An die Frage nach der Herkunft ihrer Eltern hat Ivie sich gewöhnt. "Aus Leipzig", antwortet die junge Lehrerin dann. Ivie ist Afrodeutsche, lässt sich von ihrer besten Freundin "Schoko" nennen und hat keine Lust darauf, als Beispiel für vorbildliche Integration herhalten zu müssen. Das ändert sich erst, als sie ihre Halbschwester kennenlernt und über Alltagsrassismus nachzudenken beginnt. Sarah Blaßkiewitz' Spielfilmdebüt "Ivie wie Ivie" war eines der Highlights des letztjährigen Filmfests München, jetzt steht es auf dem Programm der Tagung "Teilhabe im Film", die das Filmfest gemeinsam mit der Evangelischen Akademie Tutzing veranstaltet.
Von 25. bis 27. März treffen sich Branchenvertreter und Filmschaffende am Starnberger See; auch interessierte Laien können sich für das Symposium anmelden. In Vorträgen, Workshops, Filmvorführungen und Podiumsdiskussionen soll es um das Thema Diversität in der Filmbranche gehen. Nicht nur Produktionen wie "Ivie wie Ivie" offenbaren, dass es Aufholbedarf gibt und dem deutschen Film mehr Vielfalt guttäte: Noch immer werden oft die gleichen Geschichten aus den gleichen Perspektiven mit den ewiggleichen Gesichtern erzählt. Geschlecht, Alter, Hautfarbe, nationale Herkunft oder sexuelle Orientierung stehen für die Diversität der Menschen, für ihre Individualität und Eigenständigkeit - werden aber kaum repräsentiert. Und wenn man aus den sogenannten marginalisierten Gruppen der Gesellschaft besetzt, werden oft stereotype Rollen vergeben: Drogendealer, Kleinkriminelle oder Putzfrauen. Initiativen wie "Pro Quote Film" oder "Queer Media Society" setzen sich für Gleichberechtigung in der deutschen Film- und Medienlandschaft ein, ihre Erkenntnisse sollen bei der Tagung in Tutzing ebenso zur Sprache kommen wie die jüngsten Studienergebnisse der Münchner Malisa-Stiftung.
"Wir brauchen nicht mehr Worte, sondern konkrete nächste Schritte."
Es gehe um die Zukunft der deutschen Filmbranche, behaupten Julia Weigl und Christoph Gröner vom Filmfest. Austausch sei wichtig, Diskussionen auch, das ist den beiden aber nicht genug: "Wir brauchen nicht mehr Worte, sondern konkrete nächste Schritte." An den drei Tagungstagen soll nicht nur miteinander geredet, sondern auch gehandelt werden. Die Pläne und Erwartungen sind also hochgesteckt, das sieht man auch an der Liste der teilnehmenden Sprecher oder Moderatorinnen. Zugesagt haben unter anderem der Produzent Nico Hofmann, die Schauspielerinnen Haley Louise Jones und Maria Furtwängler, die Regisseure Duc Ngo Ngoc und Jerry Hoffman, die Wissenschaftler Özkan Ezli oder Elizabeth Prommer sowie die Filmförderer Helge Albers und Dorothee Erpenstein.
Für Branchenmenschen geht es zudem ums Sehen und Gesehen werden, das steht bereits im Titel der Tagung. Aber auch das Filmfest München will wieder mehr gesehen werden: Nachdem die letzten beiden Festivalausgaben pandemiebedingt gar nicht oder nur eingeschränkt stattfinden konnten, möchte man auch abseits der zehn Festivaltage im Sommer inhaltliche Akzente setzen. Als "Satellitenveranstaltung" bezeichnen die Organisatoren die Tutzinger Tagung: Gut möglich, dass in Zukunft noch mehr solcher Satelliten ausgesetzt werden.
Sehen und gesehen werden: Teilhabe im Film, Tagung in Tutzing, Fr., 25. bis So., 27. März, Infos und Anmeldung: www.ev-akademie-tutzing.de
