Ein guter Kinofilm, der die Massen begeistert, braucht in der Regel genau das: Stars und neue Gesichter, große Gefühle und Konflikte, ein stimmiges Drehbuch mit Plot-Twists und Überraschungen und: ein Happy End.
So gesehen war die 42. Ausgabe des Filmfests München, die am Sonntag zu Ende ging, ein guter Kinofilm. Eine bejubelte Feelgood-Komödie im Open-Air-Kino, wenn man so möchte, weil es überwiegend heiß und sommerlich zuging an den zehn Festivaltagen. Von 27. Juni bis 6. Juli wurden 91 000 Besuche gezählt, davon 16 000 bei Branchenveranstaltungen (2024 waren es 71 000 ohne Branchen-Events, seit 2025 wird neu gerechnet). Die Stimmung war heiter und außerordentlich gut bei dem nach der Berlinale bedeutendsten Kinofestival Deutschlands.
Was die Stars betrifft, so waren in einer Woche so viele da, wie sonst das ganze Jahr nicht. Weltbekannte Filmschaffende fanden, zumindest kurz, ihren Weg nach München und auf die isargrünen Teppiche. Allen voran Gillian Anderson („The Salt Path“) und Stellan Skarsgård („Sentimental Value“), die beide starke Filme als Deutschlandpremieren vorstellten und jeweils mit dem Ehrenpreis, dem „CineMerit“-Award ausgezeichnet wurden.
Feiern für ihr Schaffen ließen sich auch Helge Schneider („The Klimperclown“), Paula Beer und Albrecht Schuch („Stiller“), Matthias Schweighöfer („Brick“), Christoph Maria Herbst („Ganzer halber Bruder“), Marcus H. Rosenmüller („Neue Geschichten vom Pumuckl“) und Jella Haase („#schwarzeschafe“). Um nur ein paar der bekanntesten zu nennen.
Bei den Newcomern beeindruckte unter anderem Elise Krieps im viel beachteten und gleich mit mehreren Preisen ausgezeichnetem Missbrauchsdrama „Karla“ (dazu später mehr). Krieps spielt darin ein Mädchen, das seinen gewalttätigen Vater verklagt. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte aus den Sechzigerjahren. Elise Krieps ist die Tochter der ausgezeichneten Schauspielerin Vicky Krieps, die derzeit im Film „Hot Milk“ in den Kinos zu sehen ist. Nun waren Mutter und Tochter in München. Wie schön.

Große Gefühle gab es ohnehin zuhauf, Tränen der Rührung, Euphorie im Schlussapplaus und auf den zahlreichen Partys. Enttäuschungen aber auch. Viele hatten gehofft, Carey Mulligan würde der Eröffnung in der Isarphilharmonie internationalen Glanz verleihen. Die britische Oscar-Kandidatin hatte „aus privaten Gründen“ kurzfristig absagen müssen, so die offizielle Begründung. Und über den charmanten, aber leider nicht sehr inspirierten Auftritt von Anderson wurde unter Filmfest-Beobachtern viel diskutiert.
Nicht vorhersehbare Plot Twists waren der kurzfristig angekündigte „CineMerit“-Award für Skarsgård. Und der Besuch von Ethan Hawke: Der Hollywood-Star („Before Sunset“) ließ sich beim Empfang des Film-Fernseh-Fonds Bayern (FFF) im Café Reitschule blicken. Hawke dreht in Bayern die internationale (und vom FFF geförderte) Koproduktion „The Weight“. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder überraschte, allein schon durch seine Anwesenheit bei der Eröffnungsgala – nach Jahren der Abstinenz.
Söder liebt Filme. Sagt er. Um die Filme sollte es auch hier gehen. Das Angebot war groß, 164 Werke aus 54 Ländern standen auf dem Programm. Als Publikumslieblinge kristallisierten sich die neuen Folgen von Rosenmüllers Pumuckl-Update heraus, Stefan Haupts Literaturverfilmung „Stiller“, Jay Duplass‘ Tragikomödie „The Baltimorons“, der berührende und witzige Eröffnungsfilm „The Ballad of Wallis Island“ von James Griffiths, die Historienserie „Oktoberfest 1905“, die Oskar-Maria-Graf-Adaption „Sturm kommt auf“ und und und.
Mit dem „Audience Award“, dem Publikumspreis von SZ und BR, wurden die bayerische Jenseits-Satire „Zweigstelle“ von Julius Grimm (national) und das bereits in Cannes prämierte Familiendrama „Sentimental Value“ von Joachim Trier (international) ausgezeichnet.

Die großen Wettbewerbspreise gingen an eher unbekanntere Werke: Der mit sagenhaften 100 000 Euro dotierte „CineCoPro Award“ für die beste Koproduktion mit deutscher Beteiligung ging an die kunstvolle kolumbianische Tragikomödie „Un Poeta“ von Simón Mesa Soto. Als bester internationaler Film („CineMasters Award“, 15000 Euro) gewann das belgische Frauenporträt „Kika“ von Alexe Poukine. Es setzte sich unter anderem gegen die Arbeiten von Richard Linklater, François Ozon und die Senkrechtstarterin Mascha Schilinski durch.
Als bester internationaler Nachwuchsfilm („CineVision Award“, 10 000 Euro) wurde das kubanische Drama „Al oeste, en zapata“ von David Bim prämiert; der noch junge „CineRebels Award“ (15 000 Euro) ging an den japanischen Film „Okamoto“ von Soujiro Sanada. Mit dem „CineKindl Award“ für den besten Kinderfilm (3000 Euro) wurde das US-Roadmovie „Omaha“ von Cole Webley ausgezeichnet.
Weitere Gewinnerfilme waren: „Der Botaniker“ von Jing Yi („Young Jury Award“), „Tafiti – ab durch die Wüste“ von Nina Wels („CineKindl Audience Award“) und „Sechswochenamt“ von Jaqueline Jansen („Fipresci-Preis“ der Filmkritik).
Bei den deutschen Filmen ragten zwei Werke hervor: Ebenjenes autofiktionale Debüt „Sechswochenamt“ über Trauer in der Pandemie gewann zusätzlich beim Förderpreis Neues Deutsches Kino zweifach: für die beste Produktion und die beste schauspielerische Leistung (Magdalena Laubisch). „Karla“ wiederum, von dem eingangs schon die Rede war, sicherte sich die begehrten Preise in den Kategorien „Beste Regie“ (Christina Tournatzés) und „Bestes Drehbuch“ (Yvonne Görlach).
Das Drehbuch des Filmfests selbst war stimmig. Wie im Vorjahr setzte Festivaldirektor Christoph Gröner auf große Galas zu Beginn, Preisverleihungen und Best-of-Programme zum Finale. Und auf das Vertrauen der Branche. Es scheint, als würde etwas Ruhe einkehren nach turbulenten Filmfestjahren, geprägt durch Expansionspläne, Pandemierückschläge und den Ausstieg der langjährigen Direktorin Diana Iljine 2023. Christoph Gröner und Julia Weigl, beide frisch verlängert als künstlerisches Leitungsduo, haben sich eingegroovt.
Das offizielle Fazit der beiden fällt dementsprechend positiv aus: „Wir könnten nicht dankbarer sein für das Münchner Publikum, das die Entdeckungen des Festivals wirklich angenommen hat, sich von Film begeistern ließ, in den respektvollen Austausch mit Künstler:innen und ihren Werken gegangen ist. Diese große Neugier und Offenheit ist wichtiger denn je in diesen Zeiten – Film fordert uns heraus, verändert unsere Perspektiven, regt zum Nachdenken an. Und unterhält natürlich. Danke für eine herausragende Festivalwoche.“


