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Filiale am Münchner Hauptbahnhof:Karstadt entlässt seinen Pianisten

Unter dem Glasdach von Karstadt am Bahnhof hat Vinko Hiti regelmäßig gespielt, dreimal die Woche. Bis zu seiner Kündigung.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Vinko Hiti hat die letzten 16 Jahre bei Karstadt am Hauptbahnhof Klavier gespielt.
  • Zum Jahresbeginn hat die Filialleitung seinen Honorarvertrag gekündigt.
  • Mehrere Fans haben sich über die Entlassung beschwert.

Von Philipp von Nathusius

Ich muss es so betrachten: Eine Verkäuferin ist nun mal wichtiger für ein Kaufhaus als ein Klavierspieler." So viel Verständnis, wie Vinko Hiti für seine Kündigung aufbringt, können Arbeitgeber, die Mitarbeiter entlassen, in der Regel nicht erwarten. 16 Jahre lang hat der Pianist im Karstadt am Hauptbahnhof Klavier gespielt und damit vor allem die älteren Kunden begeistert. Doch diese Ära hat nun ein Ende gefunden.

Oben unterm Glasdach, dort, wo es zum Restaurant geht, stand der schwarze Flügel. An drei Tagen in der Woche, meistens von Donnerstag bis Samstag, saß Hiti hier auf dem Klavierhocker und griff in die Tasten: Walzer, Jazzklassiker, Swing oder Weihnachtslieder, was gewünscht wurde, was in die Saison passte. Zu Jahresbeginn kündigte die Filialleitung seinen Honorarvertrag. "Ich bin traurig. Mir wurde gekündigt. Aber das ist höhere Gewalt", sagt der 64-Jährige fast schon ein wenig demütig. Er wisse schließlich um die finanziellen Schwierigkeiten des Unternehmens. Persönlich kritisieren möchte er daher niemanden.

Kein letzter Walzer

Aufgebracht sind dagegen seine Fans. Die, die ihm gerne zugehört haben und nur seinetwegen überhaupt regelmäßig bis in den fünften Stock hinaufgefahren sind. Renate Becker gehört zu ihnen. Die Seniorin war sogar bei der Geschäftsleitung der Filiale, um sich zu beschweren. Ende Januar, da war sie das letzte Mal im Karstadt. "Ich bin hineingekommen und hörte: nichts. Wo ist denn der freundliche Klavierspieler, habe ich mich gefragt." Beim Restaurantleiter erfuhr sie, dass Karstadt die Zusammenarbeit mit dem Musiker nicht verlängert habe und es eine Unterschriftenliste gebe. Andere empörte Gäste hätten diese kurzerhand aufgesetzt und der Geschäftsleitung übergeben, um für den Verbleib des Klavierspielers einzutreten. "Einfach schändlich finde ich, dass mir nichts, dir nichts das Engagement beendet wurde, ohne den langjährigen Fans von Herrn Hiti und ihm selbst einen würdigen Abschied zu bereiten", ärgert sich Becker. "Wenigstens einen letzten offiziellen Walzer hätte es doch geben können", kritisiert sie.

Seitens der Filialleitung heißt es, man habe eine interne Entscheidung getroffen. Kommentieren möchte man sie nicht. Es sei einfach ein Votum gegen "das Marketinginstrument Livemusik" gefallen. Und die zweistellige Anzahl verärgerter Kunden auf der Unterschriftenliste stünde in keinem Verhältnis zu den vielen tausend, die täglich das zentral gelegene Geschäft besuchen würden, sagt der Verwaltungschef des Hauses, Roland Wilde. Pianist Hiti glaubt, dass sich für Karstadt das Investment in sein Klavierspiel unternehmerisch stets gelohnt habe. "Das, was ich Karstadt an Honorar gekostet habe, ist durch die Gäste, die wegen mir kamen, wieder reingekommen." Zumindest einige Stammkunden, so viel scheint sicher, werden dem Kaufhaus fortan den Rücken zuwenden: "Ich werde mir nun zweimal überlegen, ob ich dort etwas kaufen oder essen werde", droht Renate Becker.

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