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Drama:"Ich bin Deutschland"

Gefeiert wurde in Berlin schon immer, aber warum muss Franz alias Francis (Welket Bungué, hier mit Annabelle Mandeng) dabei ein Affenkostüm tragen?

(Foto: Frédéric Batier/eOne Germany)

"Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin wurde schon mehrmals verfilmt. Sein Franz Biberkopf heißt im Jahr 2020 Francis, kommt aus Afrika und sucht nach einem Platz in der Gesellschaft.

Von Josef Grübl

Hier ist er also, der Mann, der früher Franz Biberkopf hieß und heute Francis. Er kommt aus Afrika und lebt in Berlin, er hat Geld und eine blonde Freundin, er ist cool und geht auf Partys. Und da steht er dann herum, zwischen all den Leuten und trägt ein Affenkostüm. Natürlich nur ironisch, in Berlin ist ja immer alles ironisch. Komisch nur, dass er das Kostüm nicht selbst ausgesucht hat - das besorgte sein Kumpel Reinhold. Komisch auch, dass Reinhold einen Tropenanzug anhat, so wie ein Kolonialherr, natürlich ebenfalls ironisch. Diese Szene ist die eindringlichste in dieser Neuverfilmung von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz". Eindringlich war bereits der 1929 erschienene Roman, eingeprägt haben sich auch die bisherigen Verfilmungen mit Heinrich George (1931) und von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1980.

Im Sommer 2020 demonstrieren die Menschen mit "Black Lives Matter"-Plakaten gegen Rassismus, Ausbeutung und Polizeigewalt, da bekommt dieser auf der Berlinale uraufgeführte Film eine ganz aktuelle Note. Denn natürlich wird der aus Afrika geflohene Mann von der Polizei verfolgt. Natürlich wird er ausgenutzt als Drogenkurier, und natürlich ist sein Kumpel im Tropenanzug ein Rassist. "Ich bin Deutschland", sagt Franz alias Francis (Welket Bungué) einmal, da kriegt sich Reinhold gar nicht mehr ein vor Lachen, so komisch findet er das. Und eigentlich ist es nicht einmal Franz' Geschichte, sondern die von Reinhold. Ein schillernder Bösewicht ist er, das Gegenteil der Hauptfigur, die im Döblin-Korsett feststeckt und immer nur anständig sein will.

Reinhold wird verkörpert von Albrecht Schuch, der so wandelbar ist wie kein anderer Schauspieler seiner Generation. In der Serie Bad Banks spielte er einen ehrgeizigen Investmentbanker, im Künstler-Biopic Paula einen zaghaften Künstlerinnengatten, im NSU-Film Mitten in Deutschland den Neonazi Uwe Mundlos. Hier tänzelt er mit verkrümmtem Körper durch ein neonbuntes Berlin, dafür bekam er im Mai den Deutschen Filmpreis als bester Nebendarsteller. Den als bester Hauptdarsteller bekam Schuch übrigens auch, für seine Leistung im Kinohit Systemsprenger. Da spielte er einen sanftmütigen Sozialarbeiter, sehr viel größer könnten die Unterschiede kaum sein.

Berlin Alexanderplatz, Regie: Burhan Qurbani

© SZ vom 16.07.2020

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