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Drama "Siberia":Männliche Abgründe

Vom Leben gebeutelt: Clint (Willem Dafoe) hat sich in eine Hütte in den verschneiten Bergen zurückgezogen.

(Foto: PORT AU PRINCE)

Willem Dafoe spielt in dem Drama von Abel Ferrara einen Außenseiter auf der Suche nach sich selbst. "Siberia" ist ein bildgewaltiger wie irritierender Tanz mit den eigenen Dämonen, der im Wettbewerbsprogramm der jüngsten Berlinale lief.

Von Josef Grübl

Als die russische Oma mit der werdenden Mutter an den Tresen tritt, hält man kurz den Atem an: Werden die beiden Alkohol bestellen? Natürlich machen sie das. Wird die Schwangere ihren Busen zeigen? Na klar, auch das macht sie, selbstverständlich unaufgefordert. Und schläft sie hinterher mit dem Barkeeper? Aber sicher: Während die Russenoma Wodkas kippt, haben der alte Barmann und die junge Frau Sex.

Wer jetzt sagt, das sei nichts Besonderes, so etwas passiere in den Filmen von Abel Ferrara (Bad Lieutenant, Welcome To New York) ständig, hat selbstverständlich recht. Trotzdem stutzt man in dieser Szene: Denn die junge Schwangere im Film (Cristina Chiriac) ist im wahren Leben die Ehefrau des Regisseurs - und der inszeniert sie, wie sie mit seinem Hauptdarsteller Willem Dafoe vögelt. Und damit ist man auch schon mittendrin im Werk des amerikanischen Regierebellen, der keine Trennlinien zieht zwischen dem Privaten und der Fiktion, der sogar großen Spaß an den daraus resultierenden Irritationen zu haben scheint.

So auch in diesem Film, der im Februar im Wettbewerbsprogramm der Berlinale lief: Es ist die Geschichte eines vom Leben gebeutelten Mannes namens Clint (Dafoe), der sich in eine Hütte in den verschneiten Bergen zurückgezogen hat. Hin und wieder schauen Gäste vorbei, die Oma und die Schwangere etwa, die restliche Zeit steigt Clint in immer tiefere Keller und Höhlen hinab, in die Abgründe seiner Seele. Man kann das als eine völlig aus der Zeit gefallene Männlichkeitsstudie betrachten - oder als ebenso konsequente wie kompromisslose Fortsetzung eines Lebenswerks. Gedreht wurde Siberia übrigens nicht in Sibirien, sondern in Südtirol und Bayern. Dort bekam Ferrara Fördergelder, dort hat er seinen Film dann auch gedreht.

© SZ vom 01.07.2020

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