Finanzskandal der evangelischen Kirche Abgezockt

Pfarrer Ulrich Wagner im Altarraum der Obermenzinger Carolinenkirche bangt um den Zuschuss des Dekanats in Höhe von rund 25 000 Euro. Das Dach ist undicht und muss saniert werden.

5,5 Millionen Euro hat das evangelisch-lutherische Stadtdekanat durch Fehlinvestitionen verloren. Die internen Ermittlungen stehen vor dem Abschluss. Die Münchner Protestanten sind erstaunlich abgeklärt: Nur wenige erheben Vorwürfe, andere äußern Verständnis.

Von Sebastian Krass und Jakob Wetzel

Für evangelische Christen gibt es derzeit einigen Grund, sich zu ärgern: Das evangelisch-lutherische Stadtdekanat wird von einen Finanz-Skandal erschüttert, es hat bis zu 5,5 Millionen Euro in riskanten Anlagegeschäften verloren. Das gesamte Geld war in Anleihen von nur vier mittelständischen Unternehmen investiert worden - offenbar begünstigt durch lasche Kontrollen im Kirchengemeindeamt. Die Firmen sind mittlerweile insolvent, Dekanin Barbara Kittelberger hat den zuständigen Abteilungsleiter beurlaubt und angezeigt. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf Untreue.

Und welche Folgen der Skandal haben wird, ist offen; womöglich muss die Kirche Häuser oder Grundstücke verkaufen. Einige Gemeindemitglieder und Pfarrer empören sich auch darüber. Und doch: Insgesamt reagieren viele Münchner Protestanten erstaunlich abgeklärt. Nach dem ersten Schreck hält sich die Empörung in Grenzen.

In einzelnen Kirchengemeinden stoßen die Vorgänge sogar auf Verständnis. Zum Beispiel bei Lorenz Künneth, Pfarrer an der Korneliuskirche in Karlsfeld. Das Dekanat habe ja nicht "wirklich gezockt", sagt er. Auch in die eigene Tasche habe keiner gewirtschaftet. Man habe eben versucht, ökologisch korrekt zu investieren, und dabei gebe es Risiken. Von den Gemeindemitgliedern sei er noch gar nicht auf den Skandal angesprochen worden, sagt der Pfarrer. Allerdings wisse er, dass einige Gläubige sehr wütend sind.

"Wir stellen auch fest, dass es bisher relativ ruhig ist", sagt der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. "Dafür sind wir dankbar. Die Leute verstehen, dass unsere Anlage-Richtlinien im Prinzip stimmen und dass sie in diesem Fall nicht eingehalten wurden." Die Richtlinien der Landeskirche und des Dekanats schreiben neben ethischen und ökologischen Kriterien auch eine "konservative" Anlagestrategie "mit zeitnaher Liquidität" vor, hatte Dekanin Kittelberger zuletzt erklärt. Die Praxis jedoch sah anders aus: Tatsächlich waren die gezeichneten Mittelstandsanleihen weder sicher noch kurzfristig zu kündigen.

Evangelische Kirche Ethisch korrekt verzockt

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Münchens evangelische Kirche muss womöglich Immobilien verkaufen, um Millionen-Verluste aus geplatzten Anlagegeschäften auszugleichen. Stadtdekanin Kittelberger entschuldigt sich - und kündigt Konsequenzen an.   Von Franziska Brüning und Andreas Schubert

Dass die Stimmung unter den Gläubigen zwiespältig ist, zeigt sich beispielhaft bei den Mitarbeitern in Kittelbergers eigener Gemeinde Sankt Markus in der Münchner Maxvorstadt. Gerüchte darüber, dass "etwas passiert" ist, habe es schon seit Monaten gegeben, sagt einer, der nicht namentlich genannt werden will. Jetzt müsse man warten, es sei zu früh, um Verantwortung zuzuweisen. Die Dekanin sei bemüht, den Skandal aufzuarbeiten: "Kittelberger hält Wort, sie greift durch."

Genau daran zweifelt ein Mitglied des Kirchenvorstands der Gemeinde, das seinen Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen möchte. Die Verantwortlichen würden es sich zu leicht machen: "Es war ja nicht das erste Mal." Der letzte Skandal liegt 14 Jahre zurück: Im Jahr 2000 waren in Jahresrechnungen des Münchner Dekanats mehr als 22 Millionen Mark falsch verbucht worden, Kirchengeld war an den Aufsichtsgremien vorbeigeschleust worden, der einstige Dekan hatte eine eigene Spendenkasse geführt. "Damals hieß es, man werde das genau untersuchen und dann den Fehler abstellen", sagt das Vorstandsmitglied. "Wenn ich das jetzt wieder höre, fällt es mir schwer, daran zu glauben."