Die Deutschen werden immer älter, zuletzt lebten hierzulande 17 900 mindestens Hundertjährige. Das sei eine Steigerung von einem knappen Viertel gegenüber dem Jahr 2011, teilte das Statistische Bundesamt mit. Aber nicht nur die Menschen werden älter: Auch das einstmals junge Medium Kino ist in die Jahre gekommen. Immer mehr Filme, Geschichten und Namen kommen hinzu, immer mehr Jubiläen stehen an. Das Filmmuseum München greift gleich mehrere davon im aktuellen Frühlings- und Sommerprogramm auf.
Als Hundertjährige kann man sich Marilyn Monroe kaum vorstellen, im Juni aber wäre die ewig junge Hollywoodlegende tatsächlich so alt geworden. Die 1926 als Norma Jeane Baker geborene Amerikanerin starb im Alter von nur 36 Jahren, über ihren Tod wird nach wie vor gerätselt, ebenso wie über ihre Ehemänner (Joe DiMaggio oder Arthur Miller) und Liebhaber (angeblich Bobby Kennedy und John F. Kennedy). Viele Filme arbeiteten sich an ihr ab, zuletzt etwa das schauderhafte Netflix-Biopic „Blonde“ aus dem Jahr 2022. Höchste Zeit also, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: ihre Filme.

Die viel zu sehr auf ihr Äußeres reduzierte Monroe war eine gute Schauspielerin, das kann man von Mitte März an im Filmmuseum selbst sehen. Bis Ende Mai werden Musicals („Gentlemen Prefer Blondes“), Western („River Of No Return“), Thriller („Niagara“) oder die Billy-Wilder-Komödienklassiker „The Seven Year Itch“ oder „Some Like It Hot“ gezeigt. Hollywood hat viele Stars hervorgebracht, die meisten von ihnen sind im Laufe der Zeit vergessen. An Marilyn Monroe wird man sich vermutlich in hundert Jahren noch erinnern.

Als Hundertjährigen kann man sich ihn sehr wohl vorstellen: Der 99-jährige Mel Brooks wird in ein paar Monaten hundert Jahre alt, genauer gesagt am 28. Juni. Auch ihm widmet das Filmmuseum eine Retrospektive. Der als Melvin Kaminsky in New York geborene Regisseur, Schauspieler, Komiker, Autor und Produzent war bis zu ihrem Tod mit Anne Bancroft verheiratet und wurde weltbekannt mit Filmparodien. „Blazing Saddles“, „Young Frankenstein“ oder sein Spielfilmdebüt „The Producers“ (hierzulande besser bekannt als „Frühling für Hitler“) brachten ganze Generationen zum Lachen. Diese Filme werden in München auch zu sehen sein. Doch Brooks kann mehr als lustig: Gezeigt werden auch von ihm produzierte Genre-Klassiker wie David Lynchs „The Elephant Man“ oder „The Fly“ von David Cronenberg.
Und noch zwei Hundertjährige: 1926 feierte das sowjetische Meisterwerk „Panzerkreuzer Potemkin“ seine deutsche Premiere in Berlin. Dessen Regisseur Sergej Eisenstein erzählte von einem Aufstand auf einem russischen Kriegsschiff, die Szenen auf der Hafentreppe von Odessa sind in die Filmgeschichte eingegangen. Wie dieser Stummfilm im Laufe eines Jahrhunderts bearbeitet wurde, wie er in andere Werke eingeflossen ist und welche politische Sprengkraft er heute noch hat, erkundet eine kleine Filmreihe mit dem schönen Titel „Die Treppe von Odessa“ im April.
Ebenfalls 1926 kam Lotte Reinigers Film „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ in die Kinos; er gilt als erster abendfüllender deutscher Animationsfilm. Im Filmmuseum wird er im Rahmen einer Puppentrickfilm-Reihe gezeigt, diese ist recht umfangreich und reicht von den 1920er-Jahren bis in die Gegenwart. Es gibt ein Wiedersehen mit so bekannten Filmpuppen wie King Kong, Pinocchio, Reineke Fuchs, Aladdin oder den Knetgummi-Helden Wallace & Gromit, auch Publikumsgespräche, Puppentrick-Kurzfilmreihen und Filmabende mit Live-Musik sind geplant.

Ganz ohne Jahrestag oder Jubiläum kommt die Retrospektive zu Ehren von Agnès Varda aus: Die französische Filmemacherin starb 2019 im Alter von 90 Jahren, sie war bis ins hohe Alter künstlerisch aktiv und erhielt wenige Wochen vor ihrem Tod den Ehrenpreis der Berlinale. Die Reihe im Filmmuseum beginnt mit ihrem letzten Film „Varda par Agnès“ aus dem Jahr 2018; in insgesamt 28 Programmen werden ihre Kurz-, Dokumentar- und Spielfilme aufgeführt. Auch drei Filme ihres Manns Jacques Demy (unter anderem „Die Regenschirme von Cherbourg“) stehen auf dem Spielplan.
Agnès Varda konnte auf eine mehr als sechs Jahrzehnte währende Karriere zurückblicken: auf den 1961 entstandenen Nouvelle-Vague-Klassiker „Cléo de 5 à 7“ („Cléo – Mittwoch zwischen 5 und 7“), den ihrem verstorbenen Mann gewidmeten „Jacquot de Nantes“ („Jacquot aus Nantes“) aus dem Jahr 1990, den zehn Jahre später entstandenen Dokumentarfilm „Les glaneurs et la glaneuse“ („Die Sammler und die Sammlerin“) oder das 1985 mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnete Drama „Sans toit ni loi“ („Vogelfrei“) mit Sandrine Bonnaire als junge Streunerin im kalten Süden Frankreichs.
Am 19. März startet eine weitere Ausgabe der Architekturfilmtage, die Reihe ist beliebt und findet jedes Jahr statt. Dieses Mal steht die Reihe unter dem Motto „Häuser erzählen“; zu sehen sind Filme von Éric Rohmer, Heinz Emigholz oder Joachim Trier. Eine der umfangreichsten Filmreihen des aktuellen Programms dürfte aber eine wahre Herzensangelegenheit sein: Unter dem Titel „Wunschkino“ präsentieren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Filmmuseums sowie Menschen aus deren Umfeld ihre liebsten Liebesfilme. 27 Filme umfasst diese Reihe, darunter sind so unterschiedliche Klassiker wie „Pretty Woman“ oder „Hiroshima, mon amour“, aber auch Filmperlen wie „Yi Yi“, „Léon“, „Lost in translation“, „La fille sur le pont“ oder „Brokeback Mountain“.
Da schaut man ebenso dankbar wie wehmütig zurück in die Filmgeschichte – und auf die Geschichte des 63 Jahre alten Filmmuseums, das es in dieser Form bald nicht mehr geben wird: Im Zuge der Stadtmuseum-Sanierung müssen im Laufe des Jahres 2027 auch der Kinosaal, das Café und die Büros ausziehen. Das bedeutet nicht das Ende, denn es wird weitergehen. Wo das Filmmuseum sein Interimsquartier aufschlagen wird, ist bisher nicht bekannt, dürfte aber in den kommenden Monaten bekanntgegeben werden.
Frühling- und Sommerprogramm Filmmuseum München, bis Ende Juli, St.-Jakobs-Platz 1

