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Flora und Fauna:Wie das Klima München verändert

Sonne in München

Palmen an der Côte de Munich: Die Pflanzen am Stachus müssen im Winter noch in ein warmes Quartier - schon bald könnten sie auch im Freien überwintern.

(Foto: Stephan Jansen/dpa)
  • Laut Wetterexperten ist die Jahresdurchschnittstemperatur im Großraum München in den letzten 50 Jahren um 1,5 Grad gestiegen.
  • Durch heiße Sommer und immer mildere Winter verändern sich Flora und Fauna in der Stadt.
  • In und um München haben sich mittlerweile Insekten, Vögel oder Eidechsen angesiedelt, die sonst nur südlich der Alpen anzutreffen sind.

Von Günther Knoll

Schabenalarm in München: Immer wieder rufen in diesen Tagen besorgte Bürger bei der Zoologischen Staatssammlung an, weil sie eklige Kakerlaken, Küchenschaben also, in ihrer Wohnung entdeckt haben wollen. Doch Kurator Lars Hendrich und seine Kollegen geben Entwarnung: Die meisten Münchner finden die bernsteinfarbene Waldschabe, die für die Menschen ungefährlich ist, sich nur von Pflanzenresten ernährt und angezogen durch das Licht nachts in die Wohnungen flattert. Überleben können die harmlose Tierchen dort nur für ein paar Tage. Kein Grund zur Besorgnis also?

Nicht ganz. Denn das massenhafte Auftreten der Waldschaben ist ein Indiz dafür, wie sich die Natur in und um München langsam verändert - und immer mediterraner wird. Denn die Insekten sind eigentlich nur in Südeuropa zu Hause. Der Großraum bietet ihnen inzwischen aber offenbar vergleichbare Lebensbedingungen. Und damit sind sie nicht allein. In und um München haben sich inzwischen viele Tiere angesiedelt, deren ursprüngliche Heimat weiter südlich ist: Schmetterlinge, Vögel, Eidechsen. Und auch Pflanzen haben es über die Alpen geschafft und können hier inzwischen überwintern, ohne ins Treibhaus zu müssen.

Denn in München herrschen längst Wetterverhältnisse wie in Norditalien, nicht nur in der zurückliegenden schwül-heißen Woche. Temperaturen über 30 Grad, zu wenig Regen - das liegt im Trend der vergangenen Jahrzehnte. Wetterexperten haben errechnet, dass die Jahresdurchschnittstemperatur im Großraum München in den vergangenen 50 Jahren um 1,5 Grad gestiegen ist. In der Stadt selbst ist es im Sommer noch heißer geworden: Die Münchner Betonlandschaft heizt sich an Tagen wie diesen teilweise um zehn Grad mehr auf als im Umland.

Was es aus dem Süden hierher geschafft hat

Kein Wunder, dass das Folgen für Flora und Fauna hat. Eine warme Sommernacht am Rand der Stadt: Es riecht nach Lindenblüten, aber auch nach Lavendel und anderen Kräutern, die längst den Weg aus dem Süden in die Gärten gefunden haben. Auch die akustische Kulisse lässt an Urlaubsabende jenseits des Brenner denken: Wo der Laie aber nur Grillen zirpen hört, da können Spezialisten wie Heinz Sedlmeier auch das Weinhähnchen bestimmen. Eine Schreckenart, deren Geräusch man "aus dem Italienurlaub" kennt, wie der Münchner Geschäftsstellenleiter des Landesbunds für Vogelschutz erläutert. Er berichtet sogar von den Rufen der Zwergohreule, die man sonst nur im warmen Süden, zuletzt aber sogar am Ammersee und bei Benediktbeuren habe hören können.

Vogelpark

Farbenprächtige Vögel sind die Bienenfresser. Ihre Rufe waren zuletzt sogar in der Hallertau bei Freising zu hören, wo sie erfolgreich brüteten.

(Foto: Günther Reger)

Sedlmeier weiß noch eine ganze Reihe anderer mediterraner Arten aufzuzählen, die sich in der Region München finden, darunter auch Besonderheiten wie die Gottesanbeterin. Diese spektakuläre Fangschrecke habe inzwischen an den Bahndämmen am Allacher Rangierbahnhof eine eigenständige Population gebildet. Die Wespenspinne, benannt nach dem gelb-schwarz gebänderten Hinterleib des Weibchens, gehört inzwischen schon zu den Etablierteren in München. Sie war vor rund 70 Jahren aus dem Süden nach Deutschland eingewandert, wo sie sich zuerst in die wärmeren Regionen der deutschen Weinanbaugebieten festsetzte.

Aus diesen Gegenden haben inzwischen "alle möglichen Insekten" den Weg nach München gefunden, wie Naturschützer Sedlmeier beobachtet hat: Taubenköpfchen, Ligusterschwärmer, Distelfalter, Admiral - alles Wanderfalter, die schon immer über die Alpen auswichen, wenn es ihnen im Sommer im Süden zu heiß und zu trocken wurde. Inzwischen aber schaffen sie es, hier sogar zu überwintern. Lars Hendrich von der Zoologischen Staatssammlung ist sich sicher: "Es sind die milden Winter", die zu den südlichen Einflüssen auf Münchens Tier- und Pflanzenwelt führen.

Was das für Folgen haben kann

Einige Tiere fühlen sich hier so wohl, dass sie auch Probleme bereiten können wie die Italienische Mauereidechse etwa. Die hat vermutlich auf Eisenbahnwaggons die Reise über die Alpen angetreten und sich inzwischen erfolgreich in München angesiedelt. Dort stand sie allerdings dem Bau der neuen Großmarkthalle im Weg. Für viel Geld hat man der auf der Roten Liste stehenden Art ein Ersatzquartier in der Nachbarschaft errichtet.

Für wärmeliebende Vögel dagegen hat die Stadt nicht die richtigen Bedingungen parat. Die brauchen Großinsekten als Nahrung, wie LBV-Geschäftsführer Sedlmeier weiß. So etwa der farbenprächtige Bienenfresser, der in Südeuropa daheim ist: In München wird man ihn nicht sehen können - aber in der Hallertau bei Freising hat er zuletzt bereits erfolgreich gebrütet.

Taubenschwänzchen beim Nektarsammeln

Wie kleine Kolibris schwirren Taubenschwänzchen durch die Luft, um Nektar zu saugen. Die Falter überwintern inzwischen sogar hierzulande.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Winter bietet die Wärmeinsel München gute Voraussetzungen für andere Vogelarten: Stare verbringen inzwischen den Winter in der Stadt, auch Ringeltauben. Bei der jüngsten "Stunde der Wintervögel" wurden sogar einige Hausrotschwänze gemeldet, sagt Sedlmeier. Die Arten, die es kühler und feuchter mögen, werden dagegen zurückgedrängt, sie weichen zunehmend nach Nordeuropa aus.

Wie sich Münchens Pflanzenwelt verändert

Pflanzen können das nicht. Es lasse sich schwer ein mediterraner Einfluss auf Münchens Flora feststellen, sagt Siegfried Springer von der Botanischen Staatssammlung. Die Neophyten, die neu angesiedelten Pflanzen, in der Region, seien von überall her eingeschleppt. Doch immerhin: Schon 1930 habe ein Botaniker in der Nähe Münchens eine Rucola-Art aus Italien entdeckt, in der er damals sogar einen "Vorboten des Klimawandels" vermutet habe. Das sich diese Neuansiedler so stark verbreiten, liegt laut LBV-Mann Sedlmaier daran, dass "sie auch im Herbst noch weiterwachsen".

Dass der Klimawandel zu weitreichenden Veränderungen in Münchens Tier- und Pflanzenwelt führen wird, da sind sich die Experten einig. Sie können aber nur spekulieren, wie diese genau aussehen werden. Wichtig ist, dass München nicht zur Steinwüste wird. Denn als Faustregel in der Naturforschung gilt: Je näher am Äquator, desto größer wird die Artenvielfalt. Aber dafür muss in der Stadt noch ausreichend unversiegelter Platz zur Verfügung stehen. Und nicht nur Stein und Beton.

Die Wespenspinne ist bereits vor 70 Jahren eingewandert. Auch sie stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerbereich.

(Foto: DAH)
© SZ vom 25.07.2015/axi
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