Süddeutsche Zeitung

Filmreihe zu Ehren von Marlon Brando:Rebell mit engelhaften Zügen

Lesezeit: 3 min

Im April wäre Marlon Brando 100 Jahre alt geworden. Das Filmmuseum München ehrt den vielleicht besten Schauspieler seiner Zeit mit einer großen Retrospektive.

Von Josef Grübl

100 Jahre gehen auch in 100 Sekunden: Wer heute nach Marlon Brando sucht, findet bei Youtube, Tiktok oder X viele Filmschnipsel, auf seiner offiziellen Instagram-Seite kann man den Hollywoodstar vorwiegend jung und breitschultrig bewundern. Das Internet ist voller Best-of-Videos und Memes, besonders beliebt sind sein Lederjacken-Auftritt in "The Wild One" ("Der Wilde"), die Hamsterbacken-Nummer aus "The Godfather" ("Der Pate") oder sein spätes Auftauchen in "Apocalypse Now". Und natürlich der Jahrhundertmonolog aus dem Dockarbeiter-Drama "On The Waterfront" ("Die Faust im Nacken"): "I coulda have class, I coulda been a contender. I could've been somebody, instead of a bum, which is what I am."

Aber natürlich wurde aus diesem Mann etwas: ein Mann mit Klasse, kein gemeiner Lump, wie behauptet. Am 3. April wäre Marlon Brando, der als bester Schauspieler seiner Zeit galt, 100 Jahre alt geworden. ( Er starb im Sommer 2004 im Alter von 80 Jahren.) Das Münchner Filmmuseum widmet dem Meister des Method Actings die ausführlichste Retrospektive der aktuellen Spielzeit.

Zu sehen sind alle eingangs genannten Filme (und noch einige mehr), selbstverständlich in voller Länge. Im Fall von Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" geht es sogar in die Verlängerung: Als das Meisterwerk über den Wahnsinn des Vietnamkriegs 1979 in die Kinos kam, war es knapp 50 Minuten kürzer als die 2001 veröffentlichte "Redux"-Fassung. 2019 veröffentlichte Coppola eine weitere Version: "Apocalypse Now: Final Cut" wurde digital restauriert und mit neuen Dolby-Surround-Toneffekten versehen, diese Fassung läuft im Filmmuseum. "Horror and moral terror are your friends", sagt der von Brando gespielte Colonel Kurtz, er ist längst abgetaucht ins Herz der Finsternis.

Geboren und aufgewachsen ist Marlon Brando im Mittleren Westen, in Nebraska und Illinois. Er nahm Schauspielunterricht in New York, im Alter von 20 Jahren debütierte er am Broadway. Fünf Jahre später spielte er im Kriegsheimkehrer-Drama "The Men" ("Die Männer") seine erste Filmhauptrolle.

In den Jahren darauf wurde er mit Filmen wie "A Streetcar Named Desire", "Viva Zapata" oder "On the Waterfront" zum Star. Er gewann seinen ersten Oscar und wurde als Vertreter einer neuen Schauspielgeneration gefeiert, für seine Virilität und Sensibilität. "Es war, als hätte man einen fremden Kopf auf diesen muskulösen Körper verpflanzt, wie auf einem gefälschten Foto", schrieb Truman Capote in seinem berühmten Brando-Porträt, er pries dessen "engelhaften Züge" und seine verschwitzte Männlichkeit. Der Schriftsteller besuchte den Schauspieler in Japan, während der Dreharbeiten des Films "Sayonara" (1957). Bei einem Abendessen entlockte er ihm intime Geständnisse, der Star sprach über seine Liebesunfähigkeit und seine alkoholkranke Mutter. "Ich bring' ihn um", soll Brando gesagt haben, nachdem Capotes Porträt im "New Yorker" erschienen war.

Bücher über Brando gibt es trotzdem viele, sehr interessant ist jenes von Jörg Fauser ("Der versilberte Rebell"), der nicht nur eine Filmstar-Existenz beschrieb, sondern auch das Leben in den USA in den Nachkriegsjahrzehnten - Rassismus und Ungleichbehandlung inklusive. Marlon Brando war ein Zerrissener, so wie auch der jung und unter ungeklärten Umständen verstorbene Fauser. Die Arbeit mit dem Schauspielstar war wohl mühsam, seine Launen und die angebliche Unfähigkeit, sich Drehbuchtexte zu merken, ließen regelmäßig Drehpläne und Budgets platzen. 1962 drehte er "Mutiny on the Bounty" ("Meuterei auf der Bounty"), darüber liest man besonders viele Horrorgeschichten. Der Regisseur musste ausgetauscht werden, das produzierende Studio MGM geriet in finanzielle Schieflage. Für Brando war dieser Kassenflop trotzdem ein Gewinn: Er verliebte sich in seine Kollegin Tarita Teriipaia, bekam mit ihr zwei Kinder und kaufte eine Südseeinsel bei Tahiti, auf der er fortan viel Zeit verbringen sollte. Einfacher wurde sein von zahlreichen Affären und schweren Schicksalsschlägen geprägtes Privatleben aber nicht.

Das Filmmuseum München zeigt 28 Filme

Insgesamt 28 Filme stehen auf dem Spielplan des Filmmuseums, die Brando-Retro geht bis Ende Juni. Sie beginnt am 30. März mit dem Dokumentarfilm "Brando" (2007), in dem Weggefährten wie Bernardo Bertolucci, Ellen Adler, Arthur Penn, Jane Fonda oder Johnny Depp zu Wort kommen. Auch Marlon Brandos einzige Regiearbeit, der 1961 entstandene Western "One-Eyed Jacks" ("Der Besessene"), wird gezeigt. Einige Filme fehlen, "The Teahouse of the August Moon" oder "Freshman" etwa, was bei einer mehr als 50-jährigen Karriere aber kaum verwundert.

Klassiker wie der umstrittene "Ultimo tango a Parigi" ("Der letzte Tango in Paris") oder der ebenfalls im Jahr 1972 entstandene "The Godfather" werden aber ebenso gezeigt wie der obskure Western "The Missouri Breaks" ("Duell am Missouri") aus dem Jahr 1976, in dem er als Killer in Frauenkleidern einen Pferdedieb (Jack Nicholson) jagt. Auch Bernhard Wickis einziger in Hollywood gedrehter Film "Morituri" (1965) oder Charles Chaplins letzter Spielfilm "A Countess from Hong Kong" ("Die Gräfin von Hongkong") stehen auf dem Programm: In dieser bereits im Jahr 1967 hoffnungslos altmodischen Komödie entdeckt Brando auf einer Schiffsreise eine blinde Passagierin (Sophia Loren) im Schrank seiner Kabine. "What are you doing in that closet", fragt er sie völlig überrumpelt. Es ist ein ganz anderer Brando als der aus den Best-of-Clips. Es lohnt sich also, noch weitere Türen im Brando-Kosmos zu öffnen.

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