FlipFlop Karriere eines Geräuschs

Das Konzept ist ebenso einfach wie erfolgreich: Stefanie Schulze hat einen alten Schuh wieder entdeckt, ihn FlipFlop getauft — und den Durchbruch geschafft.

Von Doris Näger

(SZ vom 04.06.2003) — Geplant hat sie, kalkuliert, nachgedacht und Strategien ausbaldowert - und dann war es einfach das Geräusch. Stefanie Schulze stürzt auf vom Tisch, nimmt ein Paar Schuhe vom Regal, krabbelt mit den Fingern um den Kautschuksteg und wandert mit dieser Art Handschuh über den kleinen Tisch.

Im Sommer nicht mehr wegzudenken.

(Foto: FlipFlop)

"Flip, Flop - wissen Sie?", und spricht das so langsam, dass sich das auch wirklich jeder vorstellen kann. Der Gedanke kam ihr beim Weintrinken mit Freunden in ihrem Wohnzimmer. Aus dem Geräusch hat sie eine Marke gemacht. Und mehr: aus der Marke ein Synonym für diese Art von Schuhen. Wer sagt schon Badelatschen? Klingt abfällig. Zehengreifer? Viel zu sachlich. Zehenriemensandalen? Erinnert an Schokoladenhohlkörper. Flip-Flop, das ist der Begriff, auf den die Welt gewartet zu haben scheint.

Stefanie Schulze. Perlen in den Ohrläppchen, rosa-weiß-karierte Bluse, unauffälliges Goldkettchen. Knochige Hände. Man kann sich schon wundern, dass diese nüchterne Enddreißigerin diejenige sein soll, die vor fünf Jahren einen Dornröschenschlaf beendete. Die es geschafft hat, diese Dinger mit dem Billig-Image, mit den Blasen- und Schürfwunden-Assoziationen aus dem Italien-Urlaub zu einem Trend zu machen, an dem kaum ein Fashion-Label vorbei kommt.

Die "Macherin"

Aber ihr Beispiel zeigt auch, dass es keiner komplizierten Erfindungen bedarf, um solchen Erfolg zu haben. "Ich bin nicht so 'ne Modetussi mit rot lackierten Fingernägeln", sagt sie. Nein, keine Modeschöpferin. Eine Macherin.

Nach dem Abitur beginnt Stefanie Schulze ein Medizin-Studium, bricht es aber nach dem Physikum ab. Zu theoretisch. Sie geht zu einer Werbeagentur nach Düsseldorf, lernt Werbekauffrau. Nach vier Jahren bekommt sie ein Arbeitsstipendium für die USA. Fünf Jahre arbeitet sie in San Francisco, lernt, sich durchzukämpfen, an die eigenen Ideen zu glauben. 1995 kommt sie zurück, übernimmt für den Skihersteller Atomic das deutschlandweite Marketing. Da hat sie die Flausen schon im Kopf.

In den USA, beim Sport, kam der Gedanke: Sie läuft, schwimmt, radelt, fährt Ski - und braucht immer Badeschuhe. Die weit verbreiteten aber, die blauen mit dem breiten Steg, "die fand ich schrecklich. Die Leute kamen damit sogar in schönen Hotels zum Frühstück." Irgendwann erinnert sich Stefanie Schulze an die Latschen, die sie als Kind manchmal trug: "Die brachten wir immer aus dem Italien-Urlaub mit.

Die waren zwar schön, aber zu hart wegen der schlechten Sohle und sind obendrein schnell kaputtgegangen. Da flog man dann irgendwann im hohen Bogen auf die Nase, wenn vorne der Riemen ausriss." Und sie dachte sich: "Die müssen wieder her, aber mit positivem Image."

FlipFlop. Die Geburtsstunde des Namens, dieser intuitive Moment, das war irgendwann 1997. Sie lässt die Marke schützen und gibt 1998 ihren Job auf. Für 70-Stunden-Wochen und eine Zeit der Höhenflüge und Talfahrten. "Alle haben mich für bekloppt gehalten: ,Du kannst doch nicht mit Badelatschen Geld verdienen.'"

Aber aus den USA hat sie Kampfgeist mitgebracht. Auch vom Büro für Existenzgründer bekommt sie gute Anregungen. Um so kostengünstig wie möglich zu arbeiten, räumt sie das Wohnzimmer ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung um. Bilder, Sofa und antiker Sekretär raus - Pinnwand, Billy-Regal und Werkbänke rein. Sie reist von einer Fabrik zur nächsten, um den Produktionsort zu finden.

Es entsteht ein Schuh mit einer Sohle aus Ethyl-Vinyl-Acetat ("dem hochwertigsten Schaumstoff") und einem Riemen aus Naturkautschuk, stabil ineinander verarbeitet. "In Deutschland überlebt nur Qualität", sagt sie. Und schließlich will sie die FlipFlops ja selbst anziehen.

Mit einer Münchner Werbeagentur entwickelt sie das Logo, die Prilblume aus den Sechzigern. Sie geht auf die internationale Schuhmesse nach Düsseldorf. "Ich hatte den kleinsten Stand der ganzen Messe." Der erste große Auftrag kommt von Görtz. Mancher Einkäufer reagiert erfreut: "Endlich wieder diese Schuhe." Vor der ersten Saison schickt sie Musterpakete an Moderedaktionen, bastelt dafür nächtelang bunte Papierblumen, die sie den Paketen beilegt.

Salonfähige Schlappen

Die ersten drei Jahre macht sie alles alleine. Inklusive Buchhaltung. Gemäß ihrem Motto: "Von nichts kommt nichts." Doch auch Ehrgeiz und Zielstrebigkeit schützen sie nicht vor dem Finanzproblem: Um die erste Lieferung bezahlen zu können, braucht sie einen Kredit. Doch die Bank sperrt sich.

Sie zeigt Aufträge hoch renommierter Schuhhäuser, von Hallhuber und Kaufhaus Beck. Aber es nützt nichts. "Die haben mir keine müde Mark gegeben. Ich saß heulend in der Bank." Ihr Vater schließlich gibt ihr eine hundertprozentige Bürgschaft, die sie schon nach fünf Monaten auflösen kann. "Jetzt sind die Banken superlieb."

Mittlerweile hat sich ihr Arbeitsort vergrößert. Aus dem eigenen Wohnzimmer ist sie ausgezogen in ein Hochhaus am Frankfurter Ring. Unspektakuläre Einrichtung in ihrem Büro, Schränke, Schreibtisch, Show-Regale. Und ein Foto von ihrem 14 Monate alten Sohn: Zwei Tage vor dem Kaiserschnitt machte sie noch Papierkram, drei Wochen nach der Geburt saß sie wieder am Schreibtisch. In den ersten Monaten passte die Kinderfrau auf den Kleinen auf, bis sie zum Stillen nach Hause fuhr. "Wenn man will, geht das."

Nebenan prüft eine Mitarbeiterin Kartons und nimmt Telefonate an. Mit dem Versand nach Italien, Frankreich, Österreich und in die Schweiz hat sie ein Logistik-Center beauftragt, den Vertrieb übernehmen freie Außendienstmitarbeiter. Mittlerweile sind viele große Schuhhäuser auf die FlipFlops aufmerksam geworden. Pro Saison verkaufen sich mehr als hunderttausend Paare.

Vom ersten Tag an hat die Erfinderin schwarze Zahlen geschrieben. Es ist ihr gelungen, ihre Zehengreifer in Modeproduktionen für Magazine unterzubringen. Praktisch: Wer sie sieht im Heft, hält sie für Trend, kauft sie oft auch. Mittlerweile gibt es Nachahmer in allen Formen und Farben. Badelatschen sind beinahe salonfähig. Eine Frau hat sogar in den Dingern geheiratet, erzählt Schulze. Ihre skeptischen Freunde sehen die Sache mittlerweile auch anders: "Der Mann meiner besten Freundin hat mir immer abgeraten. Jetzt ist er ganz stolz, dass er mich kennt."

So pragmatisch, wie die Geschichte angefangen hat, so pragmatisch denkt Stefanie Schulze weiter: Unter dem FlipFlop-Label verkauft sie schon T- Shirts und Taschen. Weitere Produkte sollen hinzukommen, die zu Sommer, Sonne, guter Laune passen. Eine Dachmarke will sie daraus machen, die für Fitness und Freizeit steht. "Ich habe von der Pike auf gelernt, wie eine Marke neu positioniert wird." Einen Traum hat sie sich immerhin bereits erfüllt: "Ich habe dem Schuh einen Namen gegeben."