Verschwundene Orte Münchens vergessenes Schwimmbad

1932 eröffnete das Floriansmühlbad. Am Beckenrand traf sich die Schwabinger Prominenz, hier wurden Szenen für die "Unendliche Geschichte" gedreht. Heute erobert sich die Natur jeden Zentimeter zurück.

Von Pia Ratzesberger

Er muss nur sein Garagentor öffnen, um im Schwimmbad zu stehen. Er muss nur am Auto vorbei, bis ganz nach hinten zur Tür an der rechten Wand. Wenn er die öffnet, steht er vor dem Kassenhaus. Allerdings badet Claus Doppelhamer überhaupt nicht so gerne. Wenn der Anwalt in den Urlaub fährt, will er nicht ans Meer, sondern in die Berge. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass er in dem Schwimmbad hinter der Tür aufgewachsen ist.

Das Floriansmühlbad liegt im Norden von München, nahe der Haltestelle Freimann, neben einer breiten Straße und einem großen Wohnhaus. In einer dieser Wohnungen leben Claus Doppelhamer und seine Frau Gaby. Wenn man heute die Straße entlanggeht, vorbei an dem Haus und dem Lattenzaun, würde man nicht vermuten, dass dahinter ein verlassenes Schwimmbad liegt, das früher zu den bekanntesten Bädern von München gehörte. Am Rande des Beckens traf sich die Schwabinger Prominenz, der Regisseur Wolfgang Petersen drehte dort Szenen für die "Unendliche Geschichte" und die Zeitschrift Tempo schrieb im Jahr 1988 über das Bad: "Das Interesse ist gegenseitig. Die Schönen wollen fürs Fernsehen entdeckt werden, und die Fernsehleute wollen die Mädchen." Bewertung im großen Bädertest des Magazins damals: sehr gut. Bewertung bei Google heute: Keine einzige.

Wer im Floriansmühlbad schwimmen will, steht vor einem verschlossenen Tor. Zumindest wenn er nicht Claus Doppelhamer heißt. Das Bad ist einer der wenigen Orte in der Stadt, die über Jahrzehnte sich selbst überlassen wurden. Es ist nun genau 30 Jahre her, dass die Eltern von Claus Doppelhamer das Schwimmbad verkauft haben - und in den darauffolgenden Jahren hat sich die Natur zurückgeholt, was sie kriegen konnte.

"Eiskrem" hat hier lange niemand mehr gekauft.

(Foto: Florian Peljak)

Doppelhamer läuft zum alten Kassenhaus. Neben dem Fenster hängt noch ein Werbeplakat für Eis von "Alpenmilch". Wenn Doppelhamer im Sommer von der Schule nach Hause kam, ging er direkt weiter ins Schwimmbad. Für ihn war das Eis umsonst, aber dafür konnte er sich nicht wie die anderen Kinder den Bach entlangtreiben lassen, sondern half mit. Vom Kassenhaus geht er ein paar Schritte bis zu einer großen Birke. An der Stelle, wo heute der Baum in den Himmel ragt, stand früher der Kiosk. Doppelhamer und seine Familie haben dort Würstchen und selbstgemachten Apfelstrudel verkauft. Die Kaltschalen waren am beliebtesten, eine Süßspeise aus Joghurt und Erdbeeren. Wenn Doppelhamer inmitten des kleinen Waldes steht, der früher einmal ein Schwimmbad war, und man ihn fragt, ob es ihn schmerzt, dass das Bad vielleicht nie wieder eröffnen wird, sagt er nur: "Es schmerzt insofern nicht, als dass ein Schwimmbad nicht betriebswirtschaftlich zu betreiben wäre." Er kennt das von seinen Eltern. Er kennt das von seinen Großeltern.

Der Großvater Karl Kaltenbach hat das Schwimmbad in den 1930er-Jahren gegründet. Er war Leichtathlet und trat bei den inoffiziellen Olympischen Zwischenspielen an, im Mehrkampf, bei Wurfwettbewerben. Beim Tauziehen gewann er mit seinem Team in Athen 1906 eine Goldmedaille. In München lebte er mit seiner Frau Anna in der Floriansmühle am Bach, die heute nicht mehr steht und sich schon damals kaum mehr lohnte. Sie beschlossen, dazu noch ein Schwimmbad zu bauen, und nach nur ein paar Monaten eröffneten sie im Jahr 1932 das Floriansmühlbad, in dem ihr Enkel sagt: "Mein Großvater hatte die Idee wahrscheinlich schon auch, weil er so gerne gebadet hat." Die Geländer zum Einstieg ins Wasser sind mittlerweile vom Rost zerfressen.

Die Mutigen sprangen in den Kanal - und die Vorsichtigeren nahmen die Leiter.

(Foto: Florian Peljak)

Die Großeltern begannen und später übernahmen die Tochter und der Schwiegersohn, die Eltern von Claus Doppelhamer. Der Vater arbeitete als Eisenbahner. Vor allem die Mutter leitete im Sommer das Bad und Kollegen des Vaters halfen an stressigen Tagen. Dann standen die Menschen in langen Reihen vor dem Eingang.

An ruhigen Tagen saß an der Kasse noch immer die Großmutter, die Gründerin des Floriansmühlbads. An schlechten Tagen, in verregneten Sommern, öffnete die Familie die Kasse erst gar nicht. Claus Doppelhamer steht auf dem moosigen Boden und sagt: "Manchmal hatten wir bis Ende Juni noch keinen einzigen schönen Tag." Einer von vielen Gründen, warum heute keiner mehr in den Kanal hineinsteigt. In den Kanal?

Das Floriansmühlbad war ein Flussbad wie heute das Bad Maria Einsiedel im Süden der Stadt. Ein kalter Kanal und daneben die Becken. Es gibt ein Foto von Claus Doppelhamer, wie er mit seinen Eltern auf der Brücke vor dem Wasser steht, nach vorne gebeugt, den Ellbogen aufs Geländer gelegt. Am Morgen ließ die Familie hinter dem Zaun einen Rechen in den Kanal, damit die Blätter aus dem Mühlbach nicht ins Wasser trieben. Am Abend kurbelten sie ihn wieder nach oben. Dann stieg auch Claus Doppelhamer ins Wasser, wenn die Gäste gegangen waren.

Er ist heute 56 Jahre alt, und auch wenn das alte Gelände an seine Garage angrenzt, betritt er das Bad kaum noch. Vielleicht einmal oder zweimal im Jahr. Wenn überhaupt. Er erinnert sich noch, wie rechts vom Kanal die Plastikstühle und Plastiktische standen, wie sich die Gäste in der Sonne bräunten. Er geht jetzt den Kanal entlang. Wo nun Bäume wachsen, war früher ein großer Sandkasten. Dann nur noch Gebüsch. Dazwischen verrostete Geländer. Doppelhamer bleibt stehen, geht in die Knie, beugt sich nach vorne und sagt: "Das war das große Becken." Man sieht: Grün. Der Weg fällt nach rechts ab, eine Beckenkante ist noch zu erkennen, aber darin nur noch Bäume und Büsche.

Die Holzstufen der kleinen Treppe, auf der die Älteren ins Wasser hinabstiegen, während die Jüngeren vom Beckenrand sprangen, sind mit Moos bedeckt. Das Becken war aus Beton. Die starken Bäume, die heute hier stehen, hat niemand gepflanzt. In jeder noch so kleinen Ritze begannen die Pflanzen, nach und nach das Gelände zurückzuerobern.

Früher führten diese Stufen ins große Becken, ins tiefe Wasser.

(Foto: Florian Peljak)

In 30 Jahren ist aus dem Becken ein kleiner Wald geworden und die Geschichte des Floriansmühlbads erzählt deshalb auch, wie wenig Bestand manchmal hat, was der Mensch geschaffen hat. Wie mächtig die Natur ist, wenn man sie nur lässt.

Claus Doppelhamer schreitet weiter, das Wasser wird jetzt lauter. Ein kleines Haus ist zu sehen, darin eine Turbine, die für die Stadtwerke München Strom erzeugt. Früher stand dort die Mühle der Großeltern. Ein Teil des Wassers aus dem Kanal schießt am Haus vorbei, dahinter ein lautes Rauschen. Doppelhamer steigt über die Absperrung, auf einen steinernen Vorsprung: "Hier sind wir reingesprungen." Er geht weiter, bis zum Rande des früheren Beckens, ein paar flache Stufen hinab. "Und jetzt stehen wir mitten im Becken." Inmitten des Waldes.

Im Floriansmühlbad gab es zwei Becken, die ineinander übergingen: eines für Schwimmer und eines für Nichtschwimmer. Diese Stufen führten ins flachere Wasser.

(Foto: Florian Peljak)

Man glaubt Claus Doppelhamer, wenn er sagt, dass es ihn nicht schmerzt, dass das Bad vielleicht nie wieder eröffnen wird. Wenn er sagt: "Es war alles gut, wie es war. Aber Wehmut habe ich keine." 30 Jahre können eine lange Zeit sein. Der Vater Artur Doppelhamer ist mittlerweile gestorben, auch seine Mutter Anna Doppelhamer. Ende der 1980er-Jahre hatten die beiden das Schwimmbad an die Hypovereinsbank verkauft. Sie waren zu alt, um sich weiter darum zu kümmern, und Claus Doppelhamer arbeitet als Anwalt. Man glaubt ihm, dass er nicht wehmütig ist, man merkt ihm aber auch an, dass er sich dann doch gerne zurückerinnert.

Er steigt die Stufen hinauf, raus aus dem Becken. Schlägt sich durch die herabhängenden Äste der Bäume. Dann steht er auf einer großen Wiese. Gegenüber die nächsten Häuserreihen, in der Mitte ein mit Gras bewachsener Hügel. "Hier hinten lagen die ersten Damen oben ohne und dann irgendwann alle. Das waren andere Zeiten, die standen irgendwann auch oben ohne am Kiosk." Doppelhamer lacht. Seine Eltern seien überrascht gewesen. In der Rezension des Magazins Tempo von 1988 ist zu lesen: "Man zeigt sich auf dem Hügel vor dem Nichtschwimmerbecken." Und: "Das Badewasser kommt aus dem vorbeifließenden Aumühlbach. Gute Qualität."

Die gute Qualität konnte man allerdings nur genießen, wenn man nicht kälteempfindlich war. Das Wasser hatte nie mehr als 21 Grad und meistens sogar weniger. Freunde von Doppelhamer gingen lieber in eines der beheizten Schwimmbäder oder fuhren an heißen Tagen gleich an den See. Er blieb im Floriansmühlbad. "Es war ja klar, dass an heißen Tagen alle ran mussten." Während des Studiums halfen er und seine Frau an der Kasse, am Kiosk. Am Morgen kurbelte er den Rechen hinunter ins Wasser. Am Abend nach oben.

Doppelhamer läuft in Richtung Ausgang, über die kleine Brücke, auf der damals das Foto mit seinen Eltern entstand. Links vom Kanal werden bald neue Wohnungen gebaut, die Hypovereinsbank hat das Gelände an die Bayerische Hausbau verkauft. Rechts vom Kanal soll es einen öffentlichen Park geben - ob es dann auch wieder ein Bad geben soll, wird die Stadt München entscheiden müssen.

Claus Doppelhamer ist jetzt wieder am Eingang angekommen, seine Frau Gaby hat noch ein Fotoalbum geholt. Darin Bilder von seinem Großvater Karl Kaltenbach im Turnanzug und von seiner Großmutter mit feiner Halskette. Weiter hinten Farbfotos, vom Andrang in den 1960er-Jahren und von der Liegewiese in den Achtzigern. Am Ende der Artikel aus der Tempo, mit dem Bädertest. Bewertung: sehr gut.

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