männer betreuen derzeit etwa 100 schwule Geflüchtete. Sie begleiten sie zu den Anhörungen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), bieten ihnen Deutschkurse an, unterstützen sie bei der Suche nach Praktikums- und Arbeitsplätzen, helfen ihnen bei der Wohnungssuche und dabei, sich in München zu vernetzen und anzukommen. Gemeinsam mit anderen Gruppen, die beispielsweise auch lesbische Flüchtlinge unterstützen, haben sie sich zu den "Rainbow Refugees" zusammengeschlossen. Beim Christopher Street Day in München Anfang Juli sind sie auch mitgelaufen, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen.

"Mein Mentor hat mir sehr viel geholfen"

Gegründet hat sich die Gruppe Refugees@Sub, als 2015 Tausende geflüchtete Menschen im Münchner Hauptbahnhof ankamen. Seitdem hat sie mehr als 200 schwule Männer unterstützt. Viele von ihnen engagieren sich heute selbst im Sub und helfen den neuen Ankommenden. Jeden ersten Samstag im Monat organisieren sie ein Refugees-Café im Sub, ein offenes Treffen, zu dem Mentoren, Geflüchtete und andere Interessierte eingeladen sind. Für ihr Engagement haben die Stadt München, der Verein Lichterkette und der Migrationsbeirat die Refugees@Sub mit dem Münchner Lichtblicke-Preis 2017 ausgezeichnet.

"Mein Mentor hat mir sehr viel geholfen", sagt Moses M.. Sein Asylantrag wurde zunächst abgelehnt, er war allein zur Anhörung beim Bundesamt gegangen. Die Mitarbeiter vom Bamf glaubten ihm nicht, dass er schwul ist. Als Moses M. sich dann an die Gruppe im Sub wandte, beantragte sein Mentor Stephan Pflaum eine Überprüfung der Entscheidung. Mit dem Ergebnis, dass das Bundesamt doch anerkannte, dass Moses M. in seiner Heimat verfolgt worden war, weil er schwul ist. Er bekam ein Aufenthaltsrecht.

Pflaum hat schon viele schwule Männer zum Bundesamt begleitet. Und er hat dabei oft erlebt, dass Sprache zum großen Hindernis wird, auch wenn Übersetzer dabei sind. Häufig kommen sie aus demselben Kulturkreis wie die Geflüchteten. Sie mögen zwar beide Sprachen beherrschen, aber wie soll jemand über etwas sprechen, das in seinem Land als unaussprechlich gilt? Für das er selbst keine Wörter hat, weil er noch nie darüber gesprochen hat. Weil es mit Scham und Tabus besetzt ist. Die Geflüchteten müssen in der Anhörung sehr detailliert persönliche und intime Erlebnisse erzählen. Wie war genau die Situation damals, als sie ihren ersten Freund geküsst haben, als sie mit ihm zum ersten Mal Sex hatten?

"In Afrika wird gesagt, dass Menschen wie ich verrückt seien"

Pflaum hat bei den Anhörungen schon erlebt, dass ein Dolmetscher gesagt hat, er könne nicht weiter übersetzen, es sei eine Schande, er könne über solche Themen nicht sprechen. Ein anderer Dolmetscher hat es nicht fertig gebracht, über Sex zwischen zwei Männern zu reden. "Dann haben sie das mit dem Popo gemacht", hat er die Aussage des Geflüchteten verschämt auf Deutsch übersetzt. Und auch für die schwulen Männer selbst ist es schwierig, ihre persönlichen Erlebnisse aus der Heimat vor einer fremden Person auszubreiten. "Deswegen ist es so wichtig, dass wir sie gut auf die Anhörung vorbereiten", sagt Thomas Michel. "Zu Hause haben sie gelernt, dass es lebensgefährlich ist, darüber zu sprechen, und nun müssen sie detailgetreu ihr ganzes Lebens ausbreiten. Wir helfen ihnen, das in Worte zu fassen." Michel ist auch Mentor, er hat die Sub@Refugees vor drei Jahren mit gegründet. Seitdem haben er und die Freiwilligen auch vielen Geflüchteten eine Ausbildung oder Arbeit vermittelt.

Moses M. macht eine Ausbildung als Altenpflegehelfer, er fühlt sich dort wohl. Und sein Arbeitgeber sei glücklich, weil er nach vielen Jahren endlich wieder die Stelle besetzen konnte, sagt Pflaum. Von den Männern, die sie bei den Refugees@Sub betreuen und die ein Aufenthaltsrecht haben, hätten bereits 90 Prozent eine Arbeit, so Michel. "Sie können von ihrem Gehalt leben und zahlen in die Rentenkasse ein." Schwierig wird es bei den Geflüchteten, die noch im Asylverfahren sind oder deren Antrag abgelehnt wurde. Sie brauchen eine Arbeitsgenehmigung.

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An Arbeit mangelt es zwar nicht in München. Auch nicht an der Bereitschaft vieler Unternehmen, Flüchtlinge einzustellen und sie mit Deutschkursen zu unterstützen. Das erleben die Mentoren immer wieder. Woran es aber mangelt, ist die Bereitschaft vieler Behörden, eine Ausbildungs- und Arbeitserlaubnis zu erteilen. "Es gibt überhaupt keine klare einheitliche Linie", kritisiert Michel. Der eine Flüchtling darf arbeiten, der andere nicht, auch wenn beide noch im Asylverfahren sind und aus demselben Land kommen. In der Stadt München hat man bessere Chancen als in vielen bayerischen Landkreisen. "Die Entscheidung ist nur abhängig von dem Landkreis und dem Sachbearbeiter." Diese Kritik hört man nicht nur im Sub, sondern derzeit vielerorts in der Flüchtlingsarbeit. "Man muss sehr kreativ sein, um immer wieder Lösungen zu finden und Türen zu öffnen", sagt Konrad Hirsch, ein anderer Mentor aus der Gruppe. Das mache die Arbeit aber auch so spannend.

David S., 23 Jahre, ist aus Sierra Leone geflohen. Er hatte weniger Glück. "Ich würde gerne eine Ausbildung als Koch machen", sagt er. Doch sein Asylantrag und sein Antrag auf Erlaubnis zur Ausbildung wurden abgelehnt. "In Afrika wird gesagt, dass Menschen wie ich verrückt seien", sagt David S.. Auch seine Familie konnte nicht akzeptieren, dass er schwul ist, hat ihn rausgeschmissen und sich von ihm abgewandt. "Ich kann nicht zurück nach Sierra Leone, weil ich dort ins Gefängnis gesperrt werde", sagt er. "Nur, weil ich so bin, wie ich bin."

"Man wird durch die Arbeit zufriedener"

In Deutschland wird David S. nicht verfolgt für seine Homosexualität. Diskriminierungen hat er aber auch hier schon erlebt. In der Gemeinschaftsunterkunft, in der er lebt, werde er häufig beschimpft und bedroht, weil er schwul ist. In vielen deutschen Städten gibt es spezielle Einrichtungen, in denen schwule, lesbische und transsexuelle Flüchtlinge Schutz erhalten. In München gibt es nur 18 speziell für diese Gruppe ausgewiesene Plätze in Wohnungen. "Das reicht bei weitem nicht aus", sagt Michel. Tägliche Pöbeleien und Bedrohungen erlebt auch Moses M., der sich in einer Unterkunft ein Zimmer mit sechs Personen teilt. Weil er ein Aufenthaltsrecht bekommen hat, dürfte er ausziehen, aber er findet keine Wohnung.

Geflüchtet, schwul und schwarz - das bedeutet gerade auf dem Münchner Wohnungsmarkt, fast keine Chance zu haben. Hirsch zeigt die Absage eines Vermieters, bei dem er versuchte, eine Wohnung für einen jungen Mann aus Uganda zu finden. Der Vermieter schreibt ganz unverhohlen rassistisch, dass er absagen müsse, weil die Konstellation "ungeplante Spannungen" aufwerfe. So hätten der Vermieter und seine weiblichen Mieter "mit Farbigen sehr schlechte Erfahrungen gesammelt". Weiter heißt es: "Wenn Sie zum Beispiel Syrer hätten, dann wäre das anders."

Immer öfter müssen sich die Mentoren auch für ihr freiwilliges Engagement rechtfertigen. Die Stimmung habe sich gedreht, erzählen sie. "Vor drei Jahren gab es fast durchweg positive Reaktionen, wenn man erzählt hat, dass man Flüchtlinge unterstützt", sagt Michel. Nun erleben sie immer öfter auch negative Reaktionen oder Desinteresse bei dem Thema. Aber es gebe auch die andere Seite. Immer wieder treffen sie auch auf offene Menschen, die sie unterstützen. Eine Hauseigentümerin hat eine Wohnung an einen Geflüchteten vermietet, weil sie gerade diejenigen unterstützen wollte, die sonst keine Chance auf dem Wohnungsmarkt hätten. "Und man wird durch die Arbeit zufriedener", sagt Michel. "Weil man noch einmal merkt, was für ein unglaubliches Glück man hat - nur, weil man in Deutschland geboren ist."

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