bedeckt München 16°

Film:König Lars der Vielseitige

Schwesterlein-PetitSoeur

Sein oder Nichtsein, das ist für ihn die alles entscheidende Frage: Lars Eidinger spielt im Schweizer Kinofilm "Schwesterlein" einen an Krebs erkrankten Berliner Theaterstar, der noch einmal den Hamlet spielen will und sich dafür Perücke und Krone überstülpt. Er trägt auch eine umgedrehte Bomberjacke, so wie die Piloten im Krieg, die gesehen werden wollen.

(Foto: Jonas Friedrich/Vega Film)

Er ist Schauspieler der Stunde und Liebling der Feuilletons. Beim Fünf-Seen-Filmfestival stellt Lars Eidinger gleich zwei neue Kinodramen vor. Im Gespräch springen seine Gedanken schon mal von Hitler über Trump bis zu Schlingensief

Von Josef Grübl

Da steht er also, in kurzen Polyesterhosen eines Pariser Luxuslabels, vor ihm der Starnberger See kurz vor einem Sommergewitter, hinter ihm ein Bild der Kaiserin von Österreich. Das alles sieht so arrangiert aus, dass man unweigerlich an eine seiner Kunstaktionen denken muss. An die One-Minute-Sculptures, die er mit Erwin Wurm gemacht hat. An die Musikvideos mit den Elektro-Pop-Helden Deichkind. Oder zumindest an die Designertüte im Aldi-Design, für die er sich neben Berliner Obdachlosen fotografieren ließ und heftig kritisiert wurde.

Aber nichts davon trifft zu an diesem Nachmittag in Feldafing: Lars Eidinger ist einfach nur da, um über seine Filme zu sprechen. Denn das hat man in letzter Zeit ja fast vergessen: Der 44-Jährige ist einer der besten Schauspieler des Landes, er wird gefeiert für seine Auftritte an der Berliner Schaubühne ("Hamlet", "Peer Gynt"), im Fernsehen ("Babylon Berlin") oder im Kino ("25 km/h", "Die Blumen von gestern"). Egal wo man hinschaut: Eidinger war schon da, er ist nicht nur sehr gut, sondern auch sehr fleißig. Manche behaupten, der gebürtige Berliner sei omnipräsent, mache viel zu viel. Dem entgegnet er, dass er sich nicht aufdränge: "Wer mich nicht sehen kann, muss ja nicht hinschauen." Er liebe seinen Beruf, er wolle sich nicht aus Karrieregründen rarmachen. "Ehrlich gesagt könnte ich noch viel mehr machen", sagt er während des Gesprächs auf der Terrasse eines Vier-Sterne-Hotels in Feldafing und blinzelt in die Sonne. Zwei Stunden später wird er bei strömendem Regen nach Starnberg zum Fünf-Seen-Filmfestival fahren - und ebenfalls mehr machen als erwartet. Er wird in viele Kameras lächeln, Fernsehinterviews geben, das Publikum mit Aussagen über seine Liebe zu Leberkäse und Lederhosen begeistern.

Aber zurück ins sonnige Feldafing: Dort schwärmt er zunächst über die bayerische Landschaft und dass er diesen Sommer Familienurlaub am Staffelsee gemacht habe. Dann erzählt er von seinem neuen Film "Persischstunden", in dem er einen Hauptsturmführer im Zweiten Weltkrieg spielt. Dieser will den titelgebenden Unterricht nehmen, um sich nach Kriegsende eine Zukunft in Teheran aufzubauen. Ein junger Jude behauptet in Todesangst, er sei Perser und könne dem Herrn Hauptsturmführer die Sprache beibringen. Es ist eine wahnwitzige und tragikomische Story, in der der junge Mann fortlaufend Fantasiewörter auf Farsi erfindet und Dauerangst haben muss, entdeckt zu werden. Für Eidinger geht es um menschliche Konflikte, die nie überwunden werden, gleichzeitig sei der Film aber ganz aktuell. Und wenn man an all die Naziaufmärsche denkt, an die Flaggen vor dem Reichstagsgebäude und die Wahlerfolge rechter Demagogen, hat er natürlich Recht. Er könne sich daran erinnern, wie sein Lehrer in der Schule erzählt habe, Adolf Hitler sei am Anfang belächelt worden. "Dieses Phänomen zieht sich durch die Geschichte", sagt er. Donald Trump sei auch eine Witzfigur, "gleichzeitig ist er der mächtigste und gefährlichste Mensch der Welt. Ich glaube, dass man aufhören muss, über ihn zu lachen." Dann zitiert er Christoph Schlingensief: "Ironie ist systembestätigend." Wenn man sich über alles nur moralisch erhebe und ironisch distanziere, fährt Eidinger fort, töte man auch den Impuls, dagegen aufzubegehren. "Und diese Verharmlosung gab es nicht nur damals, die findet auch jetzt statt." Von Hitler über Trump zu Schlingensief: Das geht bei Lars Eidinger ganz schnell, er argumentiert schlüssig, zwischendurch streut er Privates ein. Dann erzählt er von seiner Frau Ulrike, die heute als Familientherapeutin arbeitet und früher Opernsängerin war. Mit dem vor zehn Jahren verstorbenen Schlingensief habe sie bei dessen letzten vier Inszenierungen zusammengearbeitet.

Und damit ist man auch schon beim zweiten neuen Film des Schauspielers, der ebenfalls beim Fünf-Seen-Filmfestival gezeigt wird. Im Schweizer Kinodrama "Schwesterlein" spielt er einen Berliner Theaterstar, der als Hamlet an der Schaubühne große Erfolge feierte - Ähnlichkeiten zum realen Theaterstar Lars Eidinger sind natürlich Absicht. Doch im Film leidet seine Figur an Krebs; die Krankheit ist so weit fortgeschritten, dass es keine Heilung mehr gibt. Thomas Ostermeier, dem Künstlerischen Leiter der Schaubühne, gefiel die Idee des todkranken Schaubühnen-Hamlets anfangs gar nicht, dann aber ließ er sich überzeugen - und spielte sogar mit. "Bei diesem Film habe ich Christoph Schlingensief als Inspiration genommen", sagt Eidinger. Er habe sich daran erinnert, wie sehr dieser seine Angst vor dem Tod öffentlich gemacht habe. Dabei schaut er in den Himmel über Feldafing, der sich zunehmend verfinstert. Schlingensief wurde nach dem Bekanntwerden seiner Erkrankung auch kritisiert, einige Menschen fanden seine Auftritte obszön und narzisstisch. Genau das faszinierte den Schauspieler: Man habe doch immer die Vorstellung, dass todkranke Menschen Größe und Weisheit erlangen würden, sagt er. "Doch das Gegenteil ist der Fall. Jemand, der Angst vor dem Tod hat, schrumpft. Und so etwas zu zeigen, ist viel stärker als jemanden, der heroisch wirkt."

Lars Eidinger überzeugt als Nazi ebenso wie als sterbender Künstler. Beide Filme starten diesen Herbst auch regulär im Kino, beim Fünf-Seen-Filmfestival sind sie ebenfalls noch zu sehen ("Schwesterlein" am Samstag, 5. September, "Persischstunden" am Montag, 7. September). Vor zwei Jahren spielte er Bertolt Brecht im Kinofilm "Mackie Messer", an Brechts Theorien orientiert er sich auch: "Zeigt, dass ihr zeigt." Und zeigefreudig ist Lars Eidinger, in jeder Hinsicht. Er möchte sein Publikum nicht einlullen, sondern es solle "den Vorgang des Spielens in seiner ganzen Komplexität wahrnehmen". Heißt also: Am besten findet er es, wenn man ihn als Figur und Spieler gleichzeitig wahrnimmt.

Vor der Terrasse in Feldafing blitzt und donnert es, die Sonne ist hinter grauen Regenwolken verschwunden. Und Lars Eidinger stellt fest: "Der See ist weg."

© SZ vom 02.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite