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Filmfestival:Als die Bilder fahren lernten

Cinemobil

Kino auf Rädern: das "Cinemamobile" auf dem Weg nach Seefeld.

(Foto: Calabresepress)

Kino duldet keinen Stillstand: das "Cinemamobile" von Wolf Gaudlitz auf dem Fünf-Seen-Filmfestival

Von Cora Wucherer, Seefeld

Wolf Gaudlitz bleibt in Bewegung. Während er redet, baut er einen weißen Pavillon im Seefelder Schlosshof auf, nestelt an seinem Kinoprojektor herum und läuft dann zur Leinwand. Diese Leinwand, fünf Meter breit, drei Meter hoch, steht gerade still. Aber noch vor einem Tag war auch sie in Bewegung. Denn sie ist an einem Lkw befestigt, ein mobiles Kino also, oder, wie Gaudlitz es nennt: Cinemamobile. Beim Fünf-Seen-Filmfestival zeigte er erst in Weßling, jetzt in Seefeld jeden Abend Filme auf seiner fahrbaren Leinwand. Am Vortag fuhr Gaudlitz sein Kino auf Rädern von Weßling nach Seefeld, mit Warnblinkanlage und aufgespannter Leinwand durch strömenden Regen, etwa sechs Kilometer auf der Bundesstraße. Wie das geklappt hat? "Problemlos", sagt er. "Meine Jeansjacke wurde 15 Kilo schwer und hängt immer noch beim Trocknen. Aber die Leinwand ist wasserdicht."

Das Cinemamobile und sein Besitzer haben schon einiges mitgemacht. Wolf Gaudlitz, Filmemacher, Schriftsteller, Schauspieler, Kulturjournalist und Multitalent, ist seit mehr als 20 Jahren mit dem türkis-beigen Offroad-Lkw unterwegs. Der 65-Jährige war in Westafrika, Teilen Nordafrikas, in der Wüste Sahara. "Wenn man so viel gesehen hat, muss man sich nichts mehr beweisen", sagt er. Enge Bergstraßen würde er nicht mehr befahren, nicht mehr viel riskieren. "Das Wichtigste ist das Ankommen." Gaudlitz' Motto: Bewegung und Stillstand, darüber hat er einen ganzen Essay verfasst. "Wir selbst kämpfen doch bereits ums nackte Überleben", heißt es darin. "Einiges sollte, vieles darf nicht sterben. Die Wahrung des Kinos, die Pflicht, Träume anhand von Filmen weiterhin Wirklichkeit werden zu lassen, gehören unweigerlich dazu."

Deshalb ist er hier, auf dem 14. Fünf-Seen-Filmfestival. Vor jedem Film zeigt Gaudlitz Slapstick-Klassiker in SchwarzWeiß auf 16 Millimetern, dann folgen die Filme. Am Mittwochabend wurde ein Kurzfilmwettbewerb veranstaltet, acht Kurzfilme flimmerten über das zwölf Tonnen schwere Cinemamobile, zwei bis 20 Minuten lang, bei einigen waren die Regisseure anwesend. Da ging es um eine junge Tramperin in Österreich ("Favoriten"), eine griechische Familie ("Ifigeneia: No More Tears") oder um Studentenverbindungen und rechte Tendenzen ("Fux"). Die Zuschauer schauten gebannt auf die Lkw-Leinwand. Selbst die Kellner des Bräustüberls neben dem Cinemamobile blickten in ihrer Pause hinüber, obwohl ihre Zigaretten längst verglüht waren. Am Abend zuvor, bei "La Strada", hatte es geregnet. Die Menschen seien sitzen geblieben bis zum Ende. Sogar Achtzigjährige, sogar Gehbehinderte, erzählt Gaudlitz. "Jeder ist beglückt durchnässt nach Hause gegangen", schwärmt er. "So ist Kino in Corona-Zeiten: Leiden. Mitleiden. Ich habe 'La Strada' auch schon warm im Kino gesehen. Aber es ist nicht genug, es nur zu sehen. Man muss es spüren."

Noch bis zum 7. September parkt das Cinemamobile im Schlosshof Seefeld und lädt zum Film-Fühlen ein. Beginn der Vorführungen ist jeweils um 20.15 Uhr (Infos unter www.fsff.de). Zu sehen gibt es an diesem Donnerstag den Schwarzweiß-Thriller "Lohn der Angst", am 5. September die französische Tragikromanze "Die Dinge des Lebens", am 6. das Drama "Das Wunder von Mailand" und am 7. die Doku "Sahara Salaam". Letztere ist vom Filmemacher selbst. Das Roadmovie handelt von seinen Reisen durch die Sahara und die Menschen, die ihm dabei begegneten. Zehn Jahre Erfahrungen und Erlebnisse in der Wüste stecken in dem bildgewaltigen Dokumentarfilm, das Cinemamobile selbst ist auch dabei. "Authentischer wird es nicht", sagt Gaudlitz zum Abschlussfilm. "Da sieht man den Protagonisten des Films auf dem Protagonisten selbst."

Ob das Cinemamobile jemals still stehen wird? "Das wird es erst, wenn ich keine 140 Kilo mehr hochheben kann", sagt der Filmemacher. "So viel wiegt ein Reifen. Erst wenn ich keinen Reifen mehr wechseln kann, muss ich das Fahrzeug abgeben. Denn zum Verrosten ist es zu schade." Bis dahin wird Wolf Gaudlitz mit ihm wohl noch einiges bewegen.

© SZ vom 04.09.2020

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