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Film "Bavaria" von Joseph Vilsmaier:Ein Münchner am Himmel

Der 73-jährige Joseph Vilsmaier hat im Hubschrauber monatelang Bilder über große Themen wie Religion, Geschichte, Industrie oder Brauchtum gesammelt.

(Foto: Claus Schunk)

Bayern aus einer ganz anderen Perspektive: Für seinen neuen Film "Bavaria" hat Regisseur Joseph Vilsmaier Hunderte Stunden im Hubschrauber gedreht - und will Schloss Neuschwanstein, Starnberger See oder den Sylvensteinspeicher zeigen, wie niemand sie kennt. Der Schönheit des Freistaats auf der Spur.

Philipp Crone

Joseph Vilsmaier ist erleichtert. Es ist Föhn an diesem Dienstagmorgen Mitte Mai um acht Uhr. Bei Föhn fliegen die Fliegen nicht so hoch. Nicht so hoch, wie Vilsmaier fliegt, mit dem weißen Hubschrauber und der Spezialkamera, mindestens 150 Meter über dem Boden, höchstens bis zum Gipfel des Wendelsteins, an diesem Tag. Die Fliegen. "Ein Viech" allein reicht, um den ganzen Drehtag durcheinanderzubringen.

Vilsmaier und sein Pilot Hans Ostler sitzen um kurz nach acht Uhr in der Kommandozentrale des kleinen Hangars auf dem EADS-Gelände in Ottobrunn. Vilsmaier, graustoppeliger Kurzbart und graues Haar, blickt auf seinen Plan und fragt: "Surfer auf dem Walchensee?", Ostler, graues Haar und vom Lachen gefaltetes Gesicht: "Ja", ist im Flugplan.

Die beiden trinken Kaffee und essen Butterbrezen, wie vor jedem Drehtag. Vilsmaier, der Regie-Routinier, braucht Rituale, sagt er, die helfen gegen Hektik. Denn natürlich ist es mal wieder extrem knapp mit der verbleibenden Zeit bis zum Filmstart. Vilsmaier hat sich Stress und Panik beim Arbeiten aber abgewöhnt. Und ihm gegenüber hockt einer, dem man ohnehin nichts vormachen kann. Hans Ostler war Franz Beckenbauers Pilot bei der WM 2006 in Deutschland, er ist seit Jahrzehnten gefragt bei Filmaufnahmen aus dem Hubschrauber. Die beiden Männer, könnte man meinen, kann nichts mehr aus der Ruhe bringen. Falsch gemeint.

Joseph Vilsmaiers neuer Film "Bavaria - Traumreise durch Bayern", der an diesem Donnerstag Premiere feiert, ist ein Experiment. Der Versuch des Oscar-nominierten Münchner Regisseurs, seine Heimat im Kino zu erzählen. Wie es zuletzt bei "Deutschland von oben" oder "Nordsee von oben" eher nicht geglückt ist.

Vor dem Start des weißen Hubschraubers sieht sich Ostler noch einmal die Webcam von Neuschwanstein auf einem Computer an. "Könnte reichen", sagt er, das Schloss liegt leicht in der Sonne.

Die beiden Herren kämpfen nicht nur gegen Zeit und Viecher, sondern auch gegen Wolken, Regen, den eigenen Schatten und um die richtige Route. Das ist eine, auf der sie mit einer Tankfüllung wieder zurückkommen, auf der sie nicht zu oft umdrehen und etwa die kleine Kapelle auf dem Felsvorsprung am Wendelstein, so wie gleich am Anfang, noch einmal anfliegen müssen, weil die Blende nicht gestimmt hat.

Der alte Mann und die neue Technik

Im Cockpit ein paar Minuten später sitzen dann aber nicht zwei Altmeister ihres Fachs und ein Kameramann, sondern drei Männer, die versuchen, sich nicht anmerken zu lassen, wie toll sie das finden, was sie hier machen dürfen. Der Kameramann aus Wien prüft im Viersitzer links hinten die Fernsteuerung der Kamera. Die ist an der Schnauze des Helikopters montiert, 60 Kilo schwer, 600.000 Dollar teuer, neueste Filmtechnologie. Die Kamera ist in einem kugelgelagerten Carbongehäuse befestigt. Ein Computer erkennt die Bewegung des Hubschraubers in Mikrosekunden, also in Echtzeit, steuert kleine Motoren, die die Kamera ruhig halten.

Ostler rechts vorne legt sein iPad mit der Flugroute auf sein linkes Knie und drückt vier schwarze Knöpfe am Armaturenbrett. Die Rotorblätter drehen sich langsam, und ein ansteigender leiser Heulton ertönt. Check der Headsets, Abheben um 8.48 Uhr, Vilsmaier lächelt. Die drei Männer gehen in Arbeitsmodus. Denn in wenigen Minuten müssen sie so funktionieren, als wären sie nur einer. "1-0-5" bestätigt Ostler dem Tower über Funk, der Luftdruck.

Der Hubschrauber schwebt über den Hofoldinger Forst. Ostler hat die rechte Hand am Steuer, die Füße an den Pedalen. Er testet die Kamera, kippt den Hubschrauber ruckartig nach links und rechts. Das Bild der Kamera, das er an der Windschutzscheibe auf einem Monitor sieht und der Regisseur rechts hinten auf seinem Din-A-3-großen Bildschirm, das Bild wackelt nicht.

Vilsmaier, 73, lächelt weiter. Der alte Mann und die Technik. Auch das reizt ihn an diesem Projekt. Es ist etwas Anderes, etwas Neues, kein Drama, sondern eine Dokumentation, er muss nicht mit Schauspielern umgehen, sondern mit Maschinen. Und dann das Thema: Bayern, seine Heimat, in der er "ganz tief verwurzelt" ist.

Vilsmaier blickt zwischen Lesebrille und der vergilbten Kappe hindurch auf sein Land. "Die satten Farben, und alles ist so akkurat!", das bewegt ihn, immer wieder, auch noch am 40. Drehtag im Helikopter. Er erzählt die Geschichte von einem BBC-Journalisten, der einmal erklärte, dass man von oben sehen könne, wie gut es einem Land gehe. "Je besser gepflegt die Hausdächer sind, sagte der, desto wohlhabender die Leute. Denn Dächer repariere man als letztes." Die Dächer rund um München und auf dem Weg zum Wendelstein sind knallrot.

Warum macht Vilsmaier das? Einen Film über Bayern, 90 Minuten, davon 70 mit Luftbildern. Er hat das Oktoberfest gedreht, Neuschwanstein im Winter, die Wallfahrt von Altötting, den Ludwiglauf, den FC Bayern in der Allianz Arena, an diesem Tag den Biergarten von Kloster Andechs, zum Beispiel. Es gibt keinen Erzählstrang, keinen Spannungsbogen wie bei der Suche nach dem Mörder in einem Krimi, keine Hauptfigur. Nur schöne Bilder. Reicht das?

Vilsmaier tut, was er am Besten kann. Zumindest wenn es nach den Kritikern geht, die seine 14 Kinofilme seit dem Regie-Debüt bei "Herbstmilch" 1988 immer wieder ähnlich einschätzten: Ob "Brandner Kaspar", "Schlafes Bruder", "Nanga Parbat" oder "Comedian Harmonists", sein Gespür für Bildkompositionen sei bewundernswert, seine Schwäche liege bei zwischenmenschlichen Tönen. Diesmal sprechen Bilder, und er selbst aus dem Off.

Vilsmaier zeigt Dinge, die er selbst nicht über Bayern wusste, und geht davon aus, dass es vielleicht andere auch nicht wissen. Etwa, dass die weltgrößten Diesel-Schiffsmotoren in Bayern produziert werden.

Der Hubschrauber steigt hoch zum Wendelstein, der in eine dunkelgraue Wolke sticht. Es ist ein Farbenspiel, graue Felsen, weiße und graue Wolken, blaue Himmelsflecken und sonnige Landschaften. Zu diesen Aufnahmen muss kein Sprecher etwas sagen.

Noch high vom Fliegen

Ostler fliegt den Berg von rechts an, Vilsmaier korrigiert, und der Kameramann schwenkt die Kamera per Joystick leicht mit. 30 Sekunden, fertig. "So, jetzt wolltest du zum Tegernsee, oder Joseph?", sagt Ostler und dreht ab. Auf der linken Seite taucht eine Kapelle auf einem Felsvorsprung auf. Vilsmaier reagiert: "Hans, noch einmal anfliegen, das machen wir." Neuer Anflug. See, Kapelle und Bergwände schieben sich ineinander. Alles gehört nun irgendwie zusammen, Kirche, Berg, Tal, und die zwei Wanderer, die gerade vor der Kapelle stehen und ihr Gipfelbier trinken. Vielleicht kann man das von oben besser sehen als von unten: was alles zusammenpasst, zusammengehört, zusammen ist.

Die Frage ist ja schon, was man von oben besser sieht als von unten. Eine Kuh sieht zum Beispiel ganz anders aus von oben. Sie hat keine Beine. Und ihre Weide ist nicht einfach nur eine Wiese, sondern man kann ausgetrampelte Pfade erkennen. Vom Unterstand zur Tränke, am Zaun entlang, die Kuh sieht von hier oben aus wie ein träges Gewohnheitstier, richtig bayerisch.

Was man natürlich von oben auch sieht, sind kleine Geschichten. Zum Beispiel in der Nähe von Bad Tölz, da fliegt Ostler über eine Wiese am Ortsrand, die von drei Seiten uneinsehbar von Wald umgeben ist. Ein Mann steht da, am Feldweg parkt sein Auto, er nimmt gerade zehn Meter Anlauf, um einen Fußball in ein leeres Tor zu schießen, es ist 9.34 Uhr. Er trifft, links halbhoch.

Und ein paar Kilometer, also wenige Flugminuten weiter, sitzt ein Reiter auf seinem Pferd und blickt auf sechs Hürden. Er blickt ein paar Sekunden, dann lässt er sein Pferd im Kreis traben. Und die drei geübten Vielflieger sehen noch mehr Details, etwa als zwei Gamsen über eine Felskuppe springen. "Die sind nicht mehr so fett wie im Winter."

Es sind wohl eher nicht diese Geschichten, die Vilsmaier im Film erzählt. Er sammelt Bilder über Bayern, über große Themen, Religion, Geschichte, Industrie, Brauchtum.

Es sind viele Bilder. Vilsmaier ist an diesem Vormittag auch fast mehr Sekretär als Regisseur. Den Blick auf seine Liste gerichtet, murmelt er "If-fel-dorf", was militärisch klingt über Kopfhörerfunk. Abgehakt. Zuvor am Tegernsee, ein Gebäudekomplex am Hang, das Fraunhofer-Institut von Rottach-Egern. "Frau-en-ho-fer." Sie überfliegen weiter knallrote Dächer, dann erscheint der "Wal-chen-see", unter weißblauem Himmel, das Bild bekommt die Bestnote der Crew: "Postkarte!"

Um 10.32 Uhr ein neuer Ausruf: "Oah, Scheiße!" Sie sind getroffen. Oben rechts auf dem Bildschirm hängt ein schwarzer Fleck. Viech. Ostler allerdings scheint sich zu freuen. Das ist jetzt sein Einsatz. Er sucht in kürzester Zeit einen geeigneten Landeplatz. Landung, mit Reinigungsmittel und Lappen an die Linse, rotierende Rotoren, Abflug, nach Neuschwanstein.

Fünfmal auf Turmhöhe um das Schloss, in dem Moment ist der Helikopter die kreisende Schmeißfliege, dann geht es weiter, auf dem Staffelsee sitzt ein Mann in seinem Ruderboot und liest Zeitung. Auf die Osterseen zu, Vilsmaier sagt: "Wir fangen beim ersten See an." Ostler: "Der erste See ist ein Solarfeld." Funkgelächter.

Ottobrunn um 12.19 Uhr, Landung, Joseph Vilsmaier schnappt sich die Drehkassetten, es muss jetzt schnell gehen. Die Musik zum Film kommt von Haindling, der aber auf Tour ist, dazu ist einer der Cutter gerade krank. Andere Regisseure würden wüten und schimpfen. Aber Vilsmaier lächelt nur, er ist noch high vom Fliegen, und irgendwie auch dauerhigh von der Idee, Bayern ins Kino zu bringen.

Doku statt Drama, von oben statt von unten, Sprecher statt Schauspieler, ob das gut geht? Zumindest wird wohl diesmal kein Kritiker über Schwächen bei zwischenmenschlichen Tönen schimpfen, die gibt es ja nicht.

Am nächsten Tag gibt es auf jeden Fall wieder Kaffee und Butterbreze. Dann geht's weiter, zum Kö-nigs-see.

© SZ vom 19.07.2012/sonn/gba
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