Filiale am Münchner Hauptbahnhof:Vinko Hitis Beschäftigung war etwas Seltenes

Auf den ersten Blick scheint die Entrüstung der alten Dame nicht ganz nachvollziehbar zu sein. Schließlich ist es nichts Ungewöhnliches, dass in der Gastronomie und im Einzelhandel mal Live-Musik geboten wird und dann wieder nicht. Ein paar Auftritte eines Künstlers, dann spielt jemand anderes - oder wie häufig: gar niemand mehr. Warum also die Aufregung in diesem Fall? Becker hat eine Antwort parat: "Der Klavierspieler im Karstadt war in München so etwas wie eine Institution, und etwas Besonderes obendrein."

Ein Künstler, der über viele Jahre hinweg mehrmals die Woche im selben Geschäft auftritt, ist in Deutschland mehr als unüblich. Selbst im berühmten KaDeWe in Berlin gab es nichts Vergleichbares - Europas zweitgrößtes Warenhaus gehört ebenfalls zum Karstadt-Konzern. Vor einigen Jahren war Hiti selbst mal dort. Bei einem Besuch in der Hauptstadt unternahm er einen Abstecher in Richtung Kudamm. Er fragte nach anderen Klavierspielern, interessehalber. Nein, hätten ihm die Mitarbeiter dort geantwortet, so lange und häufig, wie er in München schon spiele, das sei absolut ungewöhnlich, selbst bei ihnen. Eine große Portion Stolz schwingt mit, wenn der gebürtige Kroate, der seit 33 Jahren in München lebt, von seinem besonderen Status berichtet, der nun Vergangenheit ist.

Klaviermusik beim Uhrenkauf

Wenn er im alten Hertie am Hauptbahnhof - so hieß das Haus bis zu seiner Umbenennung im Jahr 2007 - spielte, konnte man bis hinunter ins Erdgeschoss den Klang des Flügels hören. Bis dorthin, wo der Weg zwischen den Glasvitrinen mit Uhren und Goldschmuck hindurch zum Ausgang herausführt auf den Bahnhofsvorplatz. Eine Mitarbeiterin, die dort schon lange in der Abteilung arbeitet, sieht es gelassen: "Manche fanden es gut, andere hat das dauernde Geklimper gestört. Das ist eben eine Geschmacksfrage." Hiti aber glaubt fest, jeden Geschmack mal getroffen zu haben.

Den der neuen Filial-Geschäftsführung offenbar nicht. Seit Januar leitet Michael Noss das Haus. Auch die Unterschriftenliste hat an seiner Entscheidung nichts geändert. Für Hiti ist die Liste zumindest eine Bestätigung: "Sie sagt doch aus, dass meine Leistung meistens sehr ordentlich war." Vielleicht, hofft er, löse der kleine Kundensturm auf die Geschäftsführung doch noch eine Meinungsänderung in der Chefetage aus. "Wenn nicht für mich, dann wenigstens zu Gunsten eines anderen Klavierspielers."

Kaffee-Besuche ohne Klavier

Ende des Jahres geht Vinko Hiti in Rente, dann wird er 65. Bis dahin bleibt ihm die Anstellung bei der Musikschule Unterhaching. Ab und an zieht es ihn noch an die langjährige Wirkungsstätte, die "alten Kollegen" besuchen und einen Kaffee trinken, oben im Restaurant. Dann sucht er sich einen Platz, dort, wo früher der Flügel stand, mit dem er bis vor Kurzem die Münchner bei ihrem Wochenendeinkauf musikalisch begleitete. Natürlich hätte er gerne noch dieses eine Jahr bis zur Pension bei Karstadt verbracht. "Als teilweise freischaffender Künstler muss ich nun mal die Entscheidung meines Auftraggebers akzeptieren", sagt er. "Ich bin sehr dankbar, dass ich so lange hier spielen konnte." Aber das Leben ist eben kein Wunschkonzert, weder für einen Kaufhaus-Pianisten, noch für Stammkunden.

© SZ vom 21.02.2015/axi
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