Die Zeiten, in denen man sein teures Trachtengewand nur einmal im Jahr ausführen konnte, sind längst vorbei. Heute tragen die Münchnerinnen und Münchner ihre Dirndl, Lederhosen oder Landhausmodeversuche nicht mehr nur zur Wiesn, sondern das ganze Jahr über. Anlässe gibt es genug, zuletzt etwa beim Frühlingsfest oder auf dem Nockherberg, am Mittwochabend aber auch im Mathäser Filmpalast: Dort wird David Dietls neuer Kinofilm „Ein Münchner im Himmel“ uraufgeführt, und da verwechseln so manche eine Premiere mit einem Almauftrieb.
Die Trachtendichte im Publikum ist erstaunlich, ganz verdenken kann man es den Latz- und Schürzenmenschen aber nicht: Der Film bezieht sich auf das gleichnamige Volksstück des Schriftstellers und Urbayern Ludwig Thoma, das Hörspiel dazu gehörte einst in jeden gut sortierten bayerischen Plattenschrank („Luhja, sog I!“). In der Version von 2026 lächelt Hauptdarsteller Maximilian Brückner barfuß und in seiner Krachledernen vom Filmplakat. Allerdings kombiniert er sie mit einer Portiersjacke, was auf eine recht freie Interpretation von Volksstück, Film und Kostüm schließen lässt. Brückners Perücke geht wohl ebenfalls nur im Film so durch, im wahren Leben könnte man so wohl nicht einmal über die Auer Dult laufen.
Das weiß der Schauspieler vermutlich, am roten Teppich lässt er sich in weiter Hose, engem Shirt und Kurzhaarfrisur fotografieren. Die langen Haare seien schon etwas Besonderes gewesen, gesteht er lachend: „Mir gehen sie ja schon eher aus.“ Auch seine Kolleginnen und Kollegen halten sich in Sachen Tracht zurück, nur Maxi Schafroth hat einen Jägerhut auf. Könnte ebenfalls etwas mit Haaren zu tun haben – zu lang oder kurz, zu viel oder wenig sind sie ja oft einmal. Ansonsten tragen viele Künstler- oder Friedhofschwarz, vielleicht als Anspielung auf den Untertitel des Films: „Der Tod ist erst der Anfang.“
Mit Anfängen nimmt man es an diesem Abend auch sehr genau: Der Filmbeginn wurde extra vorverlegt, damit wirklich alle das anschließende FC-Bayern-Debakel in voller Länge durchleiden können. Mit dem Termin haben sich die Produzenten Marcus Welke, Max Wiedemann und Quirin Berg ohnehin keinen Gefallen getan: Am selben Abend findet auch die Eröffnung des Dok-Fests München statt. Für Film- oder Fußballfans eigentlich eine unlösbare Angelegenheit, für Heiner Lauterbach nicht: Der entscheidet sich für Event-Hopping. Im Film spielt er den hochdeutsch sprechenden Vater von Brückner, im wahren Leben läuft er über den roten Teppich und lässt sich mit Teamkollegen und Influencerinnen ablichten. Für Kurz-Interviews hat er auch Zeit, den Gang in den Kinosaal spart er sich: „Ich habe den Film schon gesehen, ich muss jetzt zum Fußball.“
Hannah Herzsprung entscheidet sich für die Eins-nach-dem-anderen-Methode. „Ja, logisch“, antwortet sie auf die wohl meistgestellte Frage des Abends: Ob sie den Bayern die Daumen drücken werde. Zuvor erledigt sie aber ihre Arbeit auf dem roten Teppich und beim Schlussapplaus auf der Bühne. Herzsprung lebt schon lange nicht mehr in München, ist aber hier aufgewachsen: Da sei so ein Premierentermin auch eine kleine Reise zurück in die Vergangenheit, sagt sie. Das passt zum Film, der ein München zeigt, das es so vermutlich nie gegeben hat. Und der einen Männertyp feiert, den man kaum mehr antrifft in der Stadt - nicht nur der Frisur wegen.
Zeitlos dagegen ist der Auftrag aus Ludwig Thomas Vorlage aus dem Jahre 1911, der es auch ins Kino geschafft hat: Da wird der titelgebende Münchner aus dem Himmel zurück auf die Erde geschickt, um der bayerischen Regierung göttliche Eingebungen zu überbringen. Braucht es so etwas heute noch, will man von Maximilian Brückner wissen. Dieser setzt sein treuherzigstes Lächeln auf und sagt: „Schaden tut es sicher nicht.“

