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Film:Beine und Bauten

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Mitreißend erzählt der Film von Geschichte und Architektur des Viertels, auch vom Königsplatz, auf dem im Sommer Jahrmarktsstimmung einzog.

(Foto: Felix Hörhager/dpa)

Architekt und Filmemacher Thomas Jocher hat mit "Take Max" eine große Liebeserklärung an die Maxvorstadt gedreht

Von Gerhard matzig

Das Leben feiert sich am Ende des knapp einstündigen Films "Take Max" genau dort, wo auch der Tod wohnt: am Alten Nordfriedhof an der Arcisstraße. Der dient heute in der Maxvorstadt, die einerseits zu den dicht bebauten, aber zugleich auch großzügig mit viel Kultur, Wissenschaft und Plätzen ausgestatteten Stadtvierteln Münchens zählt, als Park des Lebenshungers. Außerdem verhilft der Ex-Friedhof dem Regisseur Thomas Jocher, der auch Architekt ist (oder andersrum), zu einer alles andere als beiläufig gemeinten Szene.

Darin spielen die Beine eines sonnenhungrigen und mit Hilfe eines Bikinis in minimalistischer Interpretation der "Bekleidungstheorie" (des Architekten Gottfried Semper) folgenden Wesens und kontrastreich verwitterte Grabmale die Hauptrollen. An der Stelle ist der informative, wundersam liebenswerte Film "Take Max", der im Untertitel wehmütig "Sommer 2020" heißt und das coronabedingte Kuriosum eines verhinderten Architekturspaziergangs durch das Museums- und Hochschulareal darstellt, fast eine Stunde alt.

Weshalb man über die hier eingespielte Regieergänzung mit Hilfe eines Stummfilm-Spruchbandes ("Wir sehen hier erst einmal die Sonnenbadende ...") nicht mehr völlig verblüfft ist. Zum Glück versagt sich die Kamera einen zu langen Blick auf die nackten Beine - aber lustig ist es natürlich schon, das just in diesem auf dem Bein-Bauwerk ruhenden Augenblick der Stadtheimatpfleger Bernhard Landbrecht inmitten des Alten Nordfriedhofs sagt: "Man sieht diese unglaublich sympathische Architektursprache." Das gilt eigentlich für die zum Friedhof gehörenden Baulichkeiten des Architekten Hans Döllgast. Doch die insofern nicht ganz linientreue Kamera nimmt synchron dazu die zum Park gehörenden Menschlichkeiten in den Blick.

Die bisweilen seltsam anachronistischen Untertitel machen aus dem ganz bewusst in Schwarz-Weiß gedrehten Film, der ein Projekt für und auch von Münchner Architekturstudentinnen und angehenden Architekten ist, bisweilen eine Buster-Keaton-Hommage. Wer Jocher kennt, Gründungspartner des genau vor 30 Jahren in der Maxvorstadt eröffneten Architekturbüros Fink+Jocher und weltweit tätig als Professor und Juror, der weiß, dass der enorme Charme dieses Films auch etwas zu tun hat mit der Leidenschaft für die heimatliche Stadt als Ort des Planbaren, der dennoch immer einhergeht mit Begegnungen, Zufälligkeiten, kurz: mit dem Unplanbaren des Lebens an sich.

Take Max, alles andere als ein professioneller Film, gelegentlich verwackelt, manchmal vom Gebimmel der Tram, manchmal auch vom Gelächter in der Gastronomie übertönt (ja, das gab es mal, es nannte sich: Leben), erhält seine Bedeutung von der Hingabe an die Sache. Dennoch ist die Unternehmung - ein relativ virenarmer Film statt eines realen Spaziergangs mit Dutzenden von Studenten - erkenntnisstiftend geraten. Das Amateurhafte ist im Wortsinn zu verstehen. Amateure (im Vergleich zu, sagen wir, Hollywood) sind immer auch Liebende. Und in diesem Fall geht die Zuneigung eine mitreißende Verbindung ein mit dem Wissen um Architektonisches und Stadtgeschichtliches.

Wobei das Projekt von den Kontakten Jochers profitiert. Es treten auf in diesem filmischen Stadtspaziergang zwischen Königsplatz und Glyptothek, Lenbachhaus und NS-Dokumentationszentrum, Abtei St. Bonifaz und dem Quartier der "Lenbachgärten", Brandhorst Museum und Sep-Ruf-Wohnscheibe: Pater Korbinian, Elisabeth Merk, Andres Lepik, Matthias Mühling, Winfried Nerdinger ... und etliche andere Instanzen der Münchner Kultur.

Sogar in Berlin und London wurde gedreht. Dort wird Stefan Behling vom Büro Foster + Partners interviewt. Er spricht über die erste Liebe (der Garten vor dem Lenbachhaus) und über die intensiven Bemühungen um jene signalhaft goldige Anbaufarbe, die auch eine Hommage sein soll. Wobei die Liebe dazu ja nicht von allen Münchnerinnen und Münchnern erwidert wird. Weißblau oder Schwarzgelb wäre aber sicher keine Alternative gewesen. Der Film ist eine lebendige Chronik der immer auch vital umstrittenen Stadtgeschichte.

Es wird aber nicht nur die Architektur in den Blick genommen, sondern auch die Geschichte hinter den Fassaden. Deshalb erfährt man nicht nur, dass das frühere Wohnhaus des Wimmelbild-Meisters Ali Mitgutsch (Türkenstraße 52) zum prominenten Opfer der Gentrifizierung wurde. Sondern auch, dass in St. Bonifaz, Grablege von Ludwig I., auch dessen Frau Therese begraben ist. Fast illegal. Denn die Prinzessin war "eine Evangelische", wie Diözesanbaumeister Hanns-Martin Römisch im Film erläutert. Das Begrabensein in einer katholischen Kirche war seinerzeit "undenkbar". Der König musste trickreich sein, um dereinst zusammen mit seiner Frau in St. Bonifaz zu ruhen. Draußen, vor der Kirche, wurde ein Loch gegraben, ins Fundament der Kirche ebenso - und Thereses Leichnam wurde unterirdisch und etwas unköniglich "hineingeschoben". Das war der gerade noch von den Katholiken akzeptierte "Königsweg". Man ist dann doch froh, dass Ökumene und gesellschaftliches Frauenbild heute ein paar Schritte weiter sind. Übrigens lautet der Jocher-Untertitel dazu: "Das ist doch eine Story!"

Es ist sympathisch, wenn die Experten bisweilen etwas routinelos in die Kamera blicken, während sie den Gegenstand ihrer Expertise erläutern. Der von einer Herzensangelegenheit nicht zu unterscheiden ist. Das gilt auch für Thomas Jocher, den architekturbegeisterten Filmer, der auch ein filmbegeisterter Architekt ist. "Ist das nicht unglaublich", fragt er am Telefon, "was der Königsplatz schon alles gesehen hat?" Das reicht von Naziaufmärschen bis zu Riesenrad und Kettenkarussell im letzten Sommer. Das alles hält er aus, der Platz, "weil er ein so guter Platz ist". Weil die Menschen sich darauf einrichten und ihn, die NS-Zeit ausgenommen, besitzen dürfen. Am Ende hat man das Gefühl, etwas von der souveränen Stadtplanung zu begreifen, die königlichen Ursprungs und am Königsplatz Resultat einer grandiosen Antikensehnsucht ist - und den Menschen dient. Ein größere Liebeserklärung an ein Stadtviertel als der cineastische Gratis-Sonderling Take Max (www.takemax.de) ist kaum denkbar.

© SZ vom 13.01.2021
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