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Figurentheater:Zwischenwesen

Figurentheater

Grenzüberschreitend: Das französische Stück "Traversées" ist von Patrick Kermanns Text "Schwellen" inspiriert.

(Foto: Théâtre de l'Entrouvert)

Das Festival "Wunder." zeigt bis 1. November 30 Produktionen für Erwachsene und Kinder. Die ersten Beiträge waren vielversprechend

Von Barbara Hordych

Es gibt vielfältige Versionen der biblischen Geschichte vom "Turmbau zu Babel": War es die Vermessenheit der Menschen, eine Treppe zum Himmel zu bauen, um besser mit Gott sprechen zu können, die dazu führte, dass ebendieser sie mit der sprichwörtlichen "babylonischen Sprachverwirrung" strafte? Oder kündet diese Geschichte vielmehr von der Vermessenheit eines Despoten, der einen riesigen Turm errichten ließ, damit seine Macht und sein Reichtum weithin sichtbar würden? Die Arbeiter, die er dafür von weither heranzog, konnten sich mit denen aus dem eigenen Land kaum verständigen - und schon war es um die sprachliche Kommunikation geschehen. Welcher Version sollen wir nun Glauben schenken? Aber darum geht es Johannes Volkmann und Martin Ellrodt auch gar nicht bei ihrem Stück "Geschichtenverwirrung", mit dem das Papiertheater Nürnberg das internationale Figurentheaterfestival im Stadtmuseum eröffnete.

Stattdessen erzählen sie davon, wie es gewesen sein könnte - und stapeln währenddessen auf einem Tisch riesige Berge Papier zu einem hohen Turm, nur um ihn dann wieder zum Einstürzen zu bringen. Ein schönes Bild für das, was mit Geschichten über die Jahrhunderte passiert: Sie werden beim Weitererzählen variiert, ergänzt, instrumentalisiert oder ideologisiert. Am Ende geriet die "Geschichtenverwirrung" mit dem Verweis auf aktuell kursierende Verschwörungs-Verirrungen ein wenig zu pädagogisch - trotzdem war sie ein gelungener thematischer Einstieg in das Festival. Noch bis 1. November führen 30 Produktionen aus Tschechien, Slowenien, Frankreich, aus der Schweiz, Israel und Deutschland Erwachsenen und Kindern in München vor Augen, wie vielfältig die Ausdrucksformen des Figuren- und Objekttheaters sein können. Sie sorgen für Überraschungen im Stadtmuseum und in der Schauburg, im Hoch X, im Giesinger Bahnhof und in der Pasinger Fabrik, auf Straßen und in Innenhöfen.

Es ist eine Leistungsschau auf hohem Niveau, die die künstlerische Leiterin Mascha Erbelding in Kooperation mit der Schauburg-Intendantin Andrea Gronemeyer sowie Conny Beckstein und Marion Schäfer vom Verein "Kultur und Spielraum" zusammengestellt hat; und sie trägt dieses Jahr einen neuen Namen: "Wunder." Mit allen Zeichen als "wunder Punkt" gesprochen, weist der Titel darauf hin, dass man auch dorthin schauen wolle, wo es weh tut, hatte Mascha Erbelding bei der Vorstellung des Programms erzählt.

Das war schon im April fertig geplant, aber dann kam Corona. Und die Veranstalter mussten überlegen, zu welchen Bedingungen das Festival im Herbst überhaupt stattfinden könnte. Auch wenn volle Säle nicht mehr denkbar sind, kann man doch mit einem Vorteil punkten: Figuren und Marionetten hauchen keine Aerosole aus, für Schauspieler und Publikum sind sie also unbedenkliche Spiel- und Anspielpartner, selbst in unmittelbarer Nähe. Auch das schon ein kleines Wunder für sich.

Unter den bislang präsentierten Produktionen ragt eine im wortwörtlichen Sinn heraus: Die Performance der 16 Meter hohen Figur "Punch Agathe", die Stefanie Oberhoff mit den "Snuff Puppets" in Melbourne in kleinem Format entwickelte, und die später in Kinshasa zu voller Größe "heranwuchs". Inzwischen ist die riesige schwarze Kasperline im strahlend gelben Minikleid die Heldin einer Volksoper, "die sich immer weiter fortschreibt, in etwa vergleichbar mit den griechisch-römischen Sagen, die über die Jahrhunderte auch weitererzählt und variiert wurden" erklärte Oberhoff, als sie am Dienstag ihrer Heldin beim "Erwachen" im Stadtmuseum zuschaute.

Dort lagerte Agathe lässig hingestreckt in einer Ecke des Innenhofs, kraulte einer riesigen, maulswurfsartigen "Money Mouse" zu ihren Füßen das Fell. Begleitet wurde sie von dem kongolesischen Sänger Strombo. Bei ihrem Auftritt vor zwei Jahren in Stuttgart hüpften dazu zwei menschengroße Brüste zwischen ihren Beinen herum. Ein Hinweis auf die Geschichte der heiligen Agathe, die das Heiratsangebot eines heidnischen Statthalters ablehnte; zur Strafe ließ er ihr die Brüste abschneiden.

Am Mittwoch auf dem Marienplatz hatte Agathe indes anderes im Sinn. Mithilfe eines Krans zu voller Größe aufgerichtet tanzte die bizarre Riesin von Gesang begleitet und begegnete der zweiten Bürgermeisterin Katrin Habenschaden auf dem Rathausbalkon gewissermaßen "auf Augenhöhe". Und überreichte ihr eine riesige Glühbirne. Ein Versuch, der Stadtverwaltung "ein Licht aufzustecken?". Jedenfalls hatte Money Mouse, die zuvor am Stachus mit sehr viel Goldmünzen gefüttert worden war, im Anschluss mit Verdauungsbeschwerden zu kämpfen, erklärte Stefanie Oberhoff.

Einen ganz anders gearteten Zugriff auf weibliche Geschichtsschreibung unternahm die französische Produktion "Aeterna" vom Théâtre de Mouvement in der Schauburg. Zwei Tänzerinnen, Claire Heggen und Elsa Marquet Lienhart, erzählen mit Figuren, Tanzelementen und Musik eine poetische und wortlose Mutter-Tochter-Geschichte über mehrere Generationen, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verschmelzen. Die beiden, Mutter und Tochter auch im echten Leben, stellen den Kreislauf des weiblichen Lebens mit Puppen- und Objekten dar. Dabei entstehen eindringliche Bilder wie etwa das einer Geburt, bei der sich Großmutter, Mutter und (Puppen-)Tochter in den jeweiligen Rollen abwechseln.

Eine klassische Heldenreise weiblicher Prägung erwartete schon die Jüngsten in der Pasinger Fabrik. In dem Stück "Bei Vollmond spricht man nicht" (eine Verballhornung der Ermahnung "Mit vollem Mund spricht man nicht") des Theaters Zitadelle aus Berlin beharrt eine kleine Puppen-Prinzessin ihrem Schauspieler-Vater-König gegenüber darauf, die eigentlich nur für Jungs vorgesehene "Mutprobenreise" anzutreten. Wohin die Reise auch führen mag, das Publikum darf sich noch auf so manche spannende Entdeckung gefasst machen bei diesem Festival. Etwa am Samstag und Sonntag im Innenhof des Stadtmuseums: Da erzählt das Théâtre de l'Entrouvert aus Frankreich in "Traversées" von Erfahrungen zwischen den Welten.

Wunder. Internationales Figurentheaterfestival 2020, bis 1. November, www.wunderpunktfestival.de

© SZ vom 23.10.2020
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