Süddeutsche Zeitung

Filmprojekt:Die letzten Zeitzeugen

Michael Kalb, Absolvent der Hochschule für Fernsehen und Film, hat einen berührenden Film über Menschen gemacht, die vom Alltag im NS-Staat erzählen. Es sind Geschichten, denen man nicht mehr lange lauschen kann.

Es sind beeindruckende Zeugnisse der Zeitgeschichte, gefilmt von einem jungen Mann. Einer der Interviewten war überzeugter Anhänger Hitlers. "Er ist in den Krieg gezogen und war der Überzeugung, dass er für die richtige Sache kämpft. Erst als er in Gefangenschaft in Russland einen jüdischen Aufseher hatte, hat er gemerkt, dass die Juden keine Feinde sind, und begonnen, seine Begeisterung zu hinterfragen", sagt Michael Kalb, 28, Absolvent der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF).

Der junge Filmemacher findet gerade die schwierigen Geschichten interessant, Geschichten, die einen schlucken lassen. Sein Zeitzeugenprojekt ist auf mehrere Jahre angelegt. Bis jetzt hatte Kalb 30 Senioren vor der Kamera, und das Projekt ist noch lange nicht abgeschlossen. Aber er muss sich beeilen. Denn es gibt immer weniger Zeitzeugen, die noch aus eigener Anschauung erzählen können. Umso wichtiger ist es, jetzt zuzuhören. "Mich interessiert vor allem der Bezug zu heute. Sonst könnte ich mir ja auch einfach Geschichtsdokus anschauen", sagt Kalb. "Mich interessiert als junger Mensch, warum es wichtig ist, heute noch diesen Menschen zuzuhören, bevor sie sterben."

Den Anfang nahm Michael Kalbs Projekt mit Theresia Linder. In ihrem Dorf im Augsburger Umland ist die Seniorin bei allen Veranstaltungen anzutreffen gewesen. Egal ob Rockkonzert oder Vereinsfeier - sie hat Spenden für soziale Zwecke gesammelt. Michael Kalb stammt aus dem gleichen Dorf und hatte schon immer eine Affinität zum Filmemachen. Er war damals noch Student der Wirtschaftsinformatik an der Universität in Augsburg, filmte ein Interview mit der Seniorin und ließ das Material einige Jahre ruhen. Dann studierte er im Anschluss an der HFF in München. Er hätte auch ein Angebot für eine gute Masterstelle gehabt, doch Kalb hat es bis heute nicht bereut, sich für den vermeintlich unsicheren Weg entschieden zu haben. Die Geschichte mit Theresia Linder hatte er auch als Filmstudent immer im Hinterkopf. Er beschloss, einen 20-minütigen Film namens "Resi" über die alte Dame und ihr Leben zu drehen. Dieser gewann einige Jugendfilmpreise. Zuschauer erklärten Kalb wiederholt, dass sie das Material berühre.

So ist die Idee entstanden, noch mehr Menschen in Theresia Linders Alter zu interviewen. Es soll eine Sammlung von Erinnerungen aus der Zeit um 1945 werden. Die Senioren stammen aus dem Raum um Augsburg. Aber das, was sie erzählen, ist überregional gültig. "Wir reden sehr viel über den Alltag damals", erklärt Michael Kalb und nennt ein paar Beispiele. Ein Interviewter erzählt über die schwierige Kommunikation während des Krieges. Als Gefangener in einem Kriegslager darf er nur jedes halbe Jahr einen Brief nach Hause schreiben. Eine andere Frau beginnt zu weinen, als ihr Mann von seiner Schulzeit erzählt. Bis heute trauert sie, dass ihre Mutter sie zu Hause behielt, um auf dem Hof zu helfen. Sie wäre gerne in die Schule gegangen.

"Wie gut es tut, dass sich jemand interessiert"

Der Filmemacher ist oft überrascht, wie reflektiert die Senioren von ihrem Leben berichten. Viele seien mit sich und dem Erlebten im Reinen. Auf seine Anfragen gab es allerdings auch Absagen. Vielleicht, weil es zu tiefe Wunden aufreißen würde, von der Vergangenheit zu erzählen, vermutet Kalb. Die meisten jedoch wollen erzählen. "Ich bekomme oft nach den Gesprächen Dankesschreiben. Darüber, wie gut es tut, dass sich jemand interessiert. Und dass sie alles noch einmal erzählen konnten - manche Dinge vielleicht sogar zum ersten Mal", sagt Kalb.

Der Filmemacher spricht fast immer mit einem Lächeln. Auch wenn die Geschichten, die er in den Interviews erfährt, oft belastend sind. "Mir gibt das alles sehr viel. Aber nach den Gesprächen bin ich oft erschöpft. Auch emotional." Dennoch lerne er aus den Unterhaltungen sehr viel. Darüber, sein Leben mehr wertzuschätzen. Und sensibler zu sein für gewisse Bewegungen in der Gesellschaft. "Und auch wenn die Gespräche oft über schlimme Erinnerungen gehen, sind sie immer toll. Die Menschen strahlen auch nach so vielen Jahren noch so viel Lebensfreude aus."

Die Anfragen für sein Projekt nehmen nicht ab. Besonders ein jüdischer Mann in Kanada interessiert Kalb noch. Dieser war damals um 1945 nach Nordamerika geflüchtet. Seine Geschichte zu erzählen, ist Kalb besonders wichtig. Auch im Hinblick auf heute: "Was sich gerade wiederholt, ist diese Auffassung, dieser Nationalismus, dass wir oder unser Land besser seien als andere. ,Wir gegen die Flüchtlinge' zum Beispiel." Dass die Situation damals in den Anfängen ähnlich war, ist geschichtlich bekannt.

Michael Kalb sieht in seiner Arbeit den Auftrag, diese Parallelen zwischen damals und heute aufzuzeigen, die Vergangenheit anhand von persönlichen Geschichten in Erinnerung zu rufen. Über unsere Geschichte zu lernen und zu reflektieren - aber eben nicht aus trockenen Geschichtsbüchern. "Wenn man den Leuten in ihren Wohnzimmern gegenübersitzt, dann packt einen die Begeisterung einfach viel mehr", sagt er.

Aber die Zeit drängt, und auch die Senioren sind sich ihres hohen Alters und der kurzen noch verbleibenden Zeit bewusst: "Viele fragen nach den Dreharbeiten, wann sie denn den Film sehen könnten. Und schieben dann nach, dass sie das sowieso nicht mehr erleben werden", sagt Kalb.

Was genau mit dem Filmmaterial passieren soll, da ist sich Michael Kalb noch nicht sicher. Gerne würde er einen Partner finden, der seine Filme ausstrahlen will und sie somit einem breiten Publikum zuführen. Doch einige Fernsehsender haben auf seine Anfragen nur auf andere Zeitzeugenprojekte verwiesen. Also sammelt Kalb erst einmal weiter Material. Vieles, wie Reise- und Materialkosten, zahlt er aus eigener Tasche. Auch wenn die Unsicherheit frustrierend sei, es werde sich schon noch etwas ergeben, da ist er sicher - und wirkt recht entspannt.

Nebenbei spielt Kalb in einer Punkrock-Band und in einer Theatergruppe, ist freier Journalist und arbeitet an der HFF. Michael Kalb sagt, er wisse selbst nicht, wie er das alles unter einen Hut bringe. Doch seine Begeisterung reicht für jede seiner vielen Unternehmungen.

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Quelle:
SZ vom 14.08.2018/smb
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