Flashmob am Valentinstag "Die Frauenbewegung in Deutschland ist eingeschlafen"

Corina Toledo, 61, schrieb ihre Doktorarbeit über feministische Formen politischer Partizipation.

(Foto: Karin Lübbers/oh)

Am Mittwoch tanzen weltweit öffentlich Menschen, um auf Gewalt gegen Frauen hinzuweisen - Politologin Corina Toledo erklärt, worum es beim Münchner Flashmob geht.

Interview von Theresa Parstorfer

Am Valentinstag vor fünf Jahren tanzten zum ersten Mal Hunderte von Menschen in den Straßen New Yorks, um auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. In Städten weltweit finden mittlerweile jährlich Flashmobs mit dem Motto "One Billion Rising" statt. In München wird der Tanz an diesem Mittwoch zum ersten Mal von einem offiziellen Verein organisiert. Corina Toledo, 61, promovierte Politikwissenschaftlerin, ist eine der Gründerinnen.

SZ: Frau Toledo, warum braucht es für die Organisation eines Flashmobs, der einmal im Jahr stattfindet, einen Verein?

Corina Toledo: Es ist ja nicht "nur" ein Flashmob. Wir haben an diesem Tag ein ausführliches Rahmenprogramm auf die Beine gestellt und auch während des Jahres werden weitere Veranstaltungen stattfinden. In den vergangenen Jahren ist es immer mehr Arbeit geworden, die niemand von uns einfach so stemmen konnte. Auch wenn wir noch nicht übermäßig viele Mitglieder haben, hilft die Struktur eines Vereins, weil wir so eine ernstzunehmende Organisation sind und darüber hinaus auch aus finanzieller Sicht einiges besser organisieren können. Gelder müssen etwa nicht mehr über private Konten geregelt werden. Nach wie vor sind wir jedoch auf Spenden angewiesen.

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Warum findet der Flashmob immer am Valentinstag statt?

Dieses Datum wurde von der Gründerin der One-Billion-Rising-Bewegung, Eve Ensler, einer amerikanischen Künstlerin, sehr bewusst gewählt. Sie wurde weltweit bekannt mit ihren "Vagina Monologen", in denen sie ihre persönliche Erfahrung sexuellen Missbrauchs durch ihren Vater aufarbeitete. Mit dem Flashmob wollte sie eine weitere Möglichkeit schaffen, das Thema sexuelle Gewalt zu behandeln - individuell wie kollektiv.

Es geht nicht nur um Aufmerksamkeit?

Das ist natürlich ein sehr wichtiger Aspekt, weil nach wie vor viel zu wenig über Gewalt an Frauen und Mädchen gesprochen wird. Aber auch der Akt des Tanzens selbst hat eine heilende Wirkung. Wenn er in einer Gruppe stattfindet, ist das natürlich zusätzlich bestärkend für Frauen.

Und wie hängt das jetzt mit dem Valentinstag zusammen?

Ensler hat den Valentinstag in "V-Day" umbenannt, was nicht nur für Valentine, sondern auch für "Vagina" und "Victory" stehen kann. Aus feministischer Sicht ist der Valentinstag ein Symbol für die kapitalistische Institutionalisierung des Patriarchats.

Was genau meinen Sie damit?

Nicht nur ist dieser Tag eine riesige Geldmacherei, er verfestigt zudem den Mythos monogamer Liebe und der Familie als Vater-Mutter-Kind-Konstrukt. In der feministischen Forschung wurde gezeigt, wie dieses Bild teils von monotheistischen Religionen geschaffen und beispielsweise von Hollywood propagiert wird. Das ist absolut überholt, bedenkt man, dass die größte Erziehungsarbeit von Frauen geleistet wird. Außerdem zeigt der Valentinstag, dass weibliche Sexualität nach wie vor unterdrückt wird.

Woran machen Sie das fest?

Weibliche Sexualität wird wie ein peinliches, mit Scham behaftetes Tabuthema behandelt. Penisse sind überall, Vaginas nirgends. Die Industrie um den Valentinstag, von Dessous bis zu Pralinen, basiert letztendlich auf männlichen Fantasien über den weiblichen Körper und schreibt damit patriarchalische Machtstrukturen fort.

Wie viele Menschen haben in den vergangenen Jahren am Münchner Flashmob teilgenommen? Und was erhoffen Sie sich in diesem Jahr?

Das waren immer so 500 bis 600. Wir hoffen natürlich, dass dieses Jahr noch viel mehr Leute mittanzen werden. Auch nach Arbeitsende ist das möglich, denn wir sind zum ersten Mal bis 20 Uhr am Marienplatz. Es ist so wichtig, dass wieder mehr auf die Straße gegangen wird.

Warum?

In meinen Augen ist die Frauenbewegung in Deutschland eingeschlafen. Ich finde es erschreckend, dass viele junge Frauen nicht einmal mehr wissen, wie radikal ihre Mütter und Großmütter politische Forderungen vorgebracht haben. Zudem ist es absolut katastrophal, dass wir immer noch über gleiche Rechte und Gesetze verhandeln müssen. Ich frage mich wirklich, welche Arbeit in Gleichstellungsausschüssen geleistet wird, wenn es nach wie vor Standard ist, dass Männer und Frauen nicht gleich bezahlt werden.

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