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Finanzskandal der evangelischen Kirche:Nach dem Skandal von 2000 musste der Dekan gehen

Nach dem Skandal von 2000 hatte unter anderem die Landeskirche Konsequenzen gezogen. Weil Mahnungen der kirchlichen Rechnungsprüfer lange ignoriert worden waren, stärkte die Kirche ihr Rechnungsprüfungsamt. Zudem musste der damalige Dekan gehen. Einen Rücktritt von Dekanin Kittelberger fordert das empörte Gemeindemitglied diesmal nicht: "Es müssen nicht gleich Köpfe rollen wie in der Politik. Es kommt darauf an, dass sie die nötigen Reformen einleitet."

Selbst wenn dies gelingen sollte, fürchtet die Kirche jedoch den Image-Schaden, den der Skandal angerichtet hat. Landesbischof Bedford-Strohm warnt davor, zu verallgemeinern: "Wir haben in Bayern fast 70 Dekanate, und in allen anderen läuft es mit den Finanzen gut, nach allem, was wir erkennen können." Der Schaden aber sei bereits da, fürchtet das Vorstandsmitglied in Sankt Markus: "Wir sind eine Organisation, die für sich in Anspruch nimmt, moralisch zu sein und zu handeln. Und wir sind die einzige Institution, die mit einem Klingelbeutel herumgeht und für gute Zwecke sammelt." Jetzt könne die Kirche auf Sicht eigentlich nicht mehr um Geld bitten.

Um das Image der Kirche fürchtet auch Ulrich Wagner, Pfarrer in der evangelischen Carolinengemeinde in München-Obermenzing. Er geht in vier Monaten in den Ruhestand und spricht offen. "Ich habe Angst, dass die Stimmung kippt", sagt er. "Bischof Tebartz-van Elst hat auch Geld verprasst, hat aber immerhin noch ein Gebäude hingestellt." Das Dekanat dagegen habe das Geld einfach nur verbrannt.

Wagner ist empört, er spricht von einer "Riesen-Sauerei, dass hier keine Kontrolle stattgefunden hat". Das Geld sei für die Kirche da gewesen, nicht für Spekulationen. Dennoch stört ihn nicht, dass das Dekanat auf die Rendite geschielt hat - sondern die Weise, in der das geschah. Die Fachleute im Kirchengemeindeamt hält er für unfähig: "Ich lese seit zwei Jahren in der Zeitung, dass Mittelstandsanleihen wackeln", sagt er. "Und da bin ich traurig, dass Leute, die von Berufs wegen dafür zuständig sind, nicht lesen können."

Dazu, wer im Kirchengemeindeamt gegen welche Richtlinie verstoßen hat, will sich das Dekanat in der kommenden Woche äußern: Seit Monaten ermittelt das Rechnungsprüfungsamt der Landeskirche, sein Bericht soll demnächst vorliegen. Dann soll auch klar sein, ob in den Papieren womöglich weitere Risiken schlummern. Denn das Dekanat hat insgesamt mehr als 15 Millionen Euro bei mittelständischen Unternehmen angelegt, eigenes Geld ebenso wie treuhänderisch verwaltete Rücklagen Dutzender Kirchengemeinden und evangelischer Einrichtungen.

Schon seit der ersten Firmen-Insolvenz im Juli versucht das Dekanat, seine Anleihen neu auszurichten, doch viele der Laufzeiten sind lang. Eine weitere Insolvenz würde die Kirche noch tiefer in die roten Zahlen rutschen lassen.

Für das Geld der einzelnen Kirchengemeinden besteht Kittelberger zufolge keine Gefahr: Deren Rücklagen seien nicht betroffen, auch geplante Baumaßnahmen seien sämtlich gesichert. Dennoch fürchtet Ulrich Wagner Konsequenzen. Seine Gemeinde lässt ihr Geld zwar gar nicht erst vom Dekanat verwalten - er selbst könne höhere Renditen erzielen, sagt der Pfarrer. Doch in der Carolinenkirche muss das Dach saniert werden und vor der Kirche soll ein Pfarrhaus entstehen.

Ein Drittel der Kosten trägt das Dekanat. Sollte dieses trotz des anderslautenden Versprechens die Mittel kürzen, stünden die Projekte auf der Kippe. "Meine Frau hat gesagt, jetzt hast du noch vier Monate bis zum Ruhestand, jetzt brauchst du dich auch nicht mehr streiten", sagt er. "Aber wenn die jetzt einen Rückzieher machen, dann mache ich ihnen in den letzten Monaten, in denen ich noch Pfarrer bin, einen Haufen Ärger."